Auf der großen Berliner Kunstausstellung

Aus DCMA
Wechseln zu: Navigation, Suche
       

 

   S. 142

Sa-band6 0142.jpg

64. Auf der großen Berliner Kunstausstellung

Die diesjährige große Berliner Kunstausstellung ist in einer Hinsicht
besonders interessant: Sie gibt uns einen tiefen Einblick in
die Verschiedenheit des germanischen und des gallischen Charakters.

5


Es ist immer die alte Geschichte -: Mögen wir so modern, so "gut
europäisch" werden, wie wir wollen, - wir sind nun einmal von
eigenem Schlag, wir Deutschen, und keiner kann uns das nachmachen,
was uns den Beinamen Dichter und Denker eingebracht

10

hat: die Innerlichkeit. Die Franzosen nehmen ja gewiß ihre Sujets
ernst, aber in ihr Blut tauchen sie sie nicht. Ihr Auge scheint mehr
beteiligt wie ihr Herz - und so sind sie fast nie verworren und
geschmacklos, aber um so öfter kalt und flach. Sie haben den Stil
und die Technik vor uns voraus und sind darin rückhaltloser Bewunderung

15

wert, aber - trotz der "Ponies" Albert Besnards und
des "Wildbachs" Fernand Le Quesnes - es mangelt ihnen jene
Urkraft, die (ich denke beispielsweise an Max Klinger) wie eine
Herrenfaust uns in die Seele greift und uns sagt: Du stehst vor
deinem Meister.

20

Ja gerade dieser "Wildbach" dünkt mir, obschon er, ein nicht
allzu hervorragendes Bild, die Kunst unserer Nachbarn ja keineswegs
repräsentiert, doch ein gutes Symbol der modernen französischen
Seele zu sein. Wie geschmackvoll das Ganze, wie akademisch
schön diese Frauenleiber, wie geistreich ausgesonnen die

25

einzelnen Momente und Situationen -, aber ein Wildbach, ein
Wasserfall im Gebirge ist das nicht. Es ist die Komposition eines
klugen und liebenswürdigen Geistes - und hätte doch eine künstlerische
Tat werden können. Die wäre - und einem Deutschen
traue ich sie zu - etwa so entstanden. Er kommt auf einem Streifzug

30

durch die Berge in die Nähe eines Wasserfalls. Er läßt den
Weg liegen, sucht sich durch den Wald nach dem Tosen hin. Die
Bäume lichten sich und plötzlich, an einer Biegung vielleicht,
sieht er in mächtiger Helle und Gewalt die sonnenfunkenübertanzte
Wassermenge in tausend Sprüngen und Windungen zu

   S. 143

Sa-band6 0143.jpg

sich herabeilen. Die Natur wird ihm wieder einmal zum Wunder
und seine ergriffene Phantasie träumt "Seelen in die Felsensteine"
und schaut aus dem Flutenspiel Nacken und Brüste und
flatterndes Haar -: ein jubelndes kraftstrotzendes Götterge-

5

schlecht wirft sich übermütig von oben herunter und füllt mit silbernem
Lachen Berg und Schlucht. Wie ein Blitz muß solch ein
Traum im Künstlergehirn geboren werden, als Ganzes, in allen
Teilen auf ein Mal. Und diese Szene, die nun in ihm ist, trägt der
Wanderer nach Hause und sucht sie aus sich selbst auf die Leinwand

10

zu kopieren. Zu all dem gehört freilich Kraft. Eine dreifache:
zu schaffen, zu halten, wiederzugeben.
Das französische Bild ist ein Kind der Reflexion, besser noch: des
Kalküls. Man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden
Stern gebären zu können - sagt der große Franzosenbewunderer

15

und gerade darum um so echtere Deutsche, dessen Porträt,
als des gebrochenen Menschen, vor die große Menge hinzustellen,
wahrlich eine Taktlosigkeit ist, die höchstens dann keine
wäre, wenn der am ersten dazu Berufene, Ernst v. Lenbach, seinen
tragischsten Zeitgenossen gemalt hätte.

20

Franz Stuck - das ist noch eine chaotische Natur und deshalb
ebenso mit der Fähigkeit zum bodenlos Häßlichen wie zum Klassisch-
Dämonischen begabt. Die Sünde, ja die Sünde - es ist doch
von all den Stücken, die ich in den Sälen gesehen, das unabweisbar
mächtigste Bild.

25

Jemand stellte "Arkadien" von Alexander Harrison daneben.
Wenn überhaupt Harrison - so hätte ich "Nacht", "Marine" und
"Fluß" noch lieber hervorheben gehört, aber im Ernst vergesse
ich über den beiden Augen den ganzen Harrison. und noch mehr:
den ganzen Guignard. dessen "Heimkehrende Herde" ... nein!

30

Nein! die läuft mir doch überall nach, wie sie so aus dem mondigen
Dämmer auf einen zukommt und immer näher kommt mit
tausend eckig sich knickenden Beinen und den eng aneinandergedrängten
Woll-Leibern...
Ich will paktieren. Mag die Sünde den Hirten begleiten und beide

35

mich - zu Walter Leistikow. An dessen »Weiher« mögen die

   S. 144

Sa-band6 0144.jpg

Schafe zur Tränke gehen, indes die Sünde dem Hirten unter den
verworrenen Bäumen verwirrende Dinge erzählt... Von einem
"Finale" von Carlos Grethe, in dem ein Blutstreif über violetten
Meeresabgründen in die Seele schneidet -Violett-: das ist sterbendes

5

Rot. die echte Farbe der Tragik -, von einem Vampyr, der
eigentlich noch ganz anders aussehen müsste, von gekreuzigten
Weibern, die, ein widerliches Thema, mehrfach sich aufdrängen,
von dem "Morgen" Albert Breautes, einem feinen Bilde, das unter
einer gar plumpen "Versuchung" hängt und so recht aus dem

10

Geist kulturübermüdeten Großstadtlebens herausempfunden ist,
von einem Stuckschen Kentauren, der prachtvoll täppisch an einem
Nymphchen seine zähnefletschende Freude hat, von einem
plastischen Versuch Exters, brutal-niederbajuvarisch, aber - weshalb
eigentlich aber? zarte Seelen wir; - mit "was drin".

15

Von dem also plaudert die Sünde, wahllos, sprunghaft dem Hirten
vor. Die Schafe haben indessen wohl dem Weiher tüchtig zugesetzt.
Wohin ziehen wir jetzt? Vielleicht zu Trübner? Den habe
ich in dem Labyrinth leider noch nicht gefunden. Als Pendant zu
Leistikow hängt ein Hendrich "Die traurige Weise". Vorn hat

20

mich der grüne Hang und die Meerfarbe gestört, aber oben die
einsame Gestalt auf dem Turm, die wächst in den fahlen Himmel
hinein, aus dem die Sonne nun tot hinabgesunken ist hinter das
schwarzblaue Schweigen der See. - Es ist so grausam, seine Stimmungen
auf diesen Bildermärkten zerreißen, gewissermaßen ein

25

Stimmungs-Potpourri in sich erzeugen lassen zu müssen - man
möchte die Feder heftig hinwerfen. Wie soll ich von dieser Tristan-
und - Isolde-Stimmung hinüberkommen zu den friedlichen
Nachtlandschaften Keller-Reutlingens mit ihren süßen Hütten-
lichtschimmern? Eher noch kann ich mich in die kühle, herbe

30

Vorsonnenaufgangs-Stille hineinempfinden, in der Otto Reiniger
ein flußdurchzogenes Waldtal beobachtet hat. Die Farben schlafen
alle noch, schwarz ruhen die Schatten auf den jungfräulichen
Wassern: Wie eine großäugige stumme atemhaltende Ahnung
und Erwartung liegt es über der einsamen Landschaft.

35

Und hier klingt mir wieder die Saite, die mir im Anfang geklungen.

   S. 145

Sa-band6 0145.jpg

Man nehme irgendeines der guten deutschen Landschaftsbilder
z. B. Philipp Francks "Strandblumen"... welch eine selige
Weite tut sich da auf, welch eine Beziehung auf den unendlichen
Zusammenhang aller Dinge! Dieses Ewigkeitsmoment, wie ich

5

es vielleicht nennen kann, das ist etwas Herrliches in der germanischen
Volksseele. Es wird ja viel Humbug damit getrieben, aber
es bricht immer wieder vereinzelt und allmächtig hervor. Besonders
die sogenannte religiöse Malerei ist dem Posieren "deutscher
Tiefe" arg ausgesetzt. Unerreicht aber in Hinsicht auf Pose

10

stehen diesmal die Franzosen Jean Beraud und Henri Camille
Danger mit dem "Kreuzweg" beziehungsweise der "Übertretung
von Christi Gebot" da. Das ist in jedem Falle ein Programm-
Christus, der auf der Bildfläche nur deshalb erscheint, weil die
Zeit, will sagen eine Schicht zur Frömmelei zusammenknickender

15

Rückenmärker, dem klugen Maler empfänglich zu sein
dünkt. Im allgemeinen aber schien mir auf meiner Wanderung
durch die Ausstellungsräume die im engsten Sinne religiöse Malerei
nicht so stark wie in den Vorjahren vertreten zu sein. Glücklicherweise -:
denn wird man, ganz ehrlich gesagt, selbst der

20

großartigsten Typen nicht endlich etwas müde? Ich hege nun einmal
in weltfernen Stunden den kindlichen Traum, daß auch die
deutsche Kunst einmal ihre eigenen Götter und Übermenschen
aus sich heraus gebären könnte, statt immer nur in hellenischen,
judäischen, ägyptischen, indischen und anderen Formen die

25

Fülle der Seele zu offenbaren. Konnte die Antike die Natur mit
ihrer Phantasie durchdringen, warum können wir es nicht ebenso
mit unserer - und gerade heute, wo tabula rasa gemacht ist mit
allen An-Sich-Göttern und der Mensch endlich die eigene Seele
als den Urborn erkannt hat, an dem alle Dinge getauft und gewertet

30

worden sind und täglich umgetauft und umgewertet werden
können.
Ich bin wahrlich kein Deutschtümler, aber gerade weil ich die
hellenische Phantasiewelt als eine so wunderbare Offenbarung
empfinde, schmerzt es mich, daß wir nicht auch unsere Eigenart

35

in die Welt so hineintragen, daß man auch einmal von einer rein

   S. 146

Sa-band6 0146.jpg

germanischen Kulturperiode in der Folge der Völker sprechen
könnte. Die Griechen hatten kein Meer wie die Nordsee: Warum
kann aus diesen Fluten nicht eine Göttin steigen, in der sich, wie
in der Cytheraeerin. das Tiefste unseres Wesens verkörpert? Wie

5

stimmt Pan zu unserem deutschen Wald? Denken wir wirklich an
Kentauren, wenn wir durch ihn wandern? Ließe sich Baidur, der
strahlende Lenzgott, nicht wieder erwecken, muß der grandiose
Sonnenkult der alten Germanen für immer vergessen liegen bleiben,
untüchtig, in neuem Geiste gewandelt und ausgestaltet zu

10

werden?
Und wenn die alten Typen und Symbole durch die Jahrhunderte
lange Beeinflussung der deutschen Stämme durch fremde Anschauungen
unwiederbringlich erstickt sein sollten, kann unsere
Einbildungskraft im Bunde mit jener Liebe zur Erde und allem,

15

was irdisch ist, die nach langen asketisch entstellten Menschenaltern
gerade heute wieder glühend hervorströmt, - können diese
beiden Mächte gar nichts Neues, Eigenes, Urwüchsiges mehr
hervorbringen? Man wird die Ungunst der sozial allzu verfahrenen
Zeit einwenden, aber mir scheint eine Ungunst nicht so gefährlich

20

zu sein, die doch einen Böcklin. einen Klinger, einen
Stuck und andere nicht hindern kann, ihre ungestörten Pfade zu
gehen... Einen Stuck...! Hatte ich dem denn nicht vorhin seine
"Sünde" entführt und mit ihr und dem Hirten des Guignard noch
weiter durch die Berliner Kunstausstellung pilgern wollen?

25

... Und habe nun über meinen Fragen ganz der beiden vergessen.
Aber... ist denn nicht die Sünde schon solch eine Göttin, dem
Haupt eines Modernen entsprungen?...
Ich weiß mir im Augenblick selbst keine Antwort, obschon sie
vielleicht völlig auf der Hand liegt; ich fühle nur eines, daß ich

30

nicht das Recht zu zürnen hätte, wenn mir jetzt jemand den
alten Satz entgegenhielte: "Ein Narr fragt oft mehr, als zehn Weise beantworten
können".

Christian Morgenstern

 

 

Kritische Schriften:
Deutscher Geist | Sorauer Wochenblatt | Der Zuschauer | Neue Deutsche Rundschau

Der Kunstwart: Franz von Lenbach · "Schule" · Sascha Schneider · Gabriel Max · Die Dekorationen von Ghismonda · Berliner Kunstsalons · Schau(fenst)erliches · Chez les Allemands · Eine neue permanente Ausstellung · Rosenberg von der "Post" contra Professor Volkelt · Zwei Vollblutimpressionisten · Väter und Söhne · "Der Magus aus dem Norden" · Die Porträtkunst · Bruno Piglhein · Ein Symbolist in Berlin · Zeitbilder · Totes und lebendiges Licht · "Westklub" · Berliner Zeitschriften · Die Freie Literarische Gesellschaft · Der Mann im Schatten · Circenses! · Zum wohltätigen Zweck · Walter Leistikow · Berichtigung · "Die Kunst dem Volke!" · Paris in Berlin · Japan in Berlin · München in Berlin? · Bismarck · Versuchsbühne · Lesser Ury · Arnold Böcklin · Die Franzosen bei Gurlitt · Ecce Poeta · Zwei Lyriker · Auf der großen Berliner Kunstausstellung· Georg Hirschfeld

Vossische Zeitung | Das Magazin für Litteratur | Neue litterarische Blätter | Jugend | Monatsschrift für Neue Litteratur und Kunst | Das Narrenschiff | Die Gesellschaft | Die Welt am Montag | National-Zeitung | Hannoverscher Courier | Das Theater | Kunst und Künstler | Die Schaubühne | Berliner Tageblatt | Jahrbuch "Der Rhythmus" | März | Kritische Schriften aus dem Nachlass


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 142ff.