Aphorismen - Literatur - 1912

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1912

[533]

Wenn ein Schriftsteller sich jederzeit der Macht bewußt wäre, die
in seine Hand gegeben ist. würde ein ungeheures Verantwortlichtkeitsgefühl
ihn eher lähmen als beflügeln. Auch das Bescheidenste,

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was er veröffentlicht, ist Same, den er streut und der in
andern Seelen aufgeht, je nach seiner Art.

[534]

Der Bekämpfung der Schundliteratur sollte die von fratzenhaften
Reklamebildern zur Seite treten. Nur die große Trägheit in solchen
Dingen nimmt hin, was hier täglich auf Plakaten und in der

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Presse vor Augen zu rücken gewagt wird, und achtet nicht der
unausbleiblichen, schädlichen Wirkung solcher Zerrbilder auf
jede, besonders aber auf jede jugendliche Seele.

[535]

Über jedem guten Buche muss das Gesicht des Lesers von Zeit zu
Zeit hell werden. Die Sonne innerer Heiterkeit muss sich zuweilen

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von Seele zu Seele grüßen, dann ist auch im schwierigsten
Falle vieles in Ordnung.

[536]

Man weiß, wie wichtig es ist, Schwangeren harmonische Verhältnisse
zu schaffen. Sollte es anders sein mit der Menschheit, die
sich fortwährend im Zustande der Mutterschaft befindet?

[537]
20

Wir sollten gewisse Bücher mehrmals lesen, ehe wir darüber
sprechen. Etwa einmal im Winter, einmal im Sommer - und
manche noch in ganz anderen Intervallen. Was wir dann über sie
zu sagen hätten, würde vermutlich ebensovielmal besser sein...
Und uns selbst würde solche Selbstzucht nicht nur zu besseren

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Lesern, sondern zugleich zu besseren Menschen machen.

[538]

Entwurf für ein Vorwort zu: Wir fanden einen Pfad . Man glaubt,
es komme in neuen Dichtungen vor allem darauf an, daß sie gewissen

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vertrauten Empfindungen und Vorstellungen genügen, ja
schmeicheln. Nun ist ja z.B. das, was wir Deutsche unter einem
Liede verstehen, etwas ungemein Liebliches und Erfreuliches,
und dieselben Menschen, die der "reinen Musik", sagen wir,

5

Mozarts zuliebe, den Fortschritt, den Wagner bedeutet, Rückschritt
nennen, werden für ein wirklich gelungenes Lied
[bricht ab]
Aber diese so sehr verständlichen und sympathischen Menschen
sind in diesem Punkte Träumer und Liebhaber, an denen die

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Entwickelung sacht aber entschieden vorbeigehen muss. Es geht
nicht an, bei einmal gewonnenen schönen Dingen versunken stehenzubleiben
und, weil sie dem viel angefochtenen Herzen so gar
wohl tun, nur immer mehr ihrer Art zu fordern; als wollte einer
bloß von Blüten wissen und das weitere Werden der Frucht nur so

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mit in den Kauf nehmen. Gewiss, ein ewiger Frühhng wäre ein
holder Traum, aber zugleich das Ende unserer Welt, als welche
ganz anderen Zielen denn unschuldigem Lebensgenüsse zustrebt.
Wir brauchen keine Kunst, deren Wesen Wiederholung
ist, sondern eine, die sich weitertastet, die dem wahrhaft Neuen,

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das in unsere Zeit hereinfließt (nicht dem Neuen freilich, das in
Flugfahrzeugen oder wissenschaftlichem Aberglauben besteht)
sich zu öffnen ringt, eine Kunst, die weder von den "Neutönern"
akklamiert, noch auch zu guter alter Kunst gerechnet werden
will, ja auch nicht zu "guter Kunst", — denn in diesem "gut" verbirgt

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sich hier nichts weiter als "das, was wir lieben", und eben
das liebt diese Kunst nicht mehr.

[539]

Traumphantasie. Ich dichte eine Ode aus sechs Strophen. Aber
die fünfte könnte vielleicht besser gestrichen werden. Da kommt
mir der Gedanke: Wenn du nun so lange noch zu leben hättest,

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wie diese Strophen Zeilen haben (nämlich 24 Jahre), würdest du
den höheren Wert des Gedichts mit dem Opfer jener Strophe,
d.h. mit vier Lebensjahren erkaufen? Mein natürliches Gefühl
sagt ohne weiteres ja dazu. Und wahrhaftig, für einen rechten
Künstler gibt es auch nur dies Ja.

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[540]

Man werfe aus der philosophischen Literatur der neueren Zeit
den literarischen Jargon hinaus, und man wird viel gewonnen haben.
Unter Jargon oder Fachfuchserei verstehe ich beispeilsweise die

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humanistische Ablehnung der Bibel als einer Gefahr für den
klassischen Stil.

[541]

An "Geist" fehlt es heute so wenig, daß man ihm aus dem Wege
gehen muß, um nicht vom Überdruß erfasst zu werden. Jede Zeitung,
jede Zeitschrift hat etwas von einem Variete, darin Athleten,

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Jongleure, Akrobaten auftreten. Eine Zeit, die den intellektuellen
Bizeps so eifrig und coram publico übt und spielen läßt, erfüllt
damit gewiss eine bestimmte bedeutende Aufgabe, aber auf die
Dauer wirkt solch im Grunde von niemandem gewünschtes Massenangebot
bloßer Kunstfertigkeit destruktiv.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 125ff.