Aphorismen - Weltbild: Am Tor - 1907

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   S. 354

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Weltbild: Am Tor

1907

[1619]

Diese Waschkanne vor mir - nimm die Zeit von ihr: und sie stürzt
zusammen in nichts. Die Zeit macht erst den Raum.

[1620]
5

Nichts ist so klein, daß es nicht Wurzeln hätte bis in den Urgrund
des Geheimnisses, und von Rechts wegen dürften wir, wieviel wir
auch über die Dinge wissen, das Staunen ihnen gegenüber niemals
ganz verlernen. Das Wunder bleibt immer noch größer als
die Erklärung.

[1621]
10

Wenn im großen Weltkonzert einmal ein Stern untergeht, so ist
das auch nichts weiter, wie wenn einem irdischen Orchestermusiker
eine Saite platzt. Sähe man den Mann nicht die Geige absetzen,
so würde man vermutlich gar nichts merken, so unbekümmert
geht das vielstimmige Zusammenspiel seinen gewaltigen

15

Gang.

[1622]

Das Prinzip der Nachahmung (oder, vom Objekt aus: der Ansteckung)
wirkt fortwährend in der ganzen Natur.

[1623]

Wie kann man sagen: Dies und das kommt hierher und daher: da
doch alles überallher kommt.

[1624]
20

Wir glauben als Menschheit eine Art fließende Ebene zu sein und
sind statt dessen ein wandelnder Berg oder eine wandelnde Pyramide.


   S. 355

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[1625]

Alles ist Ausdruck eines Wesens .

[1626]

Der große Irrtum ist der: man glaubt irgendeinmal einen Mechanismus
schaffen zu können, der schließlich wie ein Lebewesen
vor uns leben soll, und sei es auch nur ein Infusorium. Und übersieht

5

dabei nur eins: daß es ein einzelnes Infusorium für sich
allein gar nicht gibt, daß man das ganze Weltall nachschaffen
muß, um auch nur ein kleinstes Tierchen in Wahrheit lebendig
zu machen - denn man kann nichts von außen hineinstopfen,
ihr Herren, man muß dann schon von der Pike auf schaffen,

10

nicht nur so ex tempore und ex machina.

[1627]

Sieh einmal morgens nackenden Leibes beim Waschen an dir
herunter, den Riesen-Zellenbau, das Zellenuniversum ohnegleichen!

Welches naive Auge würde je daraufkommen, dich als eine einheitliche

15

Ordnung von Legionen selbständiger Wesen zu verstehen,
und welches Auge würde folgen wollen, wenn der Verstand
es wagte, die Wirklichkeit überhaupt als einen einzigen Zellenleib
zu beschreiben, dessen Formen wir uns nur nicht vorstellen
können?

[1628]
20

Ich habe zuweilen einen abgründigen Haß auf die Zahl. Sie ist die
absurdeste Fälschung der "Wirklichkeit", die dem Menschen
wohl je gelungen ist, und doch baut sich auf ihr "unsere ganze
heutige Welt" auf.

[1629]

Die "Welt" gibt offenbar immer nur relative Vollendungs-Möglichkeit.

25

Zwischen zwei Eisperioden kann eine Menschheit sich
vielleicht so »vollenden« wie ein Einzelner zwischen Geburt und
Tod.

   S. 356

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[1630]

Es ist mit der Weltenuhr wie mit der des Zimmers. Am Tage sieht
man sie wohl, aber hört sie fast gar nicht. Des Nachts aber hört
man sie gehen wie ein großes Herz.

[1631]

Das Amüsante ist, daß es nun, seit dem Auftreten des Menschen,

5

auf einmal Vergangenheit und Zukunft gibt (von vielem andern
ganz zu schweigen), als hätte die ganze Wirklichkeit nur darauf
gewartet, sich von ihm in vorn und hinten, oben und unten, früher
und später usw. einteilen zu lassen. O Mensch, du Kindskopf aller
Kindsköpfe, o Wissenschaft, du grandioses Orientierungssystem

10

dieses Kindskopfes, nichts weiter!

[1632]

Gestern und morgen haben im All keinen Sinn. Das All war weder,
noch wird es sein, es ist . Und so war nichts von dem, was wir
"vergangen" nennen. Alles "Vergangene" ist . Vergangenheit
wie Zukunft sind nur Formen der Gegenwart.

[1633]
15

Für Pflanze und Tier gibt es das Wort "ewig" nicht und daher
auch keine - Ewigkeit. Es sollte sie auch für uns nicht geben. Wir
sind . Wir werden nie sein, ebensowenig, wie wir je waren. Die
Ewigkeit ist in jedem Moment "gelebte Gegenwart" - oder sie ist
nicht.

[1634]
20

Schauerlich, zu denken, daß alles nur "in der Flucht" ist. Es gibt
nichts, als den Moment , in dem fortwährend alles ist.
So wie "ich" von Sekunde zu Sekunde lebe und mir dessen bewußt
bin - (aber das alles ist nicht ich, das ist die Unendlichkeit,
die in mir fortwährend weiterlebt), so lebt die gesamte Wirklichkeit

25

wie ein einziger gigantischer Körper in ihrer eigenen, von mir
ihr vermittelten Vorstellung von Sekunde zu Sekunde.

   S. 357

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[1635]

Die Welt ist eine sich ewig fortentwickelnde Kugel, deren Oberfläche
- hier der dies von ihr aussagt.

[1636]

Es gibt keine Vergangenheit, nur Gegenwart.
Alle Vergangenheit existiert nur als lebendige Erinnerung eines

5

gegenwartigen Kopfes.
Alle Vergangenheit ist eine Selbsterinnerung Gottes.

 

 

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Symphonie


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 354ff.