Aphorismen - Natur - 1907

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...

1907

[264]

Noch viel wunderbarer als der einfache Spiegel ist der durchsichtige
Spiegel, z.B. ein Fenster, das auf eine Landschaft hinausgeht

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und in dem sich zugleich Gegenstände unseres Zimmers spiegeln.


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[265]

Der Mensch ist vielleicht nur ein Umweg zu Baum, Vogel und
Mineral.

[266]

Du hast einen Großstadtwinter umsonst den Anblick einfacher,
natürlicher Anmut ersehnt. Drehe dich um. Vielleicht sitzt hinter

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dir auf dem leeren Diwan eine etwa einjährige Katze, die dich
dann und wann besucht, um sich dort eine halbe Stunde umständlich
zu putzen und dann eine zweite halbe Stunde voll tiefen
Behagens zu schlummern, - und du siehst, was du suchtest, die
eingeborene Lieblichkeit unbewußter Natur.

[267]
10

Die Selbstachtung einer Katze ist außerordentlich.

[268]

Die Reinlichkeit der Katze ist eine ganz andre als die des Menschen.
Der Mensch wäscht sich, kämmt sich, bürstet und klopft
seine Kleider, er entledigt sich, mit einem Wort, seines Staubes,
indem er ihn dem Wasser, der Luft, der Erde zurückgibt. Die

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Katze hingegen schleckt ihn mit unermüdlicher Zunge in sich
auf, verleibt ihn sich ein, vertilgt ihn - aber im fruchtbarsten
Sinne, indem sie ihn schlankweg in ihr organisches Leben mit
hineinnimmt.

[269]

Der Frühling ist etwas Herrliches. Der Frühling aber, der nicht

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mehr kommen mußte , der nur so aus überirdischer Gnade noch
einmal gekommen ist, der ist nicht mit Namen zu nennen.

[270]

In der Katze hast du Mißtrauen, Wollust und Egoismus, die drei
Tugenden des Renaissancemenschen nach Stendhal und anderen.
Damit ist sie, ich möchte sagen, das konzentrierteste Tier.

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Der Hund dagegen ist gläubig, selbstlos und erotisch kulturlos.
Unsere heutige Zivilisation nähert sich mehr der Stufe des Hundes.

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Das Christentum ist vornehmlich gegen die Katze gerichtet.
Man darf nach dem allen in einigen Jahrhunderten den Menschen
erwarten.

[271]

Die Fliegen, diese Spatzen unter den Insekten.

[272]
5

Da lese ich gerade ein Büchlein "Das Licht und die Farben"[1] und
habe wieder einmal den Eindruck, dass es wohl nichts Verdummenderes
auf der weiten Erde gibt als diese berühmte "Wissenschaft".
Die "feste Überzeugung", welche "gründliche Wissenschaftlichkeit"
verleiht, äußert sich entweder im trockenen, ja

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finsteren Ernst des Doktrinärs[2] oder in fröhlicher Bonhomie[3] einer
mit Recht stolz gehobenen Brust. Es ist, wie wenn eine Ameise
zum erstenmal einen Honigtopf entdeckt. Ei, ruft sie aus, wieder
ein neues Stück Welterkenntnis! Was ist das wohl für ein neuer
Stoff? Ich werde ihn Bienium nennen. Horch, o Welt: Ich habe

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einen neuen Stoff entdeckt: das Bienium.
(Fortzusetzen) Jetzt kennen wir also schon 70 Stoffe: das Bienium[4],
das Sinium[5], das Asinium[6], das Limium, das Prismium.

[273]

Weshalb sollte man sich nicht damit abfinden, in einer gemäßigten,
sehr gemäßigten Landschaft zu leben, da man doch nur den

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Blick zu erheben braucht, um ins völlig Ungemäßigte zu stürzen,
und nur die Gedanken, um zu fühlen wie wenig es verschlägt, im
wilden Ozean des ewig Ungewissen auf einem gehobelten Brett
oder einem entwurzelten Baumstamm zu treiben.

[274]

Wie ein verzweifelndes Haupt Schutz, Wärme und Ruhe in seinen

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Händen, auf seinen Armen sucht, so sucht Gott, der Mensch,
Schutz, Ruhe und Wärme in jenem anderen dumpferen Teile seines
Wesens, den wir Natur nennen.

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[275]

Durch die Natur beruhigt sich Gott selbst immer wieder. Wehe,
wenn er als Mensch in dem unseligen Fieber der Zivilisation sich
selbst als Natur zerstört haben wird.

[276]

Warum erfüllen uns Gräser, eine Wiese, eine Tanne mit so reiner

5

Lust? Weil wir da Lebendiges vor uns sehen, das nur von außen
her zerstört werden kann, nicht durch sich selbst. Der Baum wird
nie an gebrochenem Herzen sterben und das Gras nie seinen Verstand
verlieren. Von außen droht ihnen jede mögliche Gefahr,
von innen her aber sind sie gefeit. Sie fallen sich nicht selbst in

10

den Rücken wie der Mensch sich mit seinem Geist und ersparen
uns damit das wiederholte Schauspiel unseres eigenen zwiespältigen
- darum aber freilich auch um so entwicklungsfähigeren -
Lebens.

[277]

Worauf beruht z. B. der Zauber des Waldes, die tiefe Beruhigung,

15

die er dem Menschen gibt? Darauf wohl zumeist, daß uns in ihm
eine unübersehbare Anzahl pflanzlicher Individuen einer bestimmten
Art entgegentritt, die Lebensfrieden und Lebensmacht
zugleich mit äußerster Zweckmäßigkeit vereinen. Der Stamm einer
Bergfichte ist das Urbild ruhiger, in sich gefestigter Kraft; ein

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gewaltiger Lebenswille, den so bald nichts zu stören oder gar zu
brechen vermag, offenbart sich in ihm. Ihre Äste, Zweige und
Nadeln aber strahlen mit solch äußerster Zweckmäßigkeit rings
von ihm aus, stellen im Verein mit dem Stamm und den Wurzeln
einen so weise der Außen- und Umwelt eingepassten Körper dar,

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daß man begreift: hier liegt die Lösung eines Problems vor,
an der vielleicht unermeßliche Zeiten gearbeitet haben.

[278]

Wenn wir uns, nach Goethe, im Intellektuellen durch Anschauen
einer immer schaffenden Natur zur geistigen Teilnahme ihres
Wirkens erheben können, weil in der Natur und in uns der gleiche

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Geist lebendig ist, weil wir gleichsam in der Seele übergreifend

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sind ins Innere der Natur, so bleibt uns doch noch der
Punkt zu erhellen, wieso in uns außer dem rein künstlerischen
und anscheinend amoralischen, nur auf das Schöne gerichteten
Schaffen noch die moralischen Forderungen unseres Wesens

5

aufstehen.
Warum - wenn wir im Herzen der Natur leben, das Herz der Natur
sind — dieses Mehr in uns?
Warum dort das vernehmbare Gesetzmäßige und in uns das unabweisbare
Freiheits- und Verantwortungsgefühl?

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Ist es so, daß erst die Natur als ein Ganzes moralisch beurteilt
werden kann, während der Mensch als der Gipfel und die Essenz
der Natur ihre Synthese, ohne weiteres schon Moralität als sein
Wesen will?

[279]

Ein dunkelblauer Lampion, innen von einer Kerze erleuchtet,

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gegen den Nachthimmel. Vision eines geisterhaften Planeten in
nächtlicher Dämmerung.

[280]

Eine der größten Unverfrorenheiten des Menschen ist es, dies
oder jenes Tier mit Emphase[7] falsch zu nennen, als ob es ein annoch[8]
falscheres Wesen gäbe, in seinem Verhältnis zu den andern

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Wesen, als den Menschen!

[281]

Den Wolken wird vielleicht einstmals eine besondere Verehrung
gezollt werden; als der einzigen sichtbaren Schranke, die den
Menschen vom unendlichen Raum trennt, als der gnädige Vorhang
vor der offenen vierten Wand unsrer Erdenbühne.

[282]
25

Merkwürdig, zu fühlen, wie man auf diesem seinem Erdboden
nicht viel anders festgehalten wird, als jene kleinen Saugnäpfchen
aus Gummi, die man an die Wand preßt, um Uhren und
Schlüssel dran aufzuhängen.

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[283]

Die Luftschiffahrt wird dem religiösen Genie der Menschheit
neue Nahrung geben. Zu den großen Beförderern kosmischer
Stimmungen: Wald, Meer und Wüste wird nun noch der Luftraum
kommen.

 

 

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Fußnoten

  1. Schrift von Leo Graetz
  2. Wikipedia:Doktrin
  3. Wiktionary:Bonhomie
  4. Bezieht sich offensichtlich auf die Biene. Es kann sich aber auch, bei dem Sinn des Autors für Wortspielereien, um einen Bezug zu biennium handeln.
  5. bezieht sich evtl. auf http://universal_lexikon.deacademic.com/301702/Sinium
  6. bezieht sich evtl. auf das lateinische Wort für Esel - [1]
  7. Wikipedia:Emphase
  8. annoch = kaum noch gebräuchliches Wort in der Bedeutung von bisher

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 70ff.