Aphorismen - Psychologisches - 1905

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1905

[1189]

Der Mann hat sein Ziel und das Weib hat seinen Sinn.

[1190]

Es gibt Menschen, die sich immer angegriffen wähnen, wenn
jemand eine Meinung ausspricht.

[1191]
5

Über den Wassern deiner Seele schwebt unaufhörlich ein dunkler
Vogel: Unruhe.

[1192]

Es gibt keine Seele, die nicht ihr Wattenmeer hätte, in dem zu
Zeiten der Ebbe jedermann Spazierengehen kann.[1]

[1193]

Mir macht es oft Mühe, deine Gedanken zu denken, aber du wirst

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niemals meine Empfindungen haben.

[1194]

Manchmal wird mir die ganze Psychologie verdächtig, wenn ich
bemerke, daß auf eine richtige Kombination schon bei den alltäglichsten
Dingen so und so viele falsche kommen. Ja, wenn ein
Mensch im Prinzip so denken und empfinden müßte wie die andern!

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[1195]

Das schwer Übersichtliche, das nicht recht Durchdringliche - damit
lockt uns das Leben selbst immer weiter, und damit lockt
auch der platteste Betrüger noch - und gewinnt.

[1196]

Das Geheimnisvolle ist schlechtweg der sicherste Reiz an den

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Dingen. Z.B. ein altes Haus, eine Landschaft, die mehr noch verbirgt
als zeigt. Ibsen hat darum von jeher gewußt. (Vielleicht zu
sehr gewußt .) Es ist eine Art Dämmerluft um die Dinge. Wie
mystisch wirken z.B. nachts die Häuser einer Stadt. Solch ein
Haus mag noch so häßlich sein, nachts wirkt es mit dem ganzen

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Zauber eines unbegreiflichen Behältnisses unbegreiflicher Wesen,
die namenlos und unerklärlich geworden sind wie es selbst.

[1197]

Warum fühlen wir uns so zum Romanischen als dem wesentlich
Formalen hingezogen? Weil wir selbst vielleicht nur zu fähig

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sind zu zerfließen, uns metaphysisch zu interpretieren, uns mystisch
zu entindividualisieren und zu "vergöttlichen" und dafür
das einzubüßen, was starke Völker und Zeitalter unter einer großen,
starken Erdenpersönlichkeit verstanden haben.

[1198]

Der gesunde Mensch ist schön und sein Zustandekommen ein

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Ziel der Ziele. Aber es muß ein Körnchen irgendwelcher Krankheit
in ihn kommen, daß er auch geistig schön werde.

[1199]

Möglichst viel Glück sagt man. Aber wie, wenn die höchste
Glücksempfindung einen Menschen voraussetzte, der auch Allertiefstes
gelitten haben muß? Wenn Glücksgefühl überhaupt

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erst möglich wäre in einem durch Lust und Unlust gereiften
Herzen? Wer möglichst viel Glücksmöglichkeiten fordert, muß
auch möglichst viel Unglück fordern oder er negiert ihre Grundbedingungen.


[1200]

Ad Ehe etc. Ein Ballon captif[2] kann den Himmel nicht erfliegen.

[1201]
20

Es ist das Vorrecht junger Mädchen, von Zeit zu Zeit aufzuschreien.


[1202]

Es gibt musikalische Menschen, welche eine Melodie, ohne sie zu
kennen, sofort mitzusingen vermögen. Sie sind ihr so auf den
Fersen, sie ahnen sie so fein vorher, daß die Kopie mit dem Original

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oft geradezu zusammenfällt. Ein Gleichnis für liebende
Frauen bedeutender Männer.

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[1203]

Überschätzt zu werden, zumal von einem Wesen, das einen liebt,
kann in manchem einen edlen Eifer entzünden, jene geglaubte
Höhe wirklich zu erreichen.

 

 

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Fußnoten

  1. Illustriert von: Ruth Tesmar
  2. franz., Fesselballon

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 260ff.