Aphorismen - Politisches, Soziales - 1912

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1912

[778]
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Man dient seinem Volke auf mancherlei Weise und nicht am
schlechtesten, indem man seinem politischen Leben in toto widerspricht.
Das will nicht sagen, man glaube, es könne anders
sein, ja, nicht einmal immer: es solle anders sein, als es ist. Geschichtliche
Entwicklungen müssen ihren Gang gehen und ihre

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Zeit haben, und wer es z.B. für sonderlich wahrscheinlich hält,
soviel Kriegsstoff zu Land, Luft und Wasser, wie gegenwärtig des
Losbruchs harrt, könne dem Versucher eines Tages in den Hals
zurückgeworfen werden, der ahnt weder, wie die Linke noch wie die
Rechte Gottes arbeitet. Der wird mit seinem frommen

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Wunsch ebenso eine Ohnmacht sein, wie der wandellose Wunsch
und Glaube des Frommen, dass die Menschheit eine Gemeinde
des Christus werde, eine Macht ist, die zwar bekämpft, aber nie
gebrochen werden kann und die im Himmlischen Jerusalem, wie
es der Apokalyptiker nennt, das Endziel ihrer Polis weiß. Nicht

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also um fromme Wünsche handelt es sich, wenn einer auf seinen
Wahlzettel des Großen Meisters Namen schreibt. Sondern um
Zeugnisablegung inmitten einer Welt in gewissem Sinne der
Welt sich Entfremdender, Welt-Fremder.

[779]

Man kann an Völkern und Vaterländern auf mancherlei Weise

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bauen, es gibt nicht bloß die Schöpf- und Schöpferkelle der
Wahlurne.

[780]

Man wirft dem Schriftsteller wieder einmal vor, daß er sich zu
wenig mit Politik beschäftigt. Er soll Partei nehmen; und wer da
nicht "wählt", wird leicht Verräter gescholten. Aber wie? Wählt

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er wirklich nicht, ergreift er wirklich keine Partei? Bilden die
Stillen im Lande keine Partei, und ist es ihre Schuld, daß die
höchsten Geister, die sie als Führer verehren und wählen, in
Land- und Reichstage sich nicht einordnen lassen, weil sie im

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Parlament der Menschheit sitzen?

[781]

An der Vergeistigung, an der Verchristlichung seines Vaterlandes
arbeiten, das heißt es heben, das allein heißt mehr und anderes,
als seinen unaufhaltsamen - Verfall wollen und mitbewirken.

[782]

Wer da immer so laut behauptet, ein Aufhören der Kriege müsse

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notwendigerweise zur Verweichlichung der Völker führen,
schlage sich einmal selbst an die Brust und gehe dem Begriff der
Verweichlichung einmal in sich selber im strengeren Sinne nach.
Vielleicht entdeckt er dann, daß er mit seiner scheinbar so harten
Forderung der eigentliche Weichling seines Volkes ist, d.h. ein

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Mensch, der im großen Geisteskampf aller Menschenzukunft
seinen Mann nicht stehen kann oder will, ein Christ, der weder
den Mut hat, den Christus offen zu verleugnen, noch den Mut,
ihm zu folgen: ein Matter, Lauer, Halbundhalber, ein Unernster,
mit dem unter aufrechten Männern und Frauen nicht mehr gerechnet

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werden sollte.
Vielleicht entdeckt er damit zugleich, er, der sich so sehr für das
"Volk" verantwortlich fühlt, wie wenig er selbst, als Kulturmehrer,
in ihm bedeutet, als welch ein geistiger und wirklicher Bankrotteur
er selbst jenem Volke gegenübersteht, dem er von Zeit zu

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Zeit keine bessere Erziehung und Läuterung anzusinnen weiß
als die rohe, verrohende Schule der Schlachtfelder, auf denen
längst nicht mehr die Vorkämpfer, längst nur noch die Nachzügler
der Entwicklung sich tummeln und brüsten.
Der Heerbann der Materialisten, zu denen er gehört, wird ja freilich

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noch lang in äußeren Triumphen glänzen; aber das möge
ihm in stiller Stunde heilsam schwanen, daß er in einer Welt der

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Kraft die Schwäche, daß er in einer Welt des Wachstums der Verfall
ist, und, trotz aller talmi-mannhafter Rede und Gebärde, nur
noch Schwächlingswerte und Verfallswerte hervorzubringen vermag.


[783]
5

Unsere Dienstboten sind nicht Seelen, mit denen wir uns vorübergehend
vereinigen, um es bequemer zu haben, sondern solche,
denen wir, wenn irgend möglich, noch mehr und besser dienen
sollen als sie uns. Nicht umsonst und ohne Sinn muß die eine
Seele noch äußerlich dienen, während die andere schon mehr

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innerlich dienen kann und darf. Sie muss noch grobe Arbeit verrichten
und hat noch wenig Einsicht in den Sinn der Verschiedenheit
aller Lebensverhältnisse; wir aber sind zu Feinarbeit - auch
an ihnen - verpflichtet, wir wissen schon mehr vom Sinn des Lebens
und müssen sie darum mit soviel Weisheit und Liebe behandeln,

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wie uns nur immer möglich ist. Auf sichtbare Erfolge müssen
wir dabei ebenso verzichten lernen, wie wir uns davor zu hüten
haben, sie unseren Erziehungswillen allzusehr merken oder
gar spüren zu lassen. Wenn wir nur nie die Achtung vor der unsterblichen
Individualität, die in ihnen verborgen, verlieren und

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nie die Liebe zu ihnen als ewigen Geschwisterwesen, wird vieles
Mögliche an ihnen vermieden und getan sein.

[784]

Ein arbiter elegantiarum[1] von gestern und ein aristokratischer
Spätling ereiferten sich unter anderem über die "Extravaganzen"
der Heilsarmee. Sie hatten noch immer nicht begriffen, daß mit

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Fug nur verurteilen darf, wer selbst etwas zu schaffen vermag und
gewillt ist, und daß es [unter Umständen] mehr bedeuten
kann, der "dumme August" in der Manege als der Baron in der
Loge zu sein.

[785]

Was das Fazit der europäischen Rüstungen sein wird? Der möglichst

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vollkommene déluge après nous[2].

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[786]

Man mag in den Rüstungen eines nicht übersehen: das Züchtungsmoment.
Ist der Mensch zur Kultur noch nicht reif, so wird
er hier wenigstens noch auf eine Spanne durchs Feuer der Disziplin
geschickt. Preußens Mission z.B. ist gewißlich nicht nur die

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der Geschichtsbücher. Wer einmal ein echter Preuße gewesen,
der - könnte jemand zu sagen versucht sein - wird so leicht nicht
wieder verlottern, post mortem prussianam suam [in seinem späteren Erdenleben].

[787]

Wenn jemand gegen etwas vorgeht, so geht er nicht gegen das

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ganze Etwas vor: denn das sieht er dann gar nicht mehr. Sondern
er sieht dann nur noch das "rote Tuch" in dem Etwas. Nie wird
gegen "etwas" vorgegangen, immer nur gegen rotes Tuch. Und
wenn zwei Völker gegeneinander ziehen, so stürzt ein jedes bloß
gegen rotes Tuch: denn wie könnte ein Volk wider ein andres Volk

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sein, wenn nicht die Helden vom roten Tuch wären, wenn nicht
unaufhörlich von hüben und drüben auf rotes Tuch aufmerksam
gemacht würde, so daß die Völker, die armen Stiere, zuletzt wild
werden und einander anrennen.

 

 

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Fußnoten

  1. lat., Schiedsrichter des guten Geschmacks; in den Stufen von Margareta Morgenstern falsch widergegeben mit Artisten-Elegantine
  2. franz., nach uns die Sintflut

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 182ff.