Bedeutung der Stuttgarter Morgenstern-Ausgabe

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Von Prof. Dr. Reinhardt Habel, Universität Marburg

(zur Stuttgarter Ausgabe)


Ausgangslage

Als Christian Morgenstern am 31.März 1914 in seinem 43. Lebensjahr starb, war weniger als die Hälfte seines Werkes in der Öffentlichkeit bekannt. Der Dichter konnte in Buchform nur einen Teil seiner Lyrik publizieren, die in schmalen Bändchen herauskam. Daneben existierten zwar noch 115 gedruckte Kunstkritiken, Buchrezensionen, Glossen, kulturkritische und literaturkrilische Essays, doch waren sie - teils unter wechselnden Pseudonymen - auf 21 Zeitschriften und sonstige Periodika verteilt, die zum größten Teil heute vergessen sind, so dass sein umfangreiches kriti- sches Werk mit wenigen Ausnahmen bisher als unbekannt gelten konnte (und erst jetzt im Band VI der Stuttgarter Ausgabe erschlossen wird). Vor allem kam es zu Lebzeiten Morgensterns nie zu einer umfassenden Veröffentlichung seiner Aphorismen, seiner epischen und dramatischen Texte und schon gar nicht seiner bedeutenden Briefwechsel mit den Zeitgenossen.


Seit Morgensterns Tod nur lückenhafte Auswahlen von unsicherer Textgestalt.

Aus den Beständen des großen Nachlasses gab dann seine Frau, Margareta Morgenstern, bis zu ihrem Tode 1968 eine Reihe von Teilsammlungen in wechselnden, sich häufig überschneidenden Gruppierungen und vermischt mit bereits Publiziertem heraus. Durch diese Veröffentlichungen gelang es ihr, der Gestalt Morgensterns als Dichter, Aphoristiker und Briefautor eine deutlichere Kontur zu geben und ein anhaltendes Interesse bei einem ständig wachsenden Leserpublikum lebendig zu erhalten. Dabei war die Editionslage aber durch die Tatsache charakterisiert, dass Morgensterns Gesamtwerk in repräsentativen Teilen unvollständig und im Stadium nicht transparenter Textgestaltung publiziert war, denn die Herausgeberin hatte ihre Auswahlen aus dem Nachlass zwar nach persönlich bestem Wissen und Willen, aber doch auch mit gelegentlich gravierenden Ungenauigkeiten, Übertragungsfehlern, Texteingriffen und ohne durchgängiges editorisches System bearbeitet. Diesem Stand der Textüberlieferung blieben notgedrungen auch alle in der Folge erschienenen Leseausgaben verpflichtet, denn sie waren neben den Erstdrucken auf die jeweilige Gestalt der vorhandenen Bände angewiesen und hatten keine Möglichkeit der Kontrolle durch die Handschriften.


Der Nachlass als Grundlage der ersten authentischen Gesamtausgabe.

Die Hauptmasse des handschriftlichen Nachlasses stellen die heute noch erhaltenen 50 Tagebücher Morgensterns dar, die er seit 1887 in wachsender Dichte geführt hat und in die er u. a. den größten Teil der Ideen, Skizzen, Schemata und Pläne zu seinen poetischen, aphoristischen, essayistischen Texten und zu einzelnen Briefen eintrug. Sie zeigen Morgenstern als einen Künstler der kurzen, zupackenden Formulierung. Lang gehegte Pläne etwa zu großen Romanen oder zu einem fünfaktigen Drama wie Savonarola gelangten nie über dieses Stadium hinaus (demnächst erstmals dokumentiert im Band IV: Episches und Dramatisches). Einen weiteren Bestandteil des Nachlasses bilden die mehr als tausend losen Blätter, die, zumeist undatiert, inhaltlich den gleichen Charakter wie die Tagebücher besitzen und jeweils einzeln zugeordnet werden müssen. Ferner sind sechs kalendarische Notizbücher erhalten, in die sich Morgenstern vor allem Tagesereignisse oder ankommende und abgehende Post notierte. Sie geben wertvolle Hilfen bei vielen Datierungsversuchen. Schließlich sind die rund 2000 Briefe von und an Morgenstern zu nennen, die seine Frau gesammelt hat und aus denen sie in zwei Auflagen Auszüge veröffentlichte. Bei der Bearbeitung der vorliegenden Edition sind alle diese handschriftlichen Quellen vollständig neu gelesen, transkribiert und für die Textgestaltung nutzbar gemacht worden.


Die Editionsprinzipien der Stuttgarter Ausgabe.

In der Frage nach einer angemessenen Editionsform kamen Herausgeber und Verlag zu der Überzeugung, dass trotz der Existenz eines verhältnismäßig geschlossenen Dichternachlasses eine im strengen Sinne historisch-kritische Gesamtausgabe nicht zweckmäßig sei. Dies hätte nämlich u. a. bedeutet, dass sämtliche Handschriften lückenlos, d. h. mit allen Zufälligkeiten des Tages, misslungenen Versuchen, kaum verständlichen Bruchstücken und einschließlich der biographischen Tagesnotizen hätten abgedruckt werden müssen. Es hätte ferner bedeutet, dass bei der Wiedergabe der Handschriften ausnahmslos alle vom Dichter verworfenen Textfassungen, selbst in den belanglosesten Fällen, in der Form umfangreicher Varianten-Apparate hätten dokumentiert werden müssen. Es steht außer Zweifel, dass dies ein Projekt von mehreren Jahrzehnten geworden wäre, das die längst notwendige und zugleich mögliche Publikation von Morgensterns unbekannten Werken und Briefen wie auch die einwandfreie Neuedition der bekannten Texte um lange Zeit verzögert hätte. Demgegenüber fiel die Entscheidung zugunsten der Editionsform, die gewöhnlich als "Studienausgabe" oder "Kommentierte Werkausgabe" bezeichnet wird und die seit der Hamburger Goethe-Ausgabe in der gegenwärtigen Wissenschaftssituation immer mehr an Bedeutung gewinnt. Sie verbindet bestimmte definierbare Grundsätze der historisch-kritischen Textphilologie mit den Prinzipien sachbezogener Kommentierung. Sie ist im Text authentisch ohne die Bürde vollständiger Varianten- Apparate und bietet das Werk in weitestem Umfang, aber ohne den Zwang zum Abdruck des zusammenhanglos Fragmentarischen, Misslungenen, Peripheren oder Belanglosen. Dies bedeutet, dass alles zu Lebzeiten Morgensterns und alles danach von seiner Frau und anderen Publizierte - also das gesamte bisher bekannte Werk - grundsätzlich in die Ausgabe aufgenommen wird und dass zusätzlich aus dem unveröffentlichten Nachlass alle weiteren Texte hinzukommen, soweit sie einen in sich geschlossenen Charakter tragen bzw. nicht zu den oben erwähnten unwesentlichen Randerscheinungen gehören. Außerdem werden im Kommentarteil zu den einzelnen Texten die jeweils zugehörigen Vorstudien, Fragmente, Pläne oder Stichwort-Entwürfe (die sogenannten Paralipomena) wiedergegeben. In einfahrenden Kommentaren zu den einzelnen Werkgruppen erläutert diese Ausgabe das sachlich Wissenswerte zur Stellung innerhalb des Gesamtwerks, zur Ent- stehungsgeschichte und gegebenenfalls zur Textlage. In den Einzelstellenkommentaren erklärt sie die in den Texten vorkommenden Namen, Sachbegriffe und ungebräuchlichen Worte, weist den Ursprung der Zitate nach und übersetzt die fremdsprachigen Stellen. Die Textwiedergabe richtet sich prinzipiell nach den Grundsätzen der wissenschaftlichen Editionsmethode. Unter dem Stichwort Überlieferung ist im Kommentarteil zu jedem Stück des Textteils angegeben, wo es hergenommen, und nach Möglichkeit, wie es zu datieren ist. Fehlt an dieser Stelle der Verweis auf eine Handschrift, so ist im Nachlass kein Manuskript mehr vorhanden, und es folgt die Angabe des Erstdrucks. Die Textvarianten (Lesarten) im Kommentarteil umfassen alle Vorstudien und vom Autor getilgten Fassungen eines Textes, soweit sie die Wortbedeutungen wesentlich verändern.


Quelle
Dieser Artikel wurde nicht für das DCMA verfasst. Ich fand ihn in einem pdf-Dokument, dessen Herkunft ich aber nicht mehr bestimmen kann.