Aphorismen - Literatur - Nietzsche - 1906

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   S. 130

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1906

[554]

Es wird mir immer gewisser, dass Nietzsche überall da versagt, wo
er sich bewusst oder unbewußt der Eitelkeit seines Geistes hingegeben
hat. Hätte er diesen polnisch-romanischen Zug nicht gehabt,

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er stände oft noch viel größer da. Es gibt keinen schlimmeren
Fluch für einen Denker, als sich seinem Volk gegenüber als
Schriftsteller verpflichtet zu fühlen. Wenn einer Denker geworden
ist, d. h. ein Mensch, dem das Nachdenken über menschliche
Probleme zur inneren Leidenschaft und Lebensaufgabe geworden

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ist, so ist er auch ganz von selbst genug Schriftsteller, seine
Gedanken mitzuteilen.
Aber freilich, Nietzsche war vor allem ein Kämpfer . Er war ein
Weiser aus der Kriegerkaste, nicht aus der der Priester.
Vielleicht hätte er im zweiten Teile seines Lebens auch noch die

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Milde der Weisheit ausgeströmt, nach ihren Blitzen auch ihre
Wärme.

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Der "Zarathustra" ist bei allen Einzelheiten unbestreitbarer
Größe eines der schlechtesten Bücher, die es gibt. Er ist weder ein
Volksbuch noch ein Buch für Verwöhnte und Einsame, es ist ein

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Mischmasch von Grandiosem und Banalem, inhaltlich wie im
Vortrag. Ein Vordrängen, ein Aufdrängen persönlicher Stimmungen,
ein kategorisches Erledigen von Dingen, deren "kategorische
Erledigung" immer nur eine "niaiserie" bleibt, ein Spiel
mit dichterischen Bildern und Gleichnissen, das oft groß und tragisch,

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öfter noch fast unbeherrscht und geschwätzig wirkt. Ein
Buch, das nur durch Reduktion seiner Reden auf etwa zwölf bis
zwanzig zu dem klassischen zu machen wäre, was es zu sein
wünscht.
Unglückselige kleine Zeit, du hast auch auf ihm, deinem Größten,
gelastet.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 130