Aphorismen - Psychologisches - 1908

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...

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1908

[1266]

Wer sich selbst auch nur einen geistig regen Vormittag streng
beobachtet, dem muß das scheinbare Filigran der Psychologie
vorkommen wie ein Gespinst aus Baumstämmen.

[1267]

Die Psychologie befaßt sich mit den einzelnen Wellen des Baches.

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Aber hat ein Bach je aus - Wellen bestanden?

[1268]

Die Psychologie antwortet so wie der Lehrer dem Kinde, das ihn
fragt: Was ist das - ein Baum? Ein Baum sagt er, ist eine Pflanze
mit Wurzeln, einem Stamm, Ästen, Blättern usw. Und das Kind,
das 19.Jahrhundert, ist ganz glücklich, daß es nun "weiß", was

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ein Baum ist.

   S. 275

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[1269]

Was wirkt am innerlich glühenden Menschen nicht übertrieben?
Steht er nicht ewig wie unter lauter Großmüttern und Großvätern?
Und geht und spricht er drum nicht am liebsten zu - Kindern?


[1270]
5

Wie wohl kann das Geräusch einer Säge oder einer arbeitenden
Lokomobile tun, ein Hämmern, ein Türenschlagen, ja selbst ein
Wagenrasseln, wenn man wund und weh daliegt und nach einfachen
kräftigen Grüßen des Lebens hungert.

[1271]

Es ist rührend, dem Erklären und Beschreiben der feinen Historiker

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und Psychologen zuzusehen: mit wie geschickten Fingern sie
das Leben zergliedern, zerfasern - und wie dennoch das Geheimnis
dieses Lebens unberührt bleibt.

[1272]

Dieser Brief wäre an Dich gerichtet, von dem ich zehn Jahre
nichts mehr gehört noch gesehen habe? O nein, wie wäre das

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möglich. Er ist an das Bild gerichtet, das ich von damals und früher
von Dir in mir trage, das ich zwar zu modifizieren versucht
habe, aber mit nicht größerem Glück als der Bildhauer, der Deinen
Kopf vor zehn Jahren geformt hätte und nun unternähme, die
zehn Jahre Veränderung hineinzubringen, ohne das also veränderte

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Original vor sich zu haben.
Und Dein Brief, meinst Du, wäre an mich gerichtet?

[1273]

Es ist unheimlich zu entdecken, daß man nie an fremde andre
Personen schreibt, sondern immer nur an ihre Bilder in unserm
Kopfe.

[1274]
25

Manche Menschen machen sich vor andern so klein wie möglich,
um - größer als diese zu bleiben.

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[1275]

Dem Worte Größenwahn ist noch nie das Wort Kleinheitswahn
oder Niedrigkeitswahn gegenübergeprägt worden. Und doch ist
dieses Leiden so verbreitet, daß ganze Völker noch nicht darüber
hinausgekommen sind, sich als bloße Tiere zu empfinden, zu gebärden

5

und zu behandeln.

[1276]

Jedes Wort ist notwendig Pol. Im Innern sind wir nur als Wortlose,
sind wir nur, sobald wir bloß sind , unser Sein bloß fühlen . Daher
das tiefe Friedensgefühl, das wir allem Vegetativen beilegen
und beilegen dürfen.

[1277]
10

Im Schachspiel offenbart sich durchaus, ob jemand Phantasie
und Initiative hat oder nicht.

[1278]

Vielen ist Reisen ein Ersatz für Leben. Es gibt oft nichts Schmerzlicheres,
als solches zu erkennen.

[1279]

Das Weib mischt uns ins Leben hinein.

[1280]
15

Je nachdem ein Weib ist, vergröbert sie die Unterhaltung der
Männer, in die sie eintritt, zum Geschwätz oder verfeinert sie zur
Causerie.

[1281]

Es ist schauerlich, Klavier spielen zu hören, während man über
Berge und Täler hinwegblickt und die Erde als eine ihrer unzähligen

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Schwestern mit sich im unendlichen Räume schweben und
kreisen fühlt.

[1282]

Es ist das Auszeichnende am Weibe, daß es liebend alles vermag,
ohne Liebe nichts. Kann es keine Liebe empfinden, so wird ihm
gleich alles trocken und gleichgültig, so wird es selbst trocken und

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uninteressant. Die Liebe (dürfte wohl schon einmal jemand gesagt
haben) ist die Genialität des Weibes. Darum aber zieht das
ewig Weibliche ewig hinan — eben weil es, wenn auch nur auf ein
kleines, in jedem Liebesverhältnis Genialität entwickelt - und

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weckt.

[1283]

Im Sohn will die Mutter Mann werden.

[1284]

Ein Mädchen gefällt uns nicht so sehr etwa um ihrer Augen willen,
als ihre Augen um seinetwillen, d.h. um seiner ganzen imponderablen
Persönlichkeil willen.

[1285]
10

Mein Satz: Dummheit als absolut notwendiges Retardivum[1].

[1286]

Wahrlich eine verderbliche Lehre: es sei die Bestimmung des
Weibes, Gattin oder Mutter zu werden. Damit wird das Weib als
Mensch, als Individuum völlig ausgeschaltet, als hätte es an sich
überhaupt keinen Wert, keinen Sinn, keine Entwickelungsmöglichkeiten,

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habe überhaupt nur in Beziehung auf Gatten und
Kind Existenzberechtigung. Möchten sich doch alle darüber klar
werden, daß wir außer Männchen und Weibchen auch noch
Menschen sind.

 

 

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Fußnoten

  1. Verzögerung

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 274ff.