Aphorismen - Sprache - 1912

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   S. 158

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...

1912

[677]

Kongs-Emne[1], eines der tiefsten Wortbilder aller Sprachen.

[678]

Man findet bei manchem Ernsthaften unserer Tage gegen gewisse

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Worte wie sittlich, vollkommen, edel, die Animosität dessen,
dem sie irgendeinmal gründlich verleidet worden sind. Das
sollte nicht sein. Königliche Begriffe können nie von ihrem
Glanze verlieren. Wenn es aber doch zuweilen so scheint, wen
trifft die Schuld? Die Masse, die sich ihrer bemächtigt hat oder

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die Paladine, welche ihnen nicht genug treue Hüter und ihr unzureichende
Diener, Berater und Leiter gewesen sind?

[679]

In einer nicht ganz natürlichen Redeweise liegt eine Gefahr für
den Sprecher wie für den Hörer. Das gilt vom persönlichsten Verkehr
wie von dem mit der Öffentlichkeit. So gibt es, zum Beispiel,

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Menschen, welche immer ein wenig ironisieren. Sie nennen alles
nicht so sehr beim Namen als bei irgendeinem Spitz- oder Übernamen.
Damit wirken sie oft kurzweilig, öfter aber demoralisieren
sie, ob auch nur um einen Schatten, sich wie den andern.

   S. 159

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[680]

Es gibt Menschen, welche Schlagworte wie Münzen schlagen,
und Menschen, welche mit Schlagworten wie mit Schlagringen
zuschlagen.

[681]

Nichts ist so verbreitet wie das Schlagwort. Es wird bis in die

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höchsten Geisteskreise hinauf gebraucht und hängt oft noch dem
Scharfsinnigsten als Zöpfchen hinten.

[682]

Mit keinem Köder fischt Mephisto so glücklich als mit allem, was
im Engeren und Weiteren unter den Begriff des Schlagworts fällt.

[683]

Wie nichts in der Welt nicht auch irgend etwas Gutes enthält, so

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auch nichts Gedrucktes. Mag es noch so schlecht, noch so trübselig,
noch so bösartig sein. Ja, allein schon der Umstand, daß es
Worte sind, die da vor uns stehen, genügt, jegliches Urteil in Demut
und Ehrfurcht [verströmen?] zu lassen.

[684]

Wie sich in der Wortzusammensetzung "Heilsarmee" für den

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Deutschen eines seiner tiefsten Eigenworte mit einem seiner
weltlichsten Fremdwörter verbindet, erscheint in der Heilsarmee
selbst etwas Göttliches mit etwas sehr Irdischem gepaart, das vor
dem Ur-Wort ebenso als Fremd-Wort empfunden werden kann
(obzwar nicht muss) wie das Wort Armee vor dem Geist unsrer

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Sprache.

 

 

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Fußnoten

  1. Kronprätendent (dänisch-norwegisch)

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 158f.