Aphorismen - Psychologisches - 1906

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...

1906

[1204]
5


X liebt die Tugend heißt soviel als: X' bester modus vivendi ist ein
Leben der Tugend. Warum liebt er sie? Nicht um ihrer selbst willen,
sondern weil er sich in seinem glücklichsten Zustande am
meisten "liebt".

[1205]

Tiefstes Problem des modernen - also wesentlich häßlichen, irgendwie

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verbogenen, schlecht weggekommenen - Menschen:
Wie kann Schönes aus Unschönem kommen? Wie Vollkommenheit
aus Unvollkommenem?
Alles ist Ausdruck. Kein Mensch kann Schöneres, Vollkommeneres
geben, als er selbst ist. Unser ganzes geistiges Leben ist kein

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Weg von uns anderswohin, sondern einfach wir selbst. Da wir
nun, in der Regel, keine Kaloikagathoi[1] sind - wie also wird unsre
Weisheit sein?

[1206]

Die meisten Menschen verdunsten einem wie ein Wassertropfen
in der flachen Hand.

[1207]
20

Das, was allem Rauchen solchen Reiz verleiht, ist, daß sich der
Raucher, wo auch immer, mit einer vertrauten Atmosphäre umgeben
kann, einer mehr oder minder verklärten Zone, innerhalb
deren er ein bescheidenes Gefühl von Heimat empfinden darf mit
all dem unwägbaren sinnlichen Wohlbehagen, womit uns das oft

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wiederholte Gleiche beschenkt, indem es wie unser Bett, unser
Sessel, unsere Lampe eine gewisse Kontinuität der Stimmung befördert,
ja wie in einem immer wieder gewobenen Schleier Gelebtes
für uns bewahrt, Werdendes treulich hinzunimmt.

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[1208]

Die Naturwissenschaft muß uns noch einmal sagen können, inwieweit
man auf den menschlichen Embryo Einwirkungen der
Außenwelt annehmen darf. Ist erst einmal die Wirkung der verschiedenen
Sinneseindrücke annähernd festgestellt, so eröffnet

5

sich hier ein ungeheures Gebiet neuer Betätigung der menschlichen
Vernunft. Wie sehr kann z.B. eine gewisse Farben-Umgebung
auf die Gemütsart des Kindes wirken. Wieviel Einfluß kann
durch geeignete Musik versucht werden, welche Erfolge würde
vielleicht der häufige Aufenthalt in den großlinigen Bauten, vor

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weiten Landschaftspanoramen oder dergleichen haben.
Hier liegen - sobald die Forschung Gesetze entdeckt hat -, Aufgaben
für Staaten der Zukunft.
Als ich so jüngst zu einem Mediziner redete, lachte er mich aus.
Denn die Fachleute, insbesondere die Mediziner, verachten

15

grundsätzlich jeden Laien, sobald er den heiligen Bezirk ihrer
Spezialität auch nur zu streifen wagt.
Nach ein paar Jahrhunderten bekommen jedoch merkwürdigerweise
die "Utopisten" meistens recht. Lassen wir "inspirierten"
Laien uns also das Dezenniumslachen ruhig gefallen.

[1209]
20

Die Forderung möglichster Klarheit in allen Dingen, die wir andern
gegenüber so gern geltendmachen, entspringt vornehmlich
dem Unbehagen, das uns alles nicht völlig Verstandene als etwas
von uns nicht völlig Beherrschtes einflößt. Es ist der ewige Kummer
der Durchschnittsintelligenz, daß es auch außerhalb ihres

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Begriffsvermögens noch Geistigkeit gibt.

[1210]

Der Dieb. Er aß mit seinen Augen eine Wurst.

[1211]

Blicke um dich ins Leben, zergliedere die Schicksale jedes einzelnen
derer, die du kennst, und frage dich, ob es etwas andres als
eine fast unerklärliche Illusion ist, die alle diese Menschen das

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Leben als lebenswert empfinden und preisen lässt. Ob das große

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Glück eine andere Rolle spielt als die eines zeitweisen Wetterleuchtens,
ob nicht vielmehr die Gewohnheit und das kleine, das
ganz minimal dosierte Glück es ist, was dem Menschen das wahre
Gesicht seiner Tage verschleiert.

[1212]
5

Ich frage mich oft, welches der wünschenswertere Typus von beiden
ist: der mehr geistige Mensch, für den es nichts Abstoßenderes
gibt als das Uninteressante, oder der mehr gemütliche, für den
es schlechtweg nur Anziehendes und Abstoßendes gibt.

[1213]

Das ist das Ärgste, was einem Menschen geschehen kann, aus

10

einem Fließenden ein Starrer (ja auch nur ein Stockender) zu
werden. Das erkennt mancher und nährt Friedlosigkeit in sich
oder unaufhörlichen Zweifel (so tat ich es), oder er ergibt sich
einem Streben nach fast Unmöglichem, Ungeheurem. Manche
aber überlassen sich ihrer natürlichen Liebe zu Welt und

15

Mensch, und damit geraten sie denn bald in die Strömung
unendlichen Lebens, werden hineingerissen in den ewigen Zusammenhang
aller Dinge, in dem es keinen Stillstand gibt.

[1214]

Es ist das Unglück, daß Würde und Feinheit von Gedanken oft
von den Raumverhältnissen eines Zimmers, einer beglückenden

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Fensteraussicht, einem gewissen Maß von Licht und Farbe abhängig
sind, so daß einer, der sein Leben lang in einer Art von
länglichen Schachteln gehaust hat und eines Tages ein edel proportioniertes
Gemach betritt, sich zu glauben geneigt findet, wieviel
er vielleicht allein durch den Charakter seiner Wohnräume

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geistig verloren haben könnte.

[1215]

Die Wirtsstube ist die Palette, auf der sich die Farben des Individuums
mischen und vermählen. Daher ihr großer Reiz für den Teilnehmer wie für den
Betrachter.

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[1216]

Es ist ein wahres Glück, daß der liebe Gott die Fliegen nicht so
groß wie die Elefanten gemacht hat, sonst würde uns, sie zu töten,
viel mehr Mühe machen und auch weit mehr Gewissensbisse.

[1217]

Es gibt nichts Degoutableres[2], als fortwährend von sich als Person

5

zu reden (außer zu bestimmten Zwecken) oder über sich reden
hören zu müssen. Daher ist es so kläglich, krank zu sein; ein Zustand,
in dem dieses Reden und Beredetwerden fast unvermeidlich
ist.

[1218]

Wenn dich jemand "vollkommen versteht", sei gewiß, daß dich

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niemand vollkommener mißversteht.

[1219]

Einander kennenlernen heißt lernen, wie fremd man einander
ist.

[1220]

Es ist gut, daß wir Spiegel haben. Daß wir für gewöhnlich unsere
eigene Miene nicht sehen, ist eines der unheimlichsten Dinge,

15

die es gibt.

[1221]

Wir spielen unsere Gedanken gegeneinander aus. in Wirklichkeit
unsere Temperamente.

[1222]

Alles Sagen ist ein dem andern in sich Sagen, und der sagt's.

[1223]

Eine wenn auch noch so leichte Sentimentalität gehört unstreitig

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zum Charme jeder Frau. Sie ist die Verbürgerin jener Augenblicke,
wo wir ihr ganz Schutz, ganz Ruhe, ganz Meer sein dürfen.

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[1224]

Man verliebt sich oft nur in einen Zustand des andern, in seine
Heiterkeit oder in seine Schwermut. Schwindet dieser Zustand
dann, so ist damit auch der feine besondere Reiz jenes Menschen
geschwunden. Daher die vielen Enttäuschungen.

[1225]
5

Wir sind alle hart und äußerlich zueinander, auch wenn wir noch
so sehr aufeinander einzugehen trachten: aber wenn wir getrennt
in unsern Zimmern liegen und nachts der Regen herniederfließt,
dann suchen wir uns im Geiste mit zärtlicher, bereuender Teilnahme,
dann drängen wir uns aneinander wie unwissende und

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zusammenschauernde Preisgegebne auf dunklem Meer, dann
liebkosen und trösten sich unsere Seelen, die der erkältende Tag
wieder verstocken und verhärten wird, dann lieben wir wirklich
einander mit einer tiefen, schwermütigen, unbezwinglichen
Liebe.

[1226]
15

Es ist schauerlich, an Toren zu rütteln, die verschlossen sind;
noch schauerlicher aber, wenn sie nur aus dünnem Seelenstoff,
ja, wenn sie nur aus den kühlen, harten Blicken einer Seele bestehen,
die dich nicht in sich eindringen lassen will.

[1227]

Eine schwache Persönlichkeit wird manchmal eine stärkere Persönlichkeit

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werden können als eine starke Persönlichkeit.

[1228]

Glaubt ihr, ein Asket wolle weniger herrschen als ein Weltmann?

[1229]

Der Geist legt den Charakter des Menschen auseinander in seine
Teile, aber diese Teile gibt es in Wirklichkeit nicht.

[1230]

Ja - nein: geistiges Strickziehen.

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[1231]

Es gibt nichts Lohnenderes, als der Schwachheit des Menschen
durch ein schönes Wort zu Hülfe zu kommen. Verordne einem
"Patienten" dreimal täglich Manulavanz, und er wird sich über
alle erhaben fühlen, die sich bloß die Hände waschen. Je interessanter

5

du seine Gewohnheiten benennst, desto geschmeichelter
und dankbarer wird er sein, und das eine Wörtchen Alkoholismus,
um ein Beispiel zu nennen, hat sicherlich nicht nur Gorkis
Satin[3], sondern unzählige andere Unglückliche unzählige Male
berauscht und getröstet. Übersetze das Unglück maßvoll ins Arabische,

10

Griechische, Lateinische, und du wirst ein wahrer Wohltäter
der Menschen werden. Du gibst ihrem Geist dadurch Anregung,
du verschaffst ihnen eine kleine Distanz zu ihren Leiden
oder Lastern. Wie fremdartig ist es, Angina zu haben, wie beinahe
ehrenvoll, die Krisis eintreten zu fühlen. Du knüpfst damit

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das Individuum, das nichts mehr fürchtet als das Alleinsein, das
Alleingelassenwerden, an ferne, fremde Zeiten und Kulturen;
das alte, das neue Europa versammelt sich um sein Lager, und
selbst wenn die Pest es befällt und fällt, kommt sie ihm doch aus
Asien: die Mutter der Menschheit selbst trifft es mit dein Schatten

20

ihrer gewaltigen Flügel.

[1232]

Ob Geister, sofern es solche gibt, auch Bücher lesen? Ich meine,
ob sie, wie sie vielleicht in unserm Zimmer mit uns wohnen, auch
dann und wann, in stillen Winternächten etwa, wenn sie es müde
geworden sind, den massigen Menschenschläfer zu betrachten

25

und zu belauschen, sich in die Werke vertiefen, die auf unserm
Tische liegen? Vielleicht verstehen sie das Geheimnis, sie bei geschlossenem
Deckel, ohne auch nur ein einziges Blalt umzuwenden,
von Anfang bis Ende zu lesen. Wie ich darauf komme?
Durch einen kleinen Druckfehler, in einem Werke, in dem ich

30

gerade studiere. Ich zaudere, ihn zu verbessern, - es ist nichts
weiter, als daß in dem Bindewort "daß" das s nicht verdoppelt ist;
aber ich tue es endlich doch: Denn wenn es nun doch Geister
gäbe, - müßten sie nicht unglücklich über diesen Fehler werden,

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den sie selbst nicht verbessern können und aus dessen Stehengebliebensein
sie schließen müssen, daß ihr Freund ihrer nicht gedacht
hat?

[1233]

Wir sind alle Besessene, man muß das Wort nur untheologisch

5

und wörtlich genug verstehen. Aber zugleich können wir auch
Mehrer dieses uralten Besitzstandes sein, den wir "unsern Geist"
nennen, zugleich auch Besitzergreifende .

[1234]

Wenn wir die Macht und Unbedingtheit einer Liebesleidenschaft
begreifen wollen, so brauchen wir nur zu bedenken, daß sich in

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den beiden Menschen, die sich lieben, zugleich der dionysische
Rausch zweier riesenhafter Zellenvölker manifestiert - so, als ob
Rußland aus lauter Männern und Westeuropa aus lauter Weibern
bestünde - und eines Tages will das zusammen in orgiastischer
Hingerissenheit.

[1235]
15

Sonntagsmorgen im Januar. Ein Schwarm Drosseln, immer wieder
den Garten berührend und auf einem seiner Bäume jeweilig
sich niederlassend. Von Hunger und Kälte getrieben, wagen sie
sich in unsere Nähe. Aber wie sich ihnen nähern, ohne sie wieder
zu verscheuchen? Wohin ihnen Futter streuen, da sie kaum in die

20

Zweige des Baums, geschweige denn auf das beschneite Erdreich
herabkommen? Man müßte eigens einen Turm für sie errichten.
Ist es nicht ebenso mit den verschwiegenen Wünschen unseres
Herzens, die, von der Not ihrer Sehnsucht getrieben, den geliebten
Gegenstand umschwärmen, unwiderstehlich von ihm angezogen

25

werden und doch ebenso scheu und flüchtig entfliehen,
wenn der zarte Traum zur groben Wirklichkeit werden soll, wenn
sich ihren leichten, freiheitgewohnten Körpern die rauhe Hand
der Erfüllung auflegen wollte. Und doch...

 

 

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Fußnoten

  1. Kaloikagathoi = griech., Schöngutheit; seit Xenophon und Platon Inbegriff der Tugenden und Bildungsideal des griechischen Menschen, körperliche und seelische Schönheit sind eins und bedingen einander
    lt. Duden: Kaloikagathoi die; (Plural), die Angehörigen der Oberschicht im antiken Griechenland.
  2. dégoût = franz., Abneigung
  3. Satin, Figur aus Nachtasyl (1902) von Gorki

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 262ff.