Aphorismen - Psychologisches - 1912

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...

1912

[1300]
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Es gibt Seelen, zu schamhaft, Wege der tieferen Erkenntnis beschreiten
zu wollen. Sollten sie als "von Gottes Stamme" nicht
noch zu wenig stolz sein und als Arbeiter an Gottes Reiche nicht
noch zu wenig demütig?

[1301]

Die Anzahl der geistigen Foltermittel, die wir heute noch unter -

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und gegeneinander bewußt oder unbewußt anwenden, ist groß.
Eines davon ist das Fragen. Es gibt Menschen, die so wenig wie

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möglich gefragt sein wollen; wohlverstanden: nach Unwesentlichem.
Und Gegenstücke dazu: Menschen, die fast keine andre
Interpunktion kennen als das Fragezeichen.

[1302]

Welcher Erfahrene kennt nicht im Geistes- und Empfindungsleben

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den Zustand des Federsträubens der Vögel.

[1303]

Für den Trägen gibt es nichts Aufreizenderes als die unaufhörlich
fortschreitende Zeit. Er fühlt, wie sie über ihn hinweggeht und
stammelt ihr in dumpfem Ingrimm seine Verwünschungen nach.

[1304]

Ich machte die Beobachtung, daß Menschen, die beim Beifallklatschen

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die Arme weit von sich, ja fast über Kopfeshöhe ausstrecken,
in einer zugleich wunderlichen und schmerzlichen
Weise den Anblick ungeduldig Bittender, ungeduldig - Betender
gewähren, eine Vorstellung, von der sie selbst nicht das Geringste
ahnen und die doch nichts weniger als ihre ganze dürstende Seele

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- in einem doppelgängerischen Bilde gleichsam - enthüllt.

[1305]

Es ist bekannt, wie viele verlorene Nadeln sich täglich auf Weg
und Steg finden lassen. Im äußersten Gegensatz hierzu würde,
gesetzt auch geistige Dinge könnten in solcher Weise verloren gehen,
täglich wohl kaum ein Paar Scheuklappen gefunden werden.

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[1306]

Wie die Gefahr des Tauchers der Tintenfisch, so des Grüblers die
Melancholie.

[1307]

Das "Ausgeprägte", meinen viele, das "Originelle", verliere sich
bei zunehmendem Verständnis des Lebens. Je mehr sichtbare

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Gegensätze, auch innerhalb des Menschen, behaupten sie, desto
interessanter, bedeutender Welt und Mensch. In Wirklichkeit

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aber läßt echte, innere Kultur Eigenart und Vielfältigkeit der
Seele keineswegs verschwinden, sondern - sublimiert sie nur,
macht sie nur um einen Grad verborgener, unauffälliger. Die
wahre Originalität stirbt nicht nur nicht aus, nimmt vielmehr ununterbrochen

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zu; was abstirbt, ist zeitliche Form und Schale.

[1308]

Ein berühmter Arzt ist wie eine junge Millionenerbin. Er weiß
nie, wie weit man ihn als Menschen und nicht nur als Arzt liebt.

[1309]

Was gegen die höchsten, reinsten Empfindungen ausgespielt
wird, sind nichts als die gleichen Empfindungen, nur noch mehr

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oder minder vor ihrer Katharsis. Wie kann man den Satz nachsprechen:
Gott ist die Liebe, und an anderer Stelle der Meinung
sein, eine vom Tierischen ganz losgelöste seelisch-geistige Liebe
sei - wohl vielleicht eine reinere, aber auch eine kühlere, blassere,
ohnmächtigere Liebe!

[1310]
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Wie mancher muß sich auf Kosten seiner Vergangenheit lieben
lassen. Diese Vergangenheit hat ihm vielleicht ein gutartiges Gesicht
gegeben. Alter werdend aber erkennt er mehr und mehr
auch das Böse in sich. Nun aber hängt ihm seine Miene wie ein
Schild vor, das nur die eine Seite seines Wesens anzeigt.

[1311]
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Wie ein Wind über ein Ährenfeld, so ging diese durchfahrene
Viertelstunde über seine bewegliche Seele.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 279ff.