Aphorismen - Weltbild: Episode. Tagebuch eines Mystikers - 1906

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Weltbild: Episode. Tagebuch eines Mystikers

1906

[1489]

Ich schrieb dies auf einem Punkte, wo der Mensch mit Gott zusammenfällt,
wo er aufhört, sich als Sonderwesen fühlen zu können.

5



[1490]

Religion ist Selbsterkenntnis des menschlichen als ebendamit
göttlichen Geistes. Religion ist die Erkenntnis, daß alles Denken
göttliches Denken ist wie alle Natur göttliche Natur, daß jede
Handlung eine Handlung Gottes, jeder Gedanke ein Gedanke

10

Gottes ist, daß Gott nur soweit Gott ist, als er Welt
ist, daß die Welt nichts andres ist als Gott selbst, - daß in demselben Augenblick,
da ein Mensch sich seines Gottseins bewußt wird, Gott in ihm sich
seiner selbst als Mensch bewusst wird.

[1491]

Betrachte den Sternenhimmel - alles versinkt um dich her. Wer

15

ist er, wer bist du. Dein Denken schweigt. Du fühlst dich wie hinweggehoben,
zerflattern... Wer bist du, wer ist er, wenn nicht -
Es. Das Unfaßbare selbst, Gott, das Mysterium. Und dies Mysterium
fragt in sich selbst: Wer bin ich, wer bist du. Gott fragt sich
selbst in sich selbst - und weiß keine Antwort, verstummt in sich

20

selbst...

[1492]

Wie kann es eine Sünde für mich geben, wenn ich Gott bin?
Wenn ich meinen Bruder erschlage, erschlage ich mich in ihm; es
gibt nichts, was ich nicht ein Recht hätte zu tun: denn ich tue es an
mir selber. Der Täter ist zugleich der Erleider - vielleicht ist dies

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ein Fenster in mich hinein, vielleicht erahnt sich durch dies Wort
das Unvorstellbare, das wir sind und dem gegenüber uns nur tiefstes
Grauen und Wegsehen, praktisch aber nur dies übrig bleibt:
uns als die, als die wir uns nun einmal vorgefunden haben, innerlichst

5

zu vollenden, gleichviel, was objektiv für Uns, als Gott,
damit gewonnen oder nicht gewonnen sein mag.

[1493]

Das eine und einzige Gebot: Du darfst alles tun, was du willst,
aber bedenke, daß du es dir selbst tust.
Wenn du meinst, es dir selbst tun zu dürfen, so tue selbst das

10

Äußerste. Dies Gebot hindert kein Schaffen oder Zerstören. Mit
diesem Gebot bist du frei zu allem, und doch wird es dich weise
machen.

[1494]

Wie kann ich schwören: Ich schwöre bei dem allmächtigen Gotte,
daß ich dies nicht getan habe - da ich doch selbst dieser allmächtige

15

Gott bin und - als ein sogenannter anderer Mensch - es sehr
wohl getan habe? Aber ich werde das dem Richter nicht auseinanderzusetzen
vermögen; er wird niemals begreifen, daß er wie
auch der Verbrecher eine Person mit mir ist: und ich werde als
Mensch wie ein Verrückter dastehen und als Gott auf mich, den

20

Richter, blicken, wie jemand auf seinen Daumennagel blickt, auf
den er ein Gesicht gemalt hat. Er spricht zu dem Daumen und
sagt ihm, daß er mit ihm eins sei, aber der Daumen versteht kein
Wort von dem, was er sagt.

[1495]

Denke dir den einfachsten Menschen der Welt, mit einer oft lebhaften,

25

leicht und nachhaltig erregbaren Phantasie und einiger
dichterischer Begabung, ohne hervorragende Charaktereigenschaften,
aber von dem beständigen Wünsch erfüllt, sich zu verinnerlichen;
ein Schwächling, ja ein würdeloser Mensch mitunter,
ohne ausgeprägten Sinn für Moral, von einer Sinnlichkeit, die

30

sich wie eine feine Wärme über sein Leben verbreitet, deren eigentliche

   S. 319

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Ausbrüche indessen nicht so sehr von Belang sind, so daß
man bei ihm zugleich von einer ihn häufig, wie die Flamme das
Licht, verzehrenden Leidenschaftlichkeit und zugleich von einer
sehr geringen Fähigkeit zur Leidenschaft sprechen mag: dabei

5

von einer angeborenen Heiterkeit des Geistes, einer gewissen Neigung
zu Spott und Gelassenheit, viel belesen, ohne irgendwie fachlich
gebildet zu sein, von schlechtem Gedächtnis, ungeübt und
träge im Dialektischen, durchdringend nur in seiner Ausdauer,
immer nur ein Ziel bewußt oder unterbewußt zu verfolgen: sich in

10

seinem Zusammenhang mit dem Außer-Ihm zu erkennen; -
denke dir einen solchen Menschen eines Tages das Wort verstehen:
Ich und der Vater sind eins. Denke dir, wie er das Wort in sich
hin und her wendet, mehr noch, es sich hin und her wenden läßt;
denn er springt auf seine inneren Erlebnisse nicht zu, er läßt sie

15

leben oder sterben je nach ihrer eigenen Kraft: wie es ihn zum
endlichen Bewußtsein seiner selbst zu bringen scheint, als wäre
alles andre Blindheit, vollkommene Blindheit: sich nicht als Gott
selbst - als das Eine und Alle, als das Einzig-Bestehende zu sehen,
als wäre es geradezu eine "Ver-rücktheit". sich "Gott" gegenüber

20

als irgend etwas anderes, Gegensätzliches, Seitliches, Beigeordnetes
oder gar Untergeordnetes zu fühlen, ja die Frage "Gott"
überhaupt noch irgendwie zu diskutieren, als müsse man - sich
sich selbst beweisen !
"Ihr seid alle in mir, aber in wem bin ich? — Wer mich hat, der hat

25

auch den Vater. -" Wie mich diese steten Wiederholungen einst
ärgerten, wie einfältig und eigensinnig sie mir erschienen; als ob
ein Kind immer dasselbe wiederholte!
Bis mir eines Abends dämmerte, aus welchem Gefühl heraus dieses
unermüdliche Betonen geflossen sein muß...

[1496]
30

Mein Tod ist meine Wahrheit, wie dein Tod die deinige. Wenn ich
als Individuum sterbe, bejahe ich mich als Welt. Denn mein Tod
als solcher ist dem Leben des Ganzen notwendig, und da ich
selbst der Teil wie das Ganze bin, ist mein Tod mir selber notwendig.

   S. 320

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Was aber meine Notwendigkeit ist, ist auch meine Wahrheit;
denn Notwendigkeit ist höchste Bejahung und höchste Bejahung
Wahrheit.

[1497]

Ich werde erst sterben, wenn ich erfüllt haben werde, was ich erfüllt

5

haben konnte. Gott stirbt nicht vor der Zeit. Er wacht hier auf
und schläft dort ein, wie es gut ist. Was sträubst du dich gegen das,
was du dein Schicksal nennst? Siehe dir selbst ins Antlitz: Dein
Schicksal ist, daß du Gott bist. Ich sage: Gott! Aber wo uns die
Wirklichkeit dieses Wortes faßte, da wäre unser Herz und Hirn

10

auch schon dahin, wie ein Bologneser Glas, das, getroffen, zu
Staub zerspringt. Gott schauen ist Tod, das wußten alle Völker.
Gott erraten ist Leben.

[1498]

Jahrhunderte stritten über das Wort Dreieinigkeit. Und doch enthält
es die Welt, für ein Kind gedeutet. Der Vater, das ist das Leben,

15

das alles ist und das der einzelne Mensch nie aus seinem
Gehirn heraus fassen oder gar erklären kann. Der Sohn, das ist
dies selbe göttliche Leben als sich erahnendes Wesen, als
Mensch, als der Mensch Christus im Besonderen. Der heilige
Geist, das ist das langsame Weitergären dieser Erkenntnis auf

20

Erden: daß alles "Gott" ist. -

[1499]

Tief unten schlachten sich noch die Völker, es raucht das Blut und
in Selbstzerfleischung fällt Noch-Blindes sich selber an. Warum
tue - Ich das. Ich weiß es nicht. Die Menschheit ist noch ein Kentaur,
der heilige Geist hat das Tier erst zur Hälfte verwandelt.

[1500]
25

Ich habe den verwandelnden Blick.

[1501]

Vor einer Anzahl von Leuten der "guten Gesellschaft". Sind es
nicht alles Menschen, die man in irgendeinem Zuge ihres Wesens

   S. 321

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lieben kann? Alle sind so oder so ein wenig oder sehr liebenswert.
Aber sie müßten auch fast alle mit dem Gift einer schwachen,
doch steten Unruhe geimpft werden. Sie wollen zu wenig
über sich hinaus, sie siedeln sich zu schnell bei sich selber an, sie

5

haben zu wenig Wachstum und Wandertum in sich. Sie glauben,
mit 50 Jahren sich gefunden zu haben - sie nennen es: erwachsen
sein - und setzen sich schon auf sich selbst zur Ruhe. Man wird
nichts Unerwartetes von ihnen mehr sehen oder hören; als ob
man nicht von jedem Menschen in jeder Stunde Unerwartetes

10

erwarten müßte! Man kann sie vorausberechnen wie irgend
etwas ganz Gewöhnliches - und dabei sind sie das Ungewöhnlichste
der Welt, nämlich Menschen, und tragen das Unberechenbarste
der Welt in sich: eine zu jeder Unerhörtheit fähige
Seele. Sie haben ganz vergessen oder nie begriffen, daß sie -

15

Gott sind, sie begnügen sich damit, Herr X oder Frau Y zu sein
und als solche und nur als solche zu leben und zu sterben.

[1502]

Dieser Grundhang, das Leben zu einer Biedermeierei zu erniedrigen,
ist es, den ich unter der Bezeichnung "bürgerlich" überall
aufspüre und verfolge. Es ist die eigentliche Gefahr des Menschen,

20

zu versimpeln. Man sollte täglich zu einer festgesetzten
Stunde einen Glockenton durchs ganze Land gehen lassen, der
keine andre Bedeutung hätte als die, den Menschen in Erinnerung
zu rufen, daß sie nicht nur Bürger von diesem Namen und
jenem Stand seien, sondern unerforschliche Teile des Unerforschlichen.

25

Man müßte eine eigene Glocke dafür erfinden und in
unzähligen großen und kleinen Exemplaren gießen lassen: eine
"Gedächtnisglocke des Menschen". Wo aber ein Tempel gebaut
würde, da müßte über seiner Pforte stehen: Dem furchtbaren
Gott, oder: Mir selber, dem dreimal Unbekannten.

[1503]
30

Der Mensch von 1900 scheint eine neue Tugend in sich gereift
sehen zu dürfen: die Erkenntnis des Bürgerlichen. Als das Bürgerliche
bezeichne ich das Absehenkönnen des Menschen davon,

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daß er das Geheimnis der Geheimnisse ist, das Sichhinstellen-
und Verharrenkönnen des Menschen als eines Zweiten. Bürger
heißt: der sich in einer Burg Bergende. Bürger heißt mir der
Mensch, insofern er sich in der Burg des Gedankens birgt, etwas

5

andres als Gott selbst zu sein. Kein Mensch kann sich wirklich als
Gott fühlen, der er ist. Es kann Gott sich nur bürgerlich und nicht
anders ergreifen. Das Menschliche ist schlechtweg das Bürgerliche.


[1504]

Im Menschen erschuf sich das Ungeborgene seine Burg. Gott

10

ist nichts Außerbürgerliches; wo auch nur die kleinste Zelle, da ist
sie zugleich Gottes Burg. Nun ist aber alles Zelle, das Wort wo ist
überflüssig, ebenso wie wenn man sagen wollte: wo (im Glase
Wasser) auch nur ein Tropfen Wasser, da ist Gott in ihm. Alles ist
"Burg". Seit Welt überhaupt ist, gibt es nur Gott, den Geborgenen,

15

den Bürger.

[1505]

"Gott ist nur der Lebensfunke." Schön. Dieser Funke aber bildet
Sterne und Gehirne. Ja, er legt mir selbst das Wort Gott über sich
in den Mund. Und so brauch ich's denn.

[1506]

Was es gilt, ist die Austreibung Gottes aus allem Jenseits in das

20

Diesseits. Gott ist nicht irgendwo, er ist auch nicht hier oder dort,
sondern er ist dies und das, und drittes und legionstes.

[1507]

(In einem Kaffeehause.) So von seinem Marmortischchen aus,
seine Tasse vor sich, zu betrachten, die da kommen und gehen,
sich setzen und sich unterhalten, und durch das mächtige Fenster

25

die draußen hin und her treiben zu sehen wie Fischgewimmel
hinter der Glaswand eines großen Behälters - und dann und
wann der Vorstellung sich hinzugeben: Das bist Du!
Und sie alle zu sehen, wie sie nicht wissen, wer sie sind, wer da, als
sie, mit SICH selber redet, und wer sie aus meinen Augen als SICH

30

erkennt und aus ihren nur als sie!

   S. 323

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[1508]

Wie tief wird doch die Kirche, wenn man die Menge betrachtet, in
der sie das eigentlich Wertvolle, das Innerliche, Namenlose wach
erhält, diese Menge, die unter den Händen der Aufklärer zu einem
platten, sich selbst und den andern uninteressanten Haufen

5

wird! Ja, die Kirche ist sicherlich unsere, der Erkennenwollenden,
beste Freundin. Sie ist die einzige ebenbürtige Gefährtin der
Philosophie. Und was die Verirrungen beider anbetrifft, so dürften
sie hier wie dort, wenn auch ganz verschiedenen Charakters,
gleich ehrwürdig, gleich unerträglich und gleich lächerlich sein.

[1509]
10

Vielleicht bin ich nur ein Bildschnitzer, und nun schnitz ich Gottes
Bildnis aus allem.

[1510]


Eine szenische Vorstellung ist für den Kontemplativen etwas wie
eine Parade. Oder wie ein Schachspiel, gespielt mit lebendigen
Puppen. Oder wie ein Glockenspiel mit kunstvollen Figuren.

[1511]
15

Aller Blick auf menschliche Dinge muß zuletzt im Furchtbaren
enden. Iwan Karamasow lehnt diese Welt ab; und wenn er alles
begriffe, die Leiden der Kinder begreift er nicht. Wie aber - wenn
all dies Leiden zuletzt ein Eigenleiden, ein Selbsterleiden Gottes
ist! Wenn die ganze Menschheit und jede nur irgendwie denkbare

20

Menschheit des Alls Gott selbst ist, das ohne Maß große,
schauerliche, tragische Leben Gottes selbst! Nur eine Sekunde
dumpfer Ahnung Seiner, als Gott selbst, in eines Menschen
Hirn... und scheint nicht alles aufgelöst - nicht in eine unsagbare
Harmonie - o nein - aber in einen nie zu erfassenden, erfühlenden

25

Abgrund von solcher Schauerlichkeit und Tiefe, daß jede Anklage,
jede Klage, ja jedes Urteil verstummt. Es bleibt nur der fast
unsichtbare Blitz einer fernen Erkenntnis Seiner selbst, der mich,
den Menschen, zerfressen und tot niederwerfen würde, wenn er
auch nur einen Grad heller, eine Sekunde länger leuchtete. Aber

30

ich glaube, diese dumpfe Selbsterkenntnis Gottes im Menschen

   S. 324

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ist zugleich Seine einzige Selbsterkenntnis. Gott ist in der Natur
gefangen, wenn man so sagen soll. Gott ringt sich aus ihr zum
Sich Selbst erschauenden Geist empor. Der Mensch ist Gottes
Kopf. Aber sowenig wie der Mensch wird sich Gott je selbst erkennen

5

(nur erahnen): denn er erkennt ja nur soweit, als er
Mensch ist. Menschenleid ist zugleich Gottesleid: es scheint nur
ein Wechsel des Worts, und es ist doch etwas andres, ob jenes
kleine Mädchen, von dem Iwan Karamasow erzählt, sich als eben
dieses Mädchen die Brust mit den Fäustchen schlägt oder ob es

10

einen Moment im Leben dieser selbstseienden, mit sich selbst
kämpfenden, um sich selbst kämpfenden Unsagbarkeit "Gott"
darstellt. Dieses Mädchen ist dort noch bürgerlich gesehen, göttlich
gesehen wird es zum Mysterium, zu liebenswert für unsere
Liebe wie zu tief für unsere Klage.

[1512]
15

Nach einem französischen Roman. Sieh diese Liebe zweier Menschen,
denen die gemeine Sorge des Lebens fernbleibt, diese,
wenn du willst, frevelhafte Liebe, weil sie im Geheimen und wider
das Gesetz lebt, sieh diese beiden Luxusgeschöpfe, die der
Proletarier erwürgen würde, wenn er wieder einmal in die Häuser

20

der Bürger bräche. - stelle dir dicht daneben, kaum durch eine
Straße getrennt, das grinsende Elend, die verstümmelnde Krankheit,
den Schmutz, die Niedrigkeit, das Verbrechen vor - und
frage dich, was ein Gott tun müßte, der dies nicht alles selbst
wäre. Nur eine Welt, die Gott selbst ist, dar! so sein, wie sie ist.

25

Gott schenkt sich selber nichts, er ist die Liebe jener beiden feinen,
verwegen gewissenlosen Kulturgeschöpfe, er ist ihr Rausch,
ein Rausch von solcher Tiefe und Schönheit, daß er, er selbst dieser
Rausch sein muß, um seinen ganzen sublimen Wert zu empfinden,
daß er er sein muß, um ihn (möchte ich sagen) nicht erst

30

"empfinden" zu müssen und so ihn durch dies Empfinden, das
zugleich ein Urteilen wäre - im Erteilen aber schläft auch schon
das Verurteilen - herabzusetzen; ich sage, er ist diese Liebe selbst,
wie er auch daneben das Elend, die Krankheit, der Schmutz ist, er

   S. 325

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braucht nicht vor sich zu erröten wie ein feiler Genüßling, er ist
kein Dieb an fremdem Gut, er erschleicht seine höchsten Zustände
nicht, er ist in schrecklicher Fülle und Wahrheit alles, von
oben bis unten, er ist das ganze Universum "am eigenen Leibe",

5

noch einmal: Er darf alles sein, weil er alles ist . (Spätere Anmerkung:
Solange er nicht selbst darum "weiß". In diesem Moment
beginnt seine - Sittlichkeit.)

[1513]

Es gibt nichts, das ich Mir nicht vergeben könnte, und nichts, das
ich nicht überwinden möchte.

[1514]
10

Die Liebe zwischen Mann und Weib wird erst dadurch, daß sie
Liebe Gottes zu sich selbst ist, zu einem Problem von schauerlicher
Tiefe. Was allein kann das letzte Ziel dieser Liebe sein? Das
Kind? Keineswegs. Das Kind ist ja nur wieder Gott als Individuum.
Wenn der Mann mit dem Weibe plötzlich zusammenschmelzen

15

könnte in einen dritten Körper, dann würde die Erde
vielleicht im selben Augenblicke vor jähem Erschrecken untergehen.


[1515]

Nietzsche sagt einmal, daß mit der Wissenschaft der Optimismus
Herr geworden sei. Und fürwahr, mit dieser Zählmaschine in der

20

Hand wird der Mensch ein beschäftigtes und beruhigtes Schulkind.
Die Furchtbarkeit des Daseins verliert ihre Gewalt für ihn,
er klassifiziert, klärt auf, korrigiert hier und dort. Eine Welt, für
die es nur die eine Bezeichnung "furchtbar" gibt, wird ihm
zuletzt ein behagliches Wohnhaus, in das bloß der Tod seine ungemütlichen

25

Schatten wirft. - Sei bedankt, Tod, millionenmal bedankt,
daß du das unwegschaffbare Ingredienz unseres Lebens
bist. Ohne dich müßte das ganze Sinnen jedes Denkenden unaufhörlich
darauf gerichtet sein, dich zu erfinden. Ohne dich würde
Gott am eigenen Leibe verfaulen.

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[1516]

Vor einem Kirchhof. Die abgelegten Kleider Gottes.

[1517]

Gott ist die Überwältigung unseres Innern durch die Unendlichkeit.
Die Kapitulation des menschlichen Begriffsvermögens vor
der Welt.

[1518]
5

Philosophie und Religion ist für den Menschen vielleicht nur der
Gefrierpunkt gegen den Wahnsinn. Vor der Kälte des Universums
zieht sich das Wasser als Haut zusammen, so vor der Kälte des
Unbegreiflichen der Geist zur Weisheit, das Herz zum Glauben.
Gott, wo er nicht im Verfall, rettet sich vor dem Verfall, indem er

10

denkt .

[1519]

Mein Gottesbegriff ist die Heiligung auch des Allerfurchtbarsten.
Alles, was geschieht, ist Mein bewußter oder unbewußter Wille
und als solcher unantastbar. Damit aber fällt zugleich die übertriebene
Wichtigkeit alles Geschehens dahin. Alles ist wichtig -

15

als göttliche Äußerung: und nichts ist wichtig — ebenfalls als göttliche
Äußerung. Gottheit ist Fülle, und Fülle weiß nichts von
dem, was sich Kümmerlichkeit als Gewinn und Verlust herausrechnet.
Es gab zu lange nur den Gott des Bürgers. Gott sah sich
selbst als Bürger: den aber hat sein eignes Lachen töten müssen.

20

Aus dem Gott-Bürger wurde der Gott-Freie, aus dem komischen
wieder der tragische Gott.

[1520]

In einen Roman. "Ich sitze hier vor Ihnen und habe einen Gedanken,
so groß, wie er vielleicht noch nie von einem Menschen gedacht
worden ist, oder wenn, dann nur von einigen Wenigen, halb

25

Verborgenen, ich sitze hier vor Ihnen und werde nicht drehend,
nicht von Sinnen, nicht von Fieber geschüttelt. Ich bringe es fertig,
mit diesem Gedanken mein ganzes bisheriges Leben fortzuleben,
als sei nichts geschehen. Begreifen Sie, wie tief ich mich
verachten muß, daß selbst ein solcher Gedanke dies schöne

   S. 327

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Gleichgewicht, um das mich so viele beneiden, nicht zerstört, und
wie ich im Innersten nur jenes eine begehren muß: den
Schmerz, den unentrinnbaren, tödlich verwundenden, den -"

[1521]

Ad Drews. Alles Lebendige unmittelbar als Gott zu fühlen, kann

5

nicht Größenwahn sein: denn wenn ich mich als Entwickelungspunkt
Gottes, als Gott in einer bestimmten Entwickelungsphase
erkennen zu dürfen glaube, so gilt mir doch jeder Mitmensch, ja
jedes lebendige Wesen überhaupt gleichfalls als Gott: so daß da
nichts ist, was sich über andres überhöbe, oder nur in dem Sinne,

10

wie sich Gedanken im selben Kopfe übereinander überheben.

[1522]

Ad Drews. Es ist sehr lehrreich, daß dieses dicke und gelehrte
Buch "Die Religion als Selbst-Bewußtsein Gottes" gerade die
Idee, die Gott am tiefsten faßt, als "wahnsinnig" hinstellt. Man
mache sich klar: von unzähligen Ideen mit tödlicher Sicherheit

15

gerade die energischste, bedeutendste! Man möchte den Geist
des Verfassers eine umgekehrte Wünschelrute nennen.

[1523]

Die Welt, lieber Herr Professor (beruhigen Sie sich), ist eine -
Privatangelegenheit Gottes. Und da Sie mit zur Welt gehören, so
gehören Sie, wie jeder andere, ebenfalls ganz restlos in diese Privatangelegenheit

20

hinein.

[1524]


Zu Dostojewski. Es ist ein Wandel zwischen Überreiztheit, Ermattung
und Größe, einer Größe, wie sie sich nur bei den ganz
tiefen, glühenden Seelen der Menschheit findet, und wenn ich im
Augenblick gefragt werden sollte, wüßte ich auch im Augenblick

25

nur zwei moderne Namen daneben zu nennen: den Namen Lagarde
und den Namen Nietzsche. Nur bei ihnen findet man diesen
Sturm der Seele wieder, der oft lange schläft, sich lange unter
allerlei psychologischem, politischem, was weiß ich für Kleinkram
verkriecht, um sich dann plötzlich unvermutet wie ein feuriger

   S. 328

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Wirbel zu erheben, emporzusteigen, alles zu überschütten, zu
überstrahlen, daß das Herz zu klopfen anfängt -

[1525]

Dostojewski hat folgende großartige Methode: Er führt eine Anzahl
Menschen ein, die uns zunächst nur einfach fesseln, noch

5

nicht erregen, wirft sie durcheinander, bringt sie in die unglaublichsten
Verwicklungen, bis für jeden irgendeinmal die Stunde
schlägt, wo er sein Innerstes enthüllen muß. Und enthüllt er sich
nicht aus freien Stücken - und je bedeutender solch ein Mensch
ist, desto verschlossener, schamhafter, unwilliger, ja selbst zynischer

10

ist er - so wird er, ich möchte sagen, "gestellt". Ein anderer
setzt ihm das Messer auf die Brust: Aljoscha und Iwan in den
"Karamasow", Werssilow und sein Sohn im "Werdenden",
Schatoff und Stawrogin in den "Dämonen" usw. Lassen wir das,
ruft Schatoff, davon später, sprechen wir von der Hauptsache, von

15

der Hauptsache... Ich habe zwei Jahre auf Sie gewartet. - Nicht
meine Person selbst, zum Teufel mit ihr, - aber das andere -! Und
dann sprechen sie alle von dem "andern", von der Hauptsache:
ob es einen Gott gibt oder nicht: was der Mensch tun muß, wenn
es Gott nicht gibt: ob der Mensch überhaupt ohne Gott leben

20

könne: wie im besondern das russische Volk diese höchste und
brennendste Lebensfrage entscheide, und ob dieses Volk nicht
vielleicht "das einzige Gott tragende Volk" heute sei, "das einzige,
dem die Schlüssel des Lebens und des neuen Wortes gegeben
sind".

25

Und in diesen Gesprächen brennt die Flamme Gottes selbst, die
Flamme des um sich selbst ringenden Gottes, dessen Leib das
unendliche All der Gestirne und dessen Geist der Geist ihrer Lebendigen
ist.

[1526]

Zu Dostojewski. Wenn ich ein Priester wäre, so würde ich mit

30

meiner Stirn erst dreimal vor ihm den Boden berühren, bevor ich
mich umwendete und zu meinen Brüdern spräche: denn in ihm
ward eine jener großen Leuchten der Erde lebendig, die noch in

   S. 329

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den finstersten Nächten leuchten, - er war einer der großen
Rechtfertiger des Menschen, weil er sich am Menschen nicht genug
sein ließ; nur aber, wem der Mensch kein Ziel war, nur ein
Wurf nach dem Ziel, verdient Mensch gewesen zu sein.

[1527]
5

Zu Drews. Wenn ich sage: "Mensch" ist nur eine sprachliche
Ausdrucksform für "Gott" - ist das "Selbstvergötterung"? Gott
kann sich doch nicht selbst vergöttern! Was aber wäre Gott, der
nicht die ganze Natur, der nicht alles, alles selbst wäre, der nur
das Selbst, nicht auch das Ich zugleich, nicht zugleich die Sehnsucht

10

nach Sich und dies Ersehnte selbst, kurz, dessen Inhalt, sozusagen,
nicht die gesamte unendliche Welt wäre? Gott ist jeder
Gedanke und jedes Gebilde; es gibt allerdings Metaphysik, insofern
die Natur nicht nur ein einfacher chemischer oder mechanischer
Prozeß ist, als den sie der Materialismus hinstellen will,

15

aber es gibt keinen Metatheismus; Metatheismus aber wäre, das
menschliche Subjekt noch einmal in Mensch und Gott zu spalten:
wenn diese Spaltung auch noch so fruchtbar sein mag, ja wenn sie
auch unzweifelhaft eines der instinktiven Mittel des aus dumpfem
Urtrieb zu immer reinerer Sichselbsterfassung, Sichselbsterringung

20

hindrängenden Gottes war und ist, seinen Weg zu sich
selbst, ja: Sich Selbst zu finden.

[1528]

Ihr werdet mich mit euren blassen Gottesideen nicht überzeugen
können. Der sichselbstschöpferische Gott ist ein zu gewaltiger
Gedanke, und wenn nicht die Philosophen, so werden die
Künstler mich stets begreifen.

[1529]

Ich kann nur durch Kampf und Leiden zur Erkenntnis Meiner
selbst kommen, und zu diesem Leiden gehört, daß, was da leidet,
zum allergrößten Teil nicht weiß, daß Ich leide, sondern sich als
Selbst-Leidendes fühlt, so daß ich, obwohl ich es nur selbst bin,

30

der leidet, doch endlos zugleich leiden mache . Und dies alles um

   S. 330

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Meinetwillen, um Meiner Entwickelung willen. Was bleibt Mir
da noch übrig, womit kann ich allein diesen furchtbaren und doch
notwendigen Weg aufwiegen, wenn nicht durch Liebe! Liebe
nicht zu Mir, sondern zu dem, was Ich noch nicht bin, also zur

5

ganzen werdenden Welt, zu allem, was überhaupt noch Werden
heißt. Die ganze Welt einst wieder an Mein Herz zurückzunehmen
- könnte Ich mich ohne diesen Willen zur - Welt entschlossen
haben?
(Schauerlich, wenn ich mit meinen ich und Ich mißverstanden

10

würde. Wenn man mich für einen größenwahnsinnig gewordenen
Subjektivisten nähme!)

[1530]

Das Geschenk solcher Gotteserkenntnis, das sie uns anstelle der
"ewigen Seligkeit" verspricht, ist folgendes: Wir hören nie auf,
als Lebendige wiedergeboren zu werden, wir sind und bleiben

15

Teilnehmer des göttlichen Ringens um sich selbst. Gott schenkt
uns (sich) keinen "Frieden" als den, welchen er sich selbst erringt.
Alle höchste Stufe der Entwickelung erreicht Gott als
Mensch: Der höchstentwickelte, am vollkommensten gelungene
Mensch ist zugleich ein höchster Glücksmoment Gottes. Es gilt

20

nicht, diese höchsten Glücksmomente Gottes auf allen Sternen
einfach auszuschalten und als irdische Ungenügendheiten zu
verdächtigen. Sie sind die einzige (bewußte) Seligkeit Gottes,
es gibt keine andere, hinterweltliche, außer ihr. Sie sind selbst
geistweltlich genug. Sie sind Erkämpftheiten, Ersiegtheiten,

25

nicht faule Geschenke, sie sind nicht jenes Ausruhen, jener
Friede, den die Geplagten und Gemarterten als Höchstes ersehnen,
sondern Seligkeiten der Kraft, des außerordentlichen Vermögens,
- alles irdische Große und Herrliche ist zugleich Seligkeit
Gottes. Es gibt nicht Elende und Glückliche und einen Gott

30

bewußt oder unbewußt außerhalb ihrer, sondern Gott selbst ist
elend und glücklich, Gott selbst fällt und erhebt sich, sündigt und
überwindet sich, Gott selbst ist das Herz, die Seele, der anemos
der Welt.

   S. 331

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[1531]

Wer das Wunder nicht als das Primäre erkennt, leugnet damit die
Welt, wie sie ist, und supponiert ihr ein Fabrikspielzeug.
Das Wunder ist das einzig Reale, es gibt nichts außer ihm. Wenn
aber alles Wunder ist, d.h. durch und durch unbegreiflich, so

5

weiß ich nicht, warum man dieser großen einen Unbegreiflichkeit,
die alles ist, nicht den Namen Gott sollte geben dürfen.

[1532]

Wirklicher, innerster, reinster Glaube kann sich nur auf etwas
beziehen, wofür die Sprache kein anderes Wort hat als absurdum:
das Absurde ist sein einziges Objekt. Ja. ich möchte noch weiter

10

gehen: Was geglaubt werden kann, ist schon nicht mehr glaubwürdig.
Glaube, im innersten Begriff, ist Annahme aller Möglichkeiten
mit Ausnahme der einzigen, zu ihm selbst je ein bestimmtes
Geglaubtes, d.h. einen irgendwie bestimmten Inhalt, zu
finden. Glaube ist nur wahrer Glaube als von keinem Gedanken

15

entweihtes Gefühl Gottes. Glaube ist damit das Gefühl Gottes
von Sich selbst, Glaube an Gott ist bereits kein reiner Glaube
mehr: das an setzt einen Gedanken, ein Urteil, eine Auswahl voraus.
Glaube an Gott ist ebensowenig Glaube Gottes, wie Gefühl
an Gott Gefühl Gottes. Daher auch keine "Vernunft" dem wahren

20

Glauben etwas anhaben kann.

[1533]

A. Wo ist Gott...
B. Du fragst, wo Gott ist?
A. Ja.
B. (auf A. deutend) Dort.

25

A. Wo? (dreht sich lächelnd um).
B. Ja. du musst dich nicht nur umwenden, du mußt dich in dich
    hineinwenden -
A. Hineinwenden?
B. Ja. Siehst du diesen Handschuh?

30

A. Ja.
B. Das ist der Mensch. Und dies (stülpt den Handschuh um) ist
    Gott.

   S. 332

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[1534]

Gott ist gewiß nicht Persönlichkeit. Aber er wird sie in jedem
Moment. Gott ist: Persönlichkeiten .

[1535]

Der Körper, der Übersetzer der Seele (Gottes) ins Sichtbare.

[1536]

Daß jedes Menschenleben nur die eine leibgewordene Möglichkeit

5

unter unzähligen Möglichkeiten bedeutet, gibt ihm erst den
wahrhaft großen Hintergrund. Leib und - Seele, von hier aus neu
zu begreifen. Der Leib, eine Linie der Seele, die eine wirklich
hingezeichnete Linie von Legionen Linien, die ebenfalls jede für
sich hätte hingezeichnet werden können (sichtbar, leiblich geworden

10

sein können).

[1537]

Die Welt ist ein einziges lebendiges Wesen, in beständigem Aufbau
und beständiger Zersetzung begriffen. Es gibt für dies Wesen
keinen Tod - um den Preis des individuellen Todes. Das Individuum
ist der Preis des Dividuums. Das Individuum ist vergänglich,

15

das Dividuum ohne Anfang noch Ende. Das Dividuum teilt
sich fortwährend, und darum besteht es fortwährend. Es kann
nur bestehen, wenn es beständig zu Individuen wird. Im Individuum
wird es allein fest, so daß man sagen kann: Die Individualität
ist die Persönlichkeit der Dividualität oder, menschlicher: Der

20

Mensch ist die Persönlichkeit Gottes.

[1538]

Das Leben hat keinen Sinn als den Sinn - Gottes.

[1539]

Im Anfang war - Mein Ziel.

[1540]

Gott heißt immer nur der jüngste Begriff von Gott. Gott selbst
kann es für den Menschen niemals geben - sowenig es für diese

25

meine Hand diese meine Hand geben kann. daßelbe kann nicht
zugleich zweierlei sein. Mensch und Gott ist dasselbe, also kann

   S. 333

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Gott nicht vom Menschen erkannt werden. Erkannt werden kann
nur eins vom andern. Der Mensch kann sich nicht nach sich selbst
herumdrehen, und darum wird er nie wissen, wer er eigentlich ist,
woher, wozu, warum. Und mit ihm wird es Gott nie wissen. Gott

5

ist sich sich selbst Mysterium. Und wäre dies schließlich nicht das
Letzte - was wäre dann die Welt? Eine Sphinx, die, gelöst, in den
Abgrund stürzen müßte . Ihr tiefster Sinn wäre damit verloren -
das Nieaussinnbare. Sie hätte jeden Grund verloren, weiter zu
sein ; denn der Welt Grund ist allein ihr Ziel . Wo aber ein Ziel

10

erreicht ist, ist Tod und Ende. Welt, Gott heißt: stets unerreichtes
Ziel. Und so unerreichbar ist dieses Ziel, daß wir nicht einmal
wissen, wo es liegt, wie es heißt. Aber immer sucht das Universum.
Gott ist der Welt Suche nach ihm. Die Welt ist Gottes Suche
nach Sich, nach Seinem Sinn, nach Seinem Grund. Alles ist

15

Weg , Gott ist: Weg . Das Kleinste wie das Größte, alles ist nur
ein Weg. Der Weg nach dem Sinn ist der Sinn selber. Der Weg
nach dem Sinn ist der Sinn des Wegs.

[1541]

Alles will Zusammensein und darum zusammenkommen. Assoziation
ist zuletzt das eine welterklärende Wort. Das andere -

20

kennen wir nicht. Aber wir würden das mit ihm bezeichnen, was
dieses Zusammenkommen von Allen zu Einem verhindert, um
dafür die Welt der Individualformen aus ihm zu bilden. Denke dir
zwei konzentrische Hohlkugeln aus Glas. Die äußere Hohlkugel
ist mit Gas gefüllt, die innere luftleer. Nun wird die innere zertrümmert:

25

Das Gas will blitzschnell den ganzen Raum erfüllen,
als Eines, Untrennbares, Ganzes, Molekül an Molekül, gleichartig
assoziiert. Aber umsonst: denn in der innern Kugel war etwas,
das nun folgenden Vorgang zeitigt: Das Gas kommt nicht als Eines,
Ungeteiltes zusammen, sondern erst als eine Unzahl von besonderen

30

Zusammenheiten, etwas verhindert es am Zusammensein
schlechthin. Jenes erlaubt ihm nur ein Zusammensein in
Form von Legionen Zusammenseienden.
Oder so: Eine Masse wird durch einen Pilz in Gärung versetzt.

   S. 334

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Der Pilz bildet die außerordentlichsten und vielfälligsten Formen.
Die Masse strebt ewig zurück zu ihrer Einheit, aber der Pilz
wuchert fort. Gott sein eigener Pilz.

[1542]

Gott ist das gärende Prinzip. Gott erschafft sich selbst fortwährend.

5



[1543]

Es gibt nicht zweierlei Geist, sondern nur einerlei, und er ist
Gottes Geist, ebenso wie es auch nur einerlei Leib gibt, nämlich:
Gottes Leib.

[1544]

Man bemerkt bei den irdischen Ereignissen unserer Tage (den

10

Vulkanausbrüchen, den Erdbeben) wieder einmal, wie gering bei
den Menschen das Gefühl ist, welches das natürlichste von allen
sein sollte: Das Gefühl des Zusammenhangs mit allem, was ist.
Nicht einmal von Berlin bis Neapel reicht ihr Glaube an die Einheit
und Korrespondenz aller Dinge; wie sollten sie dem Gedanken

15

leben, daß das ganze Universum beständig in ihnen ist, wie
sie es in ihm sind, ja daß jener Ausbruch des Vesuv so gut wie
irgendein untergehender Stern hinter der Milchstraße nichts
andres als ihre ureigenste Angelegenheit bedeutet?

[1545]

Sätze wie: In der Welt überwiegt die Summe des Leidens die

20

Summe des Glückes - was sind sie im letzten Grunde andres als
Wortspielereien vor dem in Leid wie Lust furchtbaren, ganz und
gar übergewaltigen Charakter des Weltalls. Sollte - in diesem
ganz unfaßbaren Komplex des Lebens - Leid und Lust nicht so
untrennbar, so organisch, so durch und durch ineinander verschlungen

25

und verwirkt sein, daß man schon ein Prachtexemplar
an Trockenheit und Pedanterie sein muß, um hier mit einer
Waage heranzutreten und seine innere Unsicherheit, was nun
wohl richtiger sei, die Welt zu segnen oder zu verdammen, durch
ein so durchsichtiges Manöver bemänteln zu wollen? Der starke

   S. 335

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Geist wird, nachdem er angefangen hat mit sich ins reine zu kommen,
leidenschaftlich bejahen oder verneinen; ohne vorzuschützen,
daß er durch "sorgfältiges Abwägen" zu solchem Entschlusse
gelangt sei. Ein noch stärkerer aber wird es weder beim

5

Ja noch beim Nein aushalten: Er wird bekennen, daß ihm vor
einem solchen Schauspiel wie die Welt alle Erdenworte versagen
und vergehen, daß wohl ein geheimes Ja in seiner Seele lebt, daß
er sich aber nicht Weltallsrichter genug erachtet, es auszusprechen
und daß sein oft in ihm aufquellendes Nein zu dieser Brotkrume

10

Erde, die und deren Erscheinungen er allein kennt,
ebensowenig wagen darf, das unversiegbare Füllhorn seiender
und noch möglicher Welten zu verwünschen. Er wird wie einer,
der seine Worte und Vorurteile unerbittlich zu bändigen gelernt
hat, zu schweigen versuchen, und wenn man ihn nach seiner Religion

15

fragen wird, so wird er antworten: sie ist Verstummen aus
Schrecken, aus Selbstzucht und aus Phantasie.

[1546]

Ich will den Menschen nicht schiffbrüchig sehen, aber er sollte
dessen bewußt sein, daß er auf einem Meere fährt.

[1547]

Wir müssen uns davor hüten, ausschließlich mit der Menschheit
unseres Planeten zu rechnen. Wir müssen annehmen, daß jeder
mögliche Gedanke über Gott auch wirklich (von Gott) gedacht
wird, gleichviel ob in unsern oder in Mars- oder Saturnköpfen, ja,
daß es sehr wohl Planeten geben kann, auf denen Gott sozusagen
leibhaftig im vollkommenen Bewusstsein seiner selbst lebt. Daß

25

wir als die Phase Gottes, die wir sind, offenbar nur Gott in irgendeiner
Phase darstellen, nicht zugleich in seiner höchsten; wiewohl
auch seine höchste nur eine "endliche" sein mag, indem das
unendliche "Mysterium" nur im immerwährenden Endlichen
unendlich bleiben kann. Gott kann allein leben durch seinen

30

immerwährenden Tod. Gott muß fortwährend sterben, um fortwährend
leben zu können. Gott stirbt nie: um den Preis fortwährenden
Todes. Versuchen wir dieses Furchtbare zu fassen, und

   S. 336

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wir überwinden es durch das Wort "Ich bin", das Gott in uns
spricht. "Ich sterbe als du, damit ich als ich lebe. Du aber bist ich
und ich bin du, sei also getrost. Dies ist nun Unsere Notwendigkeit
(wie ich sie als du erkannt zu haben meine)."

[1548]
5

Ich glaube, unsere Erde hat ihr Ebenbild in jedem Baum, in jeder
Blume. Ein Keim fiel in einen Grund, ging auf, entwickelte sich
zu Pracht und Durft - und wird, was man so nennt, absterben,
wenn er seinen Gang vollendet. Ist Schönheit und Duft einer Rose
etwas Geringeres als Schönheit und Duft der großen Erdenblume?

10

Und welkt, wenn die Rose welkt, minder Tragisches dahin,
als wenn dieser Erdball einst vergehen wird? - Wachstum ist
alles, das Wort "wächst" vielleicht das letzte mögliche Wort. -
Und wie es unendlich viel Bäume und Blumen gibt, so unendlich
viel Welten und Gestirne, keine, keines gleicht dem andern, -

15

und so wäre der Paradiesesgarten als Ewigkeitsgarten abermals
stabilisiert. Eine Phantasie, groß genug. Ein Bild für Gott, immerhin
unzerreißbar von menschlichen Kinderhänden. Eine
Vorstellung, eine Erahnung, wohl nicht stärker, nicht deutlicher
als der kaum erhaschte Duft einer von einem Berggipfel in einen

20

Bergabgrund geworfenen Rose, deren an dir Vorüberfall du auf
einer vorspringenden Felskante wie ein blitzartiges Wunder erlebst.
Aber doch eben das. und als das, etwas. -

[1549]

Der Mensch, der ganz erkannt haben würde, wäre der wieder geschlossene
Ring Gottes.

25

Der Mensch ist ein an einer Stelle geöffneter Ring. Gott ist der
Ring als Eines, Ununterbrochenes. Der Mensch stellt sich dar als
dieser Ring, unterbrochen, mit seinen zwei Enden sich wieder zu
vereinigen, zu schließen strebend. Der Mensch ist aus sich auslaufender
und in sich zurücklaufender - aber noch nicht zurückgelaufener

30

- Gott. Der Mensch ist die Offenheit des Rings, der
noch nicht wieder zusammengeschmolzene Hingott und Widergott.


   S. 337

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[1550]

Gedanken vor Kierkegaard, Buch des Richters, "... so wird sie
mich in der Ewigkeit verstehen." - Wäre es nicht furchtbar, wenn
der Mensch nur Entwurf Gottes bliebe? Wenn jeder dieser Entwürfe
als Entwurf endigen müßte, statt weiter und weiter durch

5

alle Ewigkeit ausgeführt, weitergebildet zu werden? Gewiß, der
gegenwärtige Weltdurchschnitt wird immer Fragmentmosaik
sein - aber es fragt sich, ob einmaliges Fragmentmosaik oder
Fragmentmosaik als Fortsetzung und zwar nicht bloß im Ganzen,
sondern auch im Einzelnen. Einzelnsten: ob ich also nicht nur

10

Fragment Gottes im Ganzen, sondern auch Entwickelungsfragment
meiner Person, als einer gottwerdenden Person, als Gottes
im Einzelnen, bin. So vielleicht: Kann Gott als Menschenperson
verlorengehen, ist Person nur eine Maske Gottes (oder besser ein
Leib Gottes) - oder ist Gott, einmal Person geworden, als solche

15

ebenfalls unsterblich, so daß seine Entwickelung nicht nur eine
Entwickelung zur Selbstahnung seiner Selbst als Welt, sondern
auch eine Entwickelung in jedem Einzelnen zur immer wieder
sterblichen Person auf immer wieder höherer Stufe wäre?

[1551]

Vor einem Sterbelager. Vielleicht trifft man sich einmal unter

20

freundlicheren Verhältnissen wieder. Ja, vielleicht hatten wir uns
auch diesmal schon wiedergetroffen. von früher her, nur daß wir
es nie wirklich wissen, daß wir heimliche Zusammenwanderer
sind.

[1552]

Der Irrtum ist das formbildende Prinzip. Wahrheit kann nur als

25

Irrtum zur Erscheinung kommen. Alles Daseiende selbst ist Irrtum,
aber Gott entwickelt sich, wird (ist) nur dadurch, daß er sich
beständig "verrennt", verstrickt, verwickelt, zu Knoten schürzt,
daß er sich selbst beständig Stationen schafft. Er würde wie ein
Meer ins Unendliche verfließen - wenn er sich nicht fortwährend

30

selbst im Netz gleichsam der Einzelerscheinung finge, diese
Netzerscheinung wie als ein bereits Endgültiges zu höchster relativer
Vollkommenheit emportriebe: um, wenn das ursprüngliche

   S. 338

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Netz sozusagen völlig in sie hineingenommen, nun den Persönlichkeitskern
als Eigengewinn davon zurückzubehalten, das
andre wieder zerfallen zu lassen.

[1553]

Warum ist Mitleid nichts? Weil Mitleid dich ablenkt von dir auf

5

den andern. Dich aber sollst du zu vollenden trachten, nicht den
andern. Wer sich nach innen wendet in seine Tiefe, von dem fällt
Mitleid ab wie ein Müßiggang. Er kann niemanden mehr bedauern
um seines Leides willen, er könnte ihn höchstens um dessentwillen
bedauern, daß ihn sein Leid nicht in sich hineintreibt, daß

10

es ihn nicht vertieft. Wer sich und den Nächsten als Gott erkannt
hat, von dem fällt Mitleid ab wie ein Geschwätz. Er wird den
Nächsten zwar mehr als sich lieben und ihm sein Menschliches
zum Opfer bringen können, wenn es das gilt, aber ohne Mitleid;
denn mit großem Auge wird er durch sein Leiden hindurch ihn

15

als Sich sehen; in dem aber, was er da sieht, fallen, wie Eckehart
sagt, alle Worte dahin. Da hat Mit-Leiden keinen Sinn und keinen
Platz mehr.

[1554]

Es ist ein schauerlich tiefer Gedanke: Der grobe schwerfällige
Körper, als Geist zugleich mit dem Geist aller Epochen unablässig

20

verkehrend.

[1555]

Denke dir einen Teppich aus Wasser. Und als die Stickerei dieses
Teppichs die Geschichte des Menschen.

[1556]

Zünde einen Magnesiumfaden an - und du hast das Leben des
Menschen im blitzschnellen Bild. Leben und sterben sind nur

25

zwei Ausdrücke für daßelbe. Und unser Ichgefühl das Gefühl des
hineilenden feurigen Punktes.

[1557]

Es gibt nur ein Neues: Die Nuance.

   S. 339

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[1558]

Die Welt, eine in sich zurücklaufende Spirale.

[1559]

Wir müssen zusehen, aus den Formen, als die wir erschienen
sind, bis zu unserm Ende zu Kugeln zu werden: die Spirale der
Ewigkeil hinabzurollen, nicht aber wie ungefüge Klötze hinabzurutschen

5

oder hinabzupoltern, muss unser erster Wünsch und
letzter Wille sein.
                                                              

[1560]

Betrachte die Welt: Alles wesentlich, alles unwesentlich. Unwesentlich
die Mücke, wesentlich der Mensch; unwesentlich der
Mensch, wesentlich die Menschheit; unwesentlich die Menschheit,

10

wesentlich das Universum; unwesentlich das Universum,
wesentlich -?

[1561]

Gott ist weder allmächtig noch allwissend noch irgend etwas von
dem, womit ihn die Menschen bisher erhöhen zu können glaubten.
Gott als der Vollkommene war bisher der äußerste Gedanke,

15

zugleich derjenige, der die meisten Konflikte heraufbeschwor,
denn der vollkommene Gott und die unvollkommene Welt vertragen
sich nur allzuschlecht miteinander: so schlecht, daß man ihn
um ihrer Rettung willen am Kreuze sterben ließ. Mehr als Gott
weiß allerdings nie irgendein denkendes Wesen: aber Gott weiß

20

auch nie mehr als das am weitesten denkende Wesen. Er ist nur
insofern allwissend, als er weiß, was jeder weiß, keineswegs aber,
daß er, was alle zusammen wissen, etwa in einem Wissen zusammenfaßte.
Allmächtig ist er schon aus ebendiesem Grunde
nicht, weil er nicht allwissend ist. Was wären das aber auch für

25

Dinge. Allmacht, Allwissenheit für jene unbegreifliche Macht,
welche die einen Leben, die andern Gott, die dritten das Mysterium
schlechthin nennen, für jenen gigantischen Prozeß, der sich
fortwährend vor unserm Auge abspielt und von dem wir nicht
einmal wissen, ob er so ist, wie wir ihn sehn, ob der Blick auf ihn

30

nicht nur ein modus ist, ihn sich begrifflich zu machen, so daß als

   S. 340

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das letzte ewige Grundproblem bleibt: Ist die Welt, ist Gott Werden
oder Sein: was ich dahin beantworten möchte: Sie sind dauerndes
Werden, also Sein. Sie sind , indem sie beständig werden
und verwerden .

 

 

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Symphonie


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 5, S. 317ff.