Arnold Böcklin

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...

60. Arnold Böcklin

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Wenn man bei Schulte jetzt zur Tür hereintritt, sieht man durch
die Vordersalons hindurch den Ausschnitt eines Gemäldes voll
satter, tiefer Farben und klassischer Formen. Man geht, wie auf
ein weihevolles Altarbild, langsam darauf zu, aber, wenn man
klug ist, bleibt man etwa in der Mitte des zweiten Zimmers stehen

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und genießt von da aus durch den Türrahmen die "Kreuzabnahme"
von Arnold Böcklin für sich allein, ohne so den Salat
dicht daneben, die schreiende Böcklin-Hoffmanniade Müller-
Schönefeldts links und die Sport- und Hundebilder Sperlings
rechts mitgenießen zu müssen.

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Über das Werk selbst hier in diesen Aufzeichnungen etwas Bedeutsames
sagen zu wollen, dürfte trivial sein. Es muß sich jedem
als ein Meisterwerk ersten Banges aufdrängen, als eine tiefharmonische,
reife, schönheitdurchtränkte Schöpfung, deren etwa
in Komposition oder Zeichnung herauszutüftelnde Unvollkommenheiten

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ganz hinter ihrem feierlichen Gesamteindruck zurücktreten.

Das Arrangement dieses Saales ist allerdings von keinerlei feierlichen
Momenten beeinflußt worden. Das ist eine Trödel- und Verkaufsbude,
aber kein Kunstkabinett. Ein Riese wie Böcklin will

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allein zu uns sprechen, aber was ödet und katzenjammert da noch
alles von vollgepfropften Wänden herab! Es mögen vielleicht
ganz gute Sachen darunter sein, aber sie sind hier nicht am

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Platze, sie stören durch ihr bloßes Dasein. Ein solches Arrangement
ist taktlos gegen den Großen und taktlos gegen die Kleinen.
Muß denn immer fuderweise ausgestellt werden?...
Bitterböse Gedanken gegen unsere zerfahrene Kultur können einem

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kommen, wenn man bei documents humains wie den Werken
Böcklins daran denkt, wie sie in einer Art neuer Tempel geborgen,
diese zu Wallfahrtsstätten eines großen Volkes weihen
könnten, und wenn man sich dann des klotzigen Baues erinnert,
der an der Spree den freien, herrlichen Platz langsam überwächst,

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niemandem zur Freude und allem ehrlichen Empfinden
zum Hohn.
Moderne Tempel, in einem neuen eigenartigen Stil, mit einigen
Böcklins darin, einem Klinger-Radierungen-Zyklus und einer
Kassandra oder dergl. von Klinger, von Beethovenschen Symphonien

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in Feierstunden durchwogt - da könnte man noch einmal
zur "Kirche gehn"!
Was wir vom Berliner Lokalanzeiger über Böcklin lernen
können.
-: "Welch großer Aufwand unnütz ward vertan" muß man hier

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mit dem Dichter sagen. Wohl finden sich auch hier die tiefen,
satten, leuchtkräftigen Farben Böcklins, besonders an den Gewändern
der fünf großen Figuren des Bildes - aber sie vereinen
sich hier nicht wie auf den sonstigen Werken dieses Malers zu
einer stimmungsvollen koloristischen Harmonie; wohl ist das in

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der Ferne zu erblickende Jerusalem an sich ein reizvolles Städtebildchen
- aber es stimmt in seiner archaistischen Weise nicht
zusammen mit der überaus realistischen Malweise, in der die Gesichter
der beiden Alten im Vordergrunde (Maria und Josef von
Arimathia?) gemalt sind, und noch weniger mit dem blutrünstigen

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Naturalismus, der sich in der Wiedergabe der gekreuzigten
Schacher zeigt. Fehlt dem Bilde somit die Einheitlichkeit, so gebricht
es ihm auch in anderer Hinsicht an sehr Wesentlichem:
Der Leichnam des von dem niedergelegten Kreuze halb emporgehobenen
Heilandes entbehrt jeder Hoheit, selbst der Würde,

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welche der Tod so oft auch einfachen Menschenkindern gibt. Daß

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die Gesichter der beiden Alten gut gemalt sind - mit einer archaistischen
Peinlichkeit übrigens, die jedes Barthaar des Greises,
jede Runzel im Gesicht der Matrone wiedergibt - soll ebensowenig
verschwiegen werden wie die Tatsache, daß die Gruppe im

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Hintergrunde: Johannes tröstet die verzweifelte Magdalena, von
trefflicher Wirkung ist; leider aber kann das den Gesamteindruck
des Bildes nicht aufheben." -

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 137ff.