Aphorismen - Politisches, Soziales - 1906

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1906

[723]

A. Man kann nicht weise werden, wenn man nicht zum Weisen
geboren ist. Alles Außerordentliche beruht auf einem glücklichen
Zusammentreffen vieler Umstände und ist darum, wo es in die
Erscheinung tritt, stets als ein Glücksfall anzusehn. Wie kann

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man aber je hoffen, daß der Glücksfall die Norm würde? Betrachte
die Masse der Sterblichen. Sie sollen gut sein, weise sein,
sie sollen ein Himmelreich auf Erden darstellen, aber sie sind zu
nichts von alledem geboren.
B. Erlaube mir zu widersprechen. Man kann auch der Masse eine

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einheitliche Richtung zum Guten oder Sittlichen geben, - durch
eine Volksreligion oder wenigstens eine allgemeine Moral. Die
Japaner z.B. scheinen mir auch als Masse einen gewissen Grad

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der Reife zu erreichen. Es gibt unter ihnen sicherlich eine uns
Europäer beschämende Anzahl wahrhaft weiser Individuen.
A. Du bestätigst nur meine Worte. Es ist die große nationale
Zucht, die dort in Asien seit Jahrhunderten auf ein Volk einwirkt

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und es von Anfang der Geburt eines jeden an für ihre Lehre prädisponiert.
Man wird dort allerdings weit mehr zum Weisen geboren
als bei uns, aber laß' die Japaner nach westländischem Muster
entarten, und keine Moral der Welt wird sie vor dem Verfall
bewahren.

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Ich habe eine furchtbare Vision: Wenn die Sozialisten zur Herrschaft
gekommen sein werden, dann fängt das Blut überhaupt
erst an zu fließen.

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Im Staat der Sozialisten wird einer auf den andern aufpassen.
Und Faulenzer werden nicht geduldet, dulden sich selber

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nicht. Wer aber will vorher wissen, wer ein Faulenzer und wer
ein - Schwangerer ist? Man würde den Schwangeren samt dem
Faulenzer verurteilen und damit das beste der Erde: das stille,
langsame Reifen neuer Gedanken.

[726]

Wieviel Lawinen sind nicht durch Schüsse, wieviel Revolutionen

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nicht durch Bücher ins Rollen gebracht worden. Gemacht aber
hat sie weder ein Schuß noch ein Buch.

[727]

Eure Todesstrafe, noch mehr euer Kriegführen, ihr Menschen, ist
nicht mehr und nicht weniger als - Selbstmord.

[728]

Gründung einer Gesellschaft gegen den Staub.

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[729]

Im Himmel, könnte man sagen, wird es wenigstens keine Briefe
mehr geben. Man wird zwar seine sämtlichen Briefträger dort
wiederfinden - denn der Briefträger kommt eo ipso in den Himmel
- aber sie werden alle selige Engel und außer Dienst sein und

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nicht mehr das unberechenbare Schicksal deiner Tage und
Nächte.

[730]

Ein Volk würde ein anderes Bild bieten, wenn es wirklich ein
Volk, eine einzige große Familie wäre. In einer Familie fühlt sich
jedes Mitglied für das andere verantwortlich. Alle für jeden, jeder

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für alle. Statt dessen lebt man in unserer großen Völkerfamilie
nach dem geheimen Grundsatz: Jeder für sich: Alle für mich. Was
kümmert den Bürger auf seinem Wege zum Reichtum der Mitbürger
auf seinem Wege der Armut? Nichts. Aber sofort erinnert
er sich dieses Mitbürgers, wenn seine Ruhe und sein Besitz bedroht

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werden. Dann ruft er ihn auf zum "gemeinsamen Vorgehen
gegen den gemeinsamen Feind". Dann zieht er plötzlich den
Bruder, den Blutsverwandten, den armen Verwandten aus seinem
Dunkel hervor. Und seine plötzliche Begeisterung wirkt ansteckend,
- mein Gott, gewiß, zwar, freilich, allerdings, indessen,

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gleichwohl, - kurz, man ist kein Unmensch. Vergessen wir das
Vergangene! Auf in den fröhlichen Krieg! Schulter an Schulter!
Ein Volk, ein Herz, ein Schwert...

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 168ff.