Aphorismen - Psychologisches - 1909

Aus DCMA
Wechseln zu: Navigation, Suche
       

 

   S. 277

Sa-band5 0277.jpg

...

1909

[1287]
20

Ein gewisses Maß von Schelten gehört wohl zum Leben. Schelten
in seiner sublimiertesten Gestalt, als philosophischer, ja, als religiöser
Pessimismus, dürfte ebenso nur eine Art von Ventilierung
sein wie der mehr oder minder gerechtfertigte Ärger des Eintags.
Alles in allem möchte hier ein Zuchtproblem vorliegen, das nur

25

selten gelöst werden wird: wenn nämlich dies ganz große Zucht
[also ganz großer Stil] ist: ein leidenschaftlich erregbarer
Geist und doch zugleich ein Weiser zu sein.

   S. 278

Sa-band5 0278.jpg

[1288]

Die meisten wissen gar nicht, was sie für ein Tempo haben könnten,
wenn sie sich nur einmal den Schlaf aus den Augen rieben.

[1289]

Manche Menschen treiben leicht ab. Unversehens sind sie anderswo,
als wo man sie haben will, als wo sie sich selbst haben

5

wollen.

[1290]

Leichtsinn und Geduld, zwei weibliche Haupteigenschaften.

[1291]

Das ist die Gefahr von uns Künstlern: Wir empfinden z. B. einen
angestützten, entblößten Frauenarm von so hinreißender Schönheit,
daß wir ganz vergessen, daß er einer bestimmten Frau gehöre.

10

Und wenn wir zu dieser Frau nun in Liebe entlodern, so ist
es eigentlich die Schönheit des Weibes, des Menschen überhaupt,
die wir anbeten, weniger sie selbst. Und da setzt leicht die Tragödie
ein.

[1292]

Darum können Zeitungen so sehr schaden, weil sie den Geist so

15

unsäglich dezentrieren, recht eigentlich zer-streuen.

[1293]

Natürlichkeit, Schwester der Freiheit (und Einfalt).

[1294]

Wer sich überhebt, verrät, daß er noch nicht genug nachgedacht
hat.

[1295]

Wenn die Mehrzahl der Menschen das Kleine nicht so viel wichtiger

20

nähme als das Große, würde das Große nie auf seine Rechnung
kommen. Wenn der Mensch sich mehr um den Himmel als
um die Erde kümmerte, würde nicht nur die Erde, sondern auch
der Himmel verkümmern. Der Geist ist nicht umsonst in die Materie
herabgestiegen.

 

 

Portal:Aphorismen
Autobiographische Notiz | In me ipsum | Natur | Kunst | Theater | Politisches, Soziales | Kritik der Zeit | Ethisches | Lebensweisheit | Erziehung, Selbsterziehung

Psychologisches: 1891 · 1894 · 1895 · 1896 · 1897 · 1898 · 1902 · 1903 · 1904 · 1905 · 1906 · 1907 · 1908 · 1909 · 1910 · 1912 · 1913

Erkennen | Weltbild | Symphonie


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 277f.