Aphorismen - Sprache - 1909

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   S. 157

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...

1909

[670]

Jedes einmal ins Licht getretene Wort ist ein Vorspann (der
Menschheit) für immer.
Denn jedes fordert, sobald es nur sichtbar wird, zur Produktion

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heraus. Man kann kein Wort lesen oder hörend aufnehmen, ohne
es zugleich aus seinen Schrift- oder Tonelementen wieder zu
schaffen . Schaffen heißt beseelen; ein nicht wieder beseeltes
Wort bliebe ein nicht wieder geschaffenes, d. h. für den Nichtbeseeler
tot.

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Man nehme ein paar beliebige Wörter: Fest. Ebene. Landschaft.
Musik. Ganze Welten von Schöpfungen erheben sich, indem wir
sie lesen.

[671]

Die Sprache ist eine ungeheure fortwährende Aufforderung zur
Höherentwicklung. Die Sprache ist unser Geisterantlitz, das wir

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wie ein Wanderer in die unabsehbare und unausdenkbare Landschaft
Gott unablässig weiter hineintragen.

[672]

Mit jedem Worte wachsen wir.

[673]

Es gibt nichts Hemmenderes als Gemeinplätze und Redensarten.
Jede Redensart ist die Fratze eigner Gedanken, ein "Mitesser"

25

im Zellengewebe des Denkens.

   S. 158

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[674]

Wie eigentümlich ähneln sich Schwyzerdütsch und Norwegisch!

[675]

Wie ist jede - aber auch jede - Sprache schön, wenn in ihr nicht
nur geschwätzt, sondern gesagt wird.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 157ff.