Aphorismen - Literatur - Ibsen

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...

5

Ibsen

[567]

Man vergißt immer etwas, wenn man über Ibsen urteilt, weil er zu
vielfältig ist.

[568]

Auch wer Ibsens Werk nicht beistimmt, muß doch wie von dem
Brausen eines großen Stromes ergriffen werden, wie von einer

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Naturkraft, die dich im Innersten aufwühlt, wobei es wenig verschlägt,
ob sich dieser an seinem Ufer ansiedeln will und jener
nicht.
Denn schon das bloße Dasein des Genies hat etwas mächtig Erregendes,
Steigerndes, Erhöhendes. -

[569]
15

Man darf jedem mißtrauen, der sich über Ibsen völlig im klaren
ist: Es ist zweifelhaft, ob man über Ibsen je ganz ins klare
kommt. Entweder man ist Europäer, und dann bleibt immer vieles
von seinem Stärksten - was nur aus Norwegen und dem Norweger
heraus zu verstehen - verborgen, oder man ist Norweger,

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und dann hat man heute bessere Dinge zu tun, als seinem ungekrönten
König in seine halb verschütteten Bergwerksgrotten zu
folgen.
Um "Brand" (z.B.) ganz anders denn als bloßes Thesenstück, in
seiner ganzen bitterniswunden Leidenschaftlichkeit nachzufühlen,

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muß man einmal zum mindesten beinahe Norweger gewesen
sein. Man muß an diesem Dreimillionenvolke wie an seinem
eigenen gelitten haben, um diese Kreuzigung den Felsen hinauf
zu begreifen, die "Brand" ist. Die Formel "Alles oder nichts"
ist für die Fremden, der glühende Kern des Werkes ist die zornige

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Liebe eines alttestamentarischen Propheten zu seinem Volke, das
in Kleinlichkeit und Armseligkeit dahinlebt, unfähig, sich zu großen
Gedanken und Taten aufzuraffen. Der Theaterbesucher ist
geneigt, den Schwerpunkt in den Szenen mit Agnes zu sehen (wie

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in "Peer Gynt" in Aases Sterbeszene), und in der Tat wird ja auch
vieles vom Wesentlichsten, wie es in den Gesprächen Brands und
seiner Widersacher, ganze Zeitalter und Kulturtypen erhellend,
zutage tritt, für die Aufführung gestrichen.

[570]

Nach der "Wildente": Ibsen wäre "ungriechisch"? Aber was taten

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die alten Griechengötter andres, als (scheinbar) kalt und spöttisch
das Treiben der Sterblichen betrachten, im Bewußtsein der
Notwendigkeit aller Dinge.
So steht Ibsen vor seinen Mitmenschen. Der herbe Duft einer gewissen
Lächerlichkeit, welche das Kennzeichen jeder Tragik ist,

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schwebt um seine Werke.

[571]

Eines dürfen wir nie vergessen: Ibsen ist uns immer das Dionysische
"schuldig geblieben". Er hat keine einzige dithyrambische
Zeile geschrieben. Er gleicht nicht jenen schönen Erdensöhnen,
die gleichsam ein herrlicher Wahnsinn oft geflügelt über die Erde

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trägt - und jetzt fühle ich auch, daß er kein Shakespeare ist. Er ist
eben nur Ibsen, aber das ist wahrlich auch noch genug.
Das war es vielleicht auch, was ihm im "Solness" überwältigend
zum Bewußtsein kam. Er konnte keine Tempel bauen, ihm fehlte
das schöpferische Pathos des naiven Künstlers, des direkten Kindes

25

der Natur.
Nietzsche hatte das trotz seines bohrenden und zersetzenden Verstandes
- er hat Tempel gebaut, Himmel über jeden, der nur
einmal mit ihm empfunden hat.

[572]

Ibsens Problem. Der erkrankte Wille. Das laisser faire laisser aller.

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Das nicht über sich hinaus Wollen, das weder alles noch

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nichts (Brand), das sich selbst genug, d.h. (Gynt) mit sich selbst
zufrieden Sein, jenes Dahinleben in Schmutz, Armut und erbärmlichem
Behagen.

[573]

Die feigen Menschen sind es, die Ibsen durch alle seine Stücke

5

hindurch verfolgt, die Kompromißler, die Halben. Fast jede seiner
Hauptpersonen sagt einmal von sich selbst: Ja, wenn ich nur
nicht so schrecklich feige wäre! Bernick, Nora, Frau Alving,
Gregers Werle, Hedda, Solness, Ellida, Rosmer.

[574]

Ibsens Problem? Die Loslösung des gesunden Menschen, der

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starken, aufs Ziel gerade zuschreitenden Natur, vom moralisch
Gebrochenen, vom Dekadenten, vom zum Leben unfähig Gewordenen.

Die Nora des Anfangs ist verwandt mit Baskolnikow, sie ist aber
verhältnismäßig stärker.

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Rank: Das Vererbungsprinzip der Naturwissenschaft, hervorgehoben
als Regulativ gegen die abgedankte Moral aus ethischen
Gründen.
Man beachte Helmers Ästhetizismus. Dieser bewusste Ästhetizismus
ist das untrügliche Zeichen degenerierter Instinkte. Helmer

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wertet alles Starke ins Schlechte um. Er, der selbst durch und
durch Phrase, tut alles, was Nora sagt, mit dem Wort "Keine
Phrasen" ab.

[575]

Ibsens Erfolg zu unsrer Zeit ist kein Wunder. Ist er doch der eigentliche
Dichter dieser Zeit, ein Negativer unter solchen, die unfähig

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sind, Neues aus sich zu gebären, ein Mann der kritischen
Historie unter trübseligen Selbstbeschauern, ein Nihilist unter
Nihilisten. Gegen Ibsen ist selbst Tolstoi noch nicht Nihilist. Ibsen
ist schon fast nur noch ein Homunkulus.

[576]

Ibsen ist immer Brand geblieben, nie Licht geworden.

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[577]

Unter Ibsen ist nie ein lyrisches Flügelroß getötet worden.

[578]

Ibsens Persönlichkeit ermangelt vornehmlich jeder Unmittelbarkeit.
Jeder Håkon-Zug fehlt ihm.

[579]

Ibsen: Ein Kapitel geistreichster Verwesung oder: die Kunst geistreich

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und ungestört zu verwesen. Ibsen oder: Sterben in Schönheit
der Technik. Ibsen oder: der vollendete Schauspieler. Ibsen
oder: der dramatische Ritter von der traurigen lyrischen Gestalt.

[580]

In Ibsen ist das Kritische das Primäre, nicht das Schöpferische.
Das Stäbchen, mit dem er seine Leser rührt, ist ein Skalpell.

[581]
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Man könnte Ibsen die Brille Europas nennen.

[582]

[Über "Brand" und "Peer Gynt"]
Ibsens letzte Größe ist . . . nicht das Dichterische, sondern sein sittliches
Pathos. Als Dichtungen könnten diese beiden Werke größer
sein, als Appell an ein liebenswertes, aber schwaches Volk

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und über es hinaus an eine liebenswerte, aber schwache Menschheit
- sind sie Monumente, vergleichbar der Danteschen Hölle,
den "Brüdern Karamasow", dem "Zarathustra".
Ibsen spielte niemals mit seinen Mitteln. Alles Ästhetentum war
ihm grundfremd. Er hatte zu viel und zu Schmerzliches zu predigen,

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um sich jemals bei schönen Reden aufzuhalten... Um aber
wie Dostojewski zu glauben, dazu fehlte ihm das Herz und vor
allem das russische Herz.
Brand geht vor allem deshalb zugrunde, weil er in dem ganzen
Stück keinen einzigen vernünftigen, ihm überlegenen Menschen
trifft. Insofern ist Brand der Typus des Genius, der zuletzt von all
der Mittelmäßigkeit, Dummheit und Narrheit um ihn herum erstickt
und in Wahnsinn oder Tod getrieben wird.

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Die Sprache in "Brand" ist eine im großen Sinne konventionelle.
"Peer Gynt" schlägt von der ersten Seite ab einen ungleich freieren,
wilderen Stilton an.
Man unterschätzt die Summe von Witz, Bosheit und Beziehung,

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die in diesem Werke liegt, wie man den Ernst und die Bitterkeit in
"Brand" zuwenig sucht. Ich versuche vielleicht später, nach einem
nochmaligen Aufenthalt, einen Kommentar zu den beiden
Dichtungen auszuarbeiten.

[583]

Ibsen hat einmal gesagt, ein Lyriker sei in ihm ertötet worden.

10

Man lese, wie am Schluss des "Peer Gynt" seine Lyrik hervorbricht,
und man wird diesen Schluss überhaupt anders verstehen.
Dieser große Satiriker war sein ganzes Leben lang ein noch größerer
Lyriker - wie er uns selbst in "Wenn wir Toten erwachen"
noch einmal bekannt hat.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 133ff.