Aphorismen - Sprache - 1907

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   S. 151

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...

1907

[632]

Erst das Wort reißt Klüfte auf. die es in Wirklichkeit nicht gibt.
Sprache ist in unsere termini zerklüftete Wirklichkeit.

[633]

Beim Dialekt fängt die gesprochene Sprache erst an.

[634]
10

Kritik der Sprache ist zuletzt auch nur ein Gesellschaftsspiel. Es
gibt nämlich kein Wort, das außerhalb der Sprache noch irgendwelchen
Sinn ergäbe. Wer sich außerhalb der Sprache setzen
möchte, findet keinen Stuhl mehr. Er kann nicht einmal mehr
sagen: Nun weiß ich wenigstens, daß Wissen Unmöglichkeit ist.

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Denn was ist "Wissen" außerhalb der Sprache. "Wissen" ist so
gut eine Spielmünze wie "sein", wie "Unmöglichkeit", wie
"Sprache", wie "außerhalb". Es ist dafür gesorgt, daß wir die
"Welt" nicht in die Luft sprengen. Ich nenne diese widerspruchslose
Ohnmacht in Dingen wirklicher, nicht nur scheinbarer Erkenntnis

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manchmal bei mir: die Selbstversicherung Gottes. Sie
ist eines Gottes würdig.

[635]

Ich mag Worte wie gleichwohl oder immerhin gern leiden, denn
sie erlauben, nach etwas Abfälligem noch eine Menge Anerkennendes
zu sagen.

[636]
25

A. Ich halte es für unrichtig, ja schädigend, die Orthographie im
Hinblick auf die Bequemlichkeit der Vielen zu modernisieren.

   S. 152

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Die Bedeutung der in den Sprachen aufgespeicherten Erinnerungen
ist nicht zu unterschätzen. Wenn ich "Thier" schreibe
und mir das griechische Θήρ dabei als reiner Unterton mitklingt,
wenn ein ganzes Volk, eine ganze Kultur bei diesem Worte mich

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an sich mahnen darf (nicht muß ), so ist das etwas Seltenes und
wunderlich Fruchtbares, dessen wir uns nicht mutwillig berauben
sollten. Daß denen, die von der Antike nie berührt wurden,
damit "unnötiger" Buchstabenballast aufgeladen wird, kann
meiner Ansicht nach solange kein Gegengrund sein, als in geistigen

10

Dingen den geistigen Menschen einer Nation und nicht den
andern zunächst ihr Recht zu wahren ist.
B. Vielleicht doch nicht. Der Klügere gibt nach. Dem Geistigeren
ist es eine Ehre und Freude, zu verzichten, wenn dadurch Unzähligen
wohlgetan und genützt wird. Du läufst Gefahr, in einer

15

Welt, die viel zu groß und tief dazu ist, den Liebhaber
zu spielen, als Liebhaber zu erstarren. Du verstehst, wie das Wort Liebhaber
hier gemeint ist. Möchten wir doch alle mehr dienen, mehr helfen,
statt immer so sehr auf unsere eigene Geschmacksbefriedigung
auszugehn, möchten wir doch endlich diese pseudoaristokratischen

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Allüren überwinden und durch reifere, reichere Gesichtspunkte
ersetzen.

[637]

Nicht nur jedes Gleichnis hinkt, sondern auch jede Gleichung .

[638]

Große geschriebene Worte sind vergeistigter Zeugungsakt in perpetuum.


[639]
25

Philosophien sind Schwimmgürtel, gefügt aus dem Kork der
Sprache.

[640]

Das arme Mädchen war ganz und gar aus Phrasen zusammengesetzt.
Ich habe keinen Satz von ihr gehört, der nicht aus einem
verschluckten Buche abgelesen zu sein schien.

   S. 153

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[641]

"Ewiger" Schnee, welch ein gütiges, liebenswertes Wort! Lassen
wir es ja stehn, der Wissenschaft zum Trotz, der guten alten Zeit
zur Ehre.

[642]

Gestorbenes Wort: Zufall.

[643]
5

Welche und derselbe sind durch unsere besten Prosaiker hundertmal
geheiligte Wörter, welche die modische Abneigung der
"Jetztzeit" ertragen können. Derselbe , dagegen sich heute der
überlegene Spott noch des armseligsten Skribenten richtet, ist
nicht schlechter und nicht besser als eine Unmenge anderer deutscher

10

Wörter. Dem Stilisten bedeutet jedes Wort solcher Art eine
Möglichkeit mehr, und dem papierdeutschfeindlichen Sprachreiniger
kann nicht entgehen, daß just dieses derselbe in Mundarten
- man denke an z. B. selch, seil, dersöll - ein höchst lebendiges
Dasein führt.

[644]
15


"Er gibt Frieden" (schreibt Amiel) "und das Gefühl des Unendlichen".
Welche Zusammenstellung, nur daraus erklärlich, daß
der Begriff des Unendlichen noch nie erlebt wurde. So können
Menschen jahrhundertelang ein Wort voller Pathos brauchen,
ohne je von seiner ganzen Bedeutung ergriffen worden zu sein, ja,

20

ich behaupte, manche Worte können nur so lange gebraucht werden,
als ihr möglicher Sinn nicht völlig zu Ende gedacht wird.
Wer "Gott" siehet, stirbt.

[645]

Das tränensäcksische a.

[646]

Mit der energischen Aufnahme einer Kritik der Sprache kommt

25

wieder auf Jahrhunderte frische Luft in die Philosophie.

   S. 154

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[647]

Man mag sagen, was man will, die Menschen tun soundso oft auch
nichts andres als - bellen, gackern, krähen, meckern usw. Verfolge
nur einmal die Tischgespräche einer Kneipe, die Ausrufe des
Wirts, der Kellner, der Kartenspieler, kurz, all dies Geschwätz,

5

was nichts weiter ist noch sein will als Essen, Trinken, Schlafen oder
irgendeine sonstige einfache Lebensäußerung.

[648]

Prüfe gelegentlich deine Adjektiva nach.

[649]

Der österreichische Dialekt ist darum so hübsch, weil die Rede
beständig zwischen Sichgehenlassen und Sichzusammennehmen

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hin und her spielt. Er gestattet damit einen durch nichts anderes
ersetzbaren Reichtum der Stimmungswiedergabe.

[650]


Gott ist nur ein Wort für "sich". Das Tier hat keines dieser beiden
Worte. Es ist wortlos sowohl Ich wie Gott, das Wort erst spaltet das
Leben in Ich und Gott.

[651]
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Gewöhnen wir uns den Superlativismus ab. Schreiben wir nicht
mehr geehrtest, ergebenst, achtungsvollst, herzlichst und
schönst. Schließen wir nicht mit tausend Grüßen, sondern mit gar
keinem; denn ein Brief, der den Namen verdient, ist doch an sich
schon der Gruß. Umarmen wir uns auch nicht mehr brieflich -

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ich rede natürlich hier stets nur vom Briefwechsel unter Männern -;
denn wenn ich schreibe: ich umarme Dich, so male ich
damit ein Bild, so wird durch die Niederschrift aus einer im Leben
spontanen Handlung eine starre Pose. Seien wir nicht so gedankenlos
gerade in Herzenssachen.

[652]
25

Die meisten Menschen sprechen nicht, zitieren nur. Man könnte
ruhig fast alles, was sie sagen, in Anführungsstriche setzen; denn
es ist überkommen, nicht im Augenblick des Entstehens geboren.

   S. 155

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[653]

Statt sehr geehrter Herr! könnte man doch viel einfacher schreiben:
5 e! Und statt hochachtungsvoll: 2 o.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 151ff.