Aphorismen - Sprache - 1908

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   S. 155

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...

1908

[654]

Die schlimmste Folge demokratischer Anschauungsweise ist,

5

daß nun auch die Worte alle "gleich" gewertet werden. Und doch
ist jedes Wort in dem Augenblick, wo es gedacht, gesprochen,
geschrieben wird, ein Individuum für sich und nicht einmal demselben
- vor oder nachher geborenen - Wort desselben Mundes,
desselben Gehirns je irgendwie gleich. Wenn einer sagt: Ich

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glaube dies und das, und sein Nachbar hört das, so kann das sein,
als ob der eine sagte: Himalaja, und der andre hörte: Schneehaufen.


[655]

Le style c'est l'homme[1] ist eine der feinsten Tautologien, die es
gibt. Was heißt es im Grunde anderes als: der Mensch - das ist der

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Mensch! Nur, dass unter dem Worte style der Mensch als geistiges
Wesen angeschaut ist, und unter dem Worte homme auch als
physisches. -

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Alle Worte sind gleich. Aber das primum inter paria ist das Wort:
Gott.

[657]
20

Welch ein Unterfangen, sich hinter Worten verstecken zu wollen!
Man ist ja - diese Worte selbst.

[658]

Was du denkst und sagst, ist vor allem Ausdruck. Der sogenannte
eigentliche Sinn des Gesagten ist nicht sein eigentlicher Sinn.

[659]

Gingganz ist einfach ein deutsches Wort für Ideologe .

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[660]

Groß betrachtet ist alles Gespräch nur - Selbstgespräch.

[661]

Die gleichen Worte sind einander nicht gleich. Es gibt keine
Tautologie. Sondern alles ist pro-cessus.

[662]

Impressionismus — Eindrucktum.

[663]
5

Wenn ich bei einem Schriftsteller auf jeder Seite "die die" lese, so
kann mir schon übel werden. Wozu hat der liebe Gott das schöne
Wort "welche" geschaffen? Aber rede einmal einer dieser time-
und-money-Zeit von welcher und derselbe!

[664]

In dem lateinischen Wörtchen "duo" ist nur das deutsche Du

10

sichtbar enthalten; das "Ich" ruht unsichtbar und doch ewig lebendig
darin, wie unter Menschen das geliebte Ich im Herzen des
liebenden Du.

[665]

Freuen wir Deutschen uns, daß unsere Sprache die Sonne uns als
ein Weib schenkt und lehrt. Daß sie der schlichteste Sinn bei uns

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als - Mutter empfinden darf. Und daß wir so um sie im Reigen der
Fixsterne all unsere ewigen - Mütter schauen und verehren dürfen.


[666]

Die Sprachreiniger sind, in gehöriger Entfernung betrachtet,
keine ganz unnütze Gesellschaft. Ohne ihre Krämpfe nachahmen

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zu wollen, wird man sich oft von dem richtigen Grundsatz, von
welchem sie ausgehen, angeregt fühlen, lieber deutsche als
fremde Wörter zu setzen, da keineswegs immer die Entschuldigung
zutrifft, das Fremdwort sei treffender als das heimische.
So habe ich in diesen beiden Sätzen die Wörter Puristen, Distanz,

25

Exaltiertheiten, Prinzip und präziser ohne Mühe, aber auch nur
deshalb vermieden, weil mich mein Thema selbst dazu bewog.

   S. 157

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[667]

Zitate sind Eis für jede Stimmung.

[668]

Es gibt gar keine Worte, die bloß Worte wären. Sondern jedes
Wort ist von vornherein ein - höchst individuelles - Urteil . Man
glaubt, a sei gleich a. Eine vollkommene Ungeheuerlichkeit.

[669]

Wer konversiert, der spricht nicht.[2]

 

 

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Fußnoten

  1. Le style c'est l'homme bedeutet so viel wie "Der Stil ist der Mensch." Das geflügelte Wort entstammt der 1753 gehaltenen Antrittsrede des Grafen Georges-Louis Leclerc de Buffon Wikipedia:Georges-Louis Leclerc de Buffon in der Académie française, und in seinem Discours sur le style ging es Buffon um den Schreibstil eines Menschen. Dieser Stil, so meinte Buffon, sei nichts Äußerliches. Der Inhalt eines Werks könne verändert oder entwendet werden, nicht aber die dem Autor ureigene Schreibweise. Nicht gemeint ist eine heute auch übliche Art der Übertragung im Sinne von "Wie der Mensch sich gibt, so ist er."
  2. llustriert von: Ruth Tesmar

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 155ff.