Aphorismen - Politisches, Soziales - 1908

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...

1908

[752]
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So eine Wirtin hat immer die ganze Menschenkarte vor sich, vom
jüngsten Backhuhn beiderlei Geschlechts bis zum ernsthaftesten
Filet-Beefsteak.

[753]

Ich sehe auf Reisen fast alle meine Bekannten wieder. Denn es
gibt nur etwa hundert Typen in dem Milieu, in dem ich aufgewachsen,

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und sie sind immer und überall. Und oftmals rede ich
einen Menschen an, aber es ist nur der mir vertraute Typus, nicht
das bekannte Individuum selber.

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[754]

O, wenn erst die Leidenschaft für den Planeten als solche uns
ergriffen haben wird, dann wird es auch keine Kriege mehr geben,
dann werden ungleich gewaltigere Unternehmungen diese
armseligen Kraftproben einer noch dunklen Periode überflüssig

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machen, denn freilich: das bittere Zuchtmittel des Krieges durch
philanthropische Phrasen nur einfach abschaffen zu wollen, geht
nicht an. Zuerst muß der Geist der Völker der neuen Aufgabe,
den neuen, höheren Ambitionen gewachsen sein, zuerst muß ihn
der Furor jener neuen Anstrengungen, Wagnisse und Opfer anfallen,

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ehe er den alten blutigen furor bellicus entlassen darf, ehe
er von sich sagen darf: Ich habe den Krieg wahrhaft überwunden .


[755]

Napoleon war ein Naturereignis. Ihn einen großen Schlächter
schmähen, heißt nichts anderes, als ein Erdbeben groben Unfug

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schelten oder ein Gewitter öffentliche Ruhestörung.

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An Napoleon muß man im Gebirge denken, den Blick auf einen
Teil der Erdkarte gerichtet, ein Panorama vor sich von Bergen,
Tälern, Dörfern und Städten. Und dann sich vorstellen, wie dieser
eine kleine Korporal in die Breite solchen Lebens mit seiner

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einen kleinen Faust gegriffen, wie er, gleich dem Monde das
Meer, all dies schwerfällige, schwerflüssige Leben übermächtig
zu sich emporzwang, so daß es auf eine Weile in ihm seinen natürlichen
Mittel- und übernatürlichen Höhepunkt fand

[757]

Deutschland, der große Lyriker unter den Völkern.

[758]
25

Jede ernsthafte "Bewegung" ist tüchtig, aber Tüchtigkeit ist vielleicht
das drittletzte, nicht das letzte Wort der Welt.

[759]

Ein gewandter Dieb ist ein - teures Kunstwerk.

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[760]

Wer den Menschen mehr denn billig als Einzelperson nimmt,
wird nur zu oft an ihm und mit ihm scheitern. Der Mensch ist
nicht nur Einzelpersönlichkeit, sondern zugleich Volkszelle, wie
die Volkspersönlichkeit zugleich wohl wieder in einer höheren

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Einheit aufgeht usf.

[761]

Alles Entscheidende kommt heute von Europa. Sogar die Entscheidung,
inwieweit Asien entscheidend war.

[762]

Der moderne Jude - als Denker - wird selten glauben, d.h. ahnend
ergreifen können. Aller Gottesgedanke könnte nämlich, so

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fürchtet er, doch am Ende nur die feinste Blüte einer großen -
Dummheit sein. Sich dem Hineinfall auf eine Dummheit aber
auch nur auszusetzen, dünkt seiner mißtrauisch gewordenen
Seele unerträglich. Er hat, wie Peer Gynt, nicht den Mut, durch
das Anonyme hindurch zu stürmen, er ist eben überall kein

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Krieger, er möchte gern um es herum. Aber man muß mitten in
den Nebel hinein, das ist es. Und: Gott läßt sich (sowenig wie
Goethe) — Brillen gefallen. Und: Ohne ein gewisses Maß von
Blindheit ward noch nie ein Seher.

[763]

Man soll vor allem groß spielen, im Schach wie im Leben, und

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nicht wie ein Krämer. Alle Berechnung in Ehren, aber das Entscheidende
bleibt stets das Unberechenbare, das Wagnis, das
coûte que coûte.

[764]

Nicht daß ein Fürst in allen Stücken der Seinen Herzog sein
möchte, ist der Schade, sondern wenn er es seinem ganzen Vermögen
nach nicht sein kann, nicht ist . Nicht nur einmal - zehnmal
Absolutismus - und nicht Parlamentarismus, wenn ein
wirklicher Herr und Herrscher in Frage kommt.

   S. 180

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[765]

Eine Zeit des Geistes wird von selbst zur Monarchie zurückkehren.
Laßt erst einmal einen Geist über die Völker kommen, und
sie werden nicht mehr begehren, als sich in ihren geborenen
Führern auch sichtbarlich zu gipfeln.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 177ff.