Berliner Zeitschriften

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46 Berliner Zeitschriften

Eine gute Zeitschrift ist wie ein Weib: Süß und bitter zugleich. Sie
regt uns an. plaudert über dies und das, weiß alles Neue von Stadt
und Land, und eh' wir's versehen, hat sie uns über Stunden hinwegcharmiert.
und, nun wir das tête-à-tête abbrechen, fühlen wir

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uns etwas müde, vielleicht angenehm müde, aber doch derart,
daß wir eine Zeit lang ganz für uns allein sein wollen. Sie hat uns
von manchem schönen Buch erzählt, in das sie im Vorübergehen
hineingeguckt - denn sie lebt ja fast nur von Indiskretionen, wenn
sie es auch gut damit meint - und nun kennen wir ungefähr sei-

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nen Inhalt und sind wirklich nicht recht in der Stimmung, noch
mehr zu lesen. Die Autoren mögen prächtige Kerle sein, aber
man hat nur gewöhnliche Nerven: Nach solchem Schwatz noch
Besuche machen, das kann höchstens ein Rezensent, und der gerät
auch danach. Unsere Enkel werden dann Allerseelen schon

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nachholen, was wir versäumt haben sollten, und truppweise in die
freie Novemberluft hinauspilgern, wo wir den Staub von vier
Treppen hätten schlucken müssen.

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Sie werden mir, meine geehrten Leser, zugestehen, daß dies
keine Rede pro domo ist, und dennoch darf ich sie ohne weiteres
dieser Zeitschrift in den Mund legen, wie auch ein Frauenmund,
wenn er gegen sich selbst spricht, an Begehrenswürdigkeit eher

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gewinnt. Unsere Kultur mit ihrer ins Schrankenlose wachsenden
geistigen Produktion bedarf der Zeitschriften allzu notwendig,
als daß man nicht auch einmal das gefährliche Moment in ihnen
aufzeigen dürfte, den verborgenen Giftkeim, dessen verderblichste
Entfaltung uns in der Tagespresse entgegentritt. Dieselben

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Dichter, die selbst kennenzulernen, wir uns zumeist vom literarischen
Journal überheben lassen, würden ohne dieses uns nicht
einmal dem Namen nach bekannt werden, und würden die Unannehmlichkeit
empfinden, statt vor den Augen mitfühlender
Menschen in der Stille ihr übliches Los vollenden zu müssen. Die

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Zeitschriften sind die unentbehrlichen Vermittlerinnen zwischen
zwei Welten. Und sie sind sich dieser Machtstellung wohl bewußt.
Sie vermitteln, was ihnen paßt, und wie es ihnen paßt. Jede
vermittelt das Stück Welt, das sie durch ihre Brillennummer erkennt,
und da so ziemlich alle Nummern vertreten sind, läßt sich

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aus den mannigfachen Rapporten schätzungsweise ein Gesamtbild
zusammensetzen. Die Brillen tragen die verschiedensten Namen,
obschon sie alle im Grunde "Persönlicher Geschmack" heißen.
Die eine wird "Gerechtigkeit" genannt, die andre "Alte
Ideale", die dritte "Modernes Bewußtsein", die vierte, sagen wir,

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"Ablehnung jedes Standpunktes".
Wenn wir uns in Berlin umsehen, haben wir für den letzten Gesichtspunkt
Maximilian Hardens "Zukunft" als Beispiel, ein
Blatt, das vielleicht zum Austausch fruchtbarer Anregungen gerade
darum geschaffen wurde, um der Subjektivität seines Er

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weckers den freiesten Spielraum zu geben.
Eine "freie Bühne" für die jungdeutsche Literatur ward seinerzeit
von Otto Brahm und Wilhelm Bölsche ins Leben gerufen und
hat sich unter Otto Julius Bierbaum und - nach ihm - Oskar Bie
vergrößert und entgröbert. Der laute Kampfplatz, auf dem es

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einst grob und zornig, aber doch auch verheißend und sehnsüchtig

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hallte, ist stiller geworden, die Szene maßvoller und ein neuer,
höherer Lugaus darangebaut, von dem aus der Blick die Welt der
Schaffenden rings überschweift. Danach ist diese Monatsschrift
ja auch in "Neue Deutsche Rundschau" umgetauft worden, halb

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und halb aus Protest gegen die altväterischen Hefte Julius Rodenbergs,
dessen Brille und demgemäß Vermittlung unserer keimfrohen
aufstrebenden Zeit doch wohl nicht mehr gerecht wird.
Denn wenn auch mancher unserer gefeierten Alten, wie der Greis
mit dem Frühlingsherzen, Theodor Fontane, in diesen Blättern

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noch manchmal redet, so drücken doch "kritische" Auslassungen,
wie sie Karl Frenzel über die Moderne beliebt, spinnstubenmäßige
Warnungen vor dem schrecklichen "Modephilosophen",
dem ein Herr Stein mit seiner ganzen zermalmenden Wucht sich
entgegengeworfen habe und anderes dergleichen, das Niveau

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dieses absterbenden Vermächtnisses der guten alten Zeit allzu
tief herab.
Eine ähnliche Stellung wie die "Neue Deutsche Rundschau"
nimmt, nur in kleinerem Rahmen und noch mehr in rein kritischem
Sinne, das "Magazin für Literatur" von Otto Neumann-

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Hofer ein, worin auch die Lyrik, das Stiefkind der Gegenwart,
hier und da eine Unterkunft findet. Es hat sich im vorigen Jahr
besonders durch die Veröffentlichung von Reden verdient gemacht,
welche Friedrich Nietzsche, als Professor in Basel, über
Erziehung gehalten, ein Thema, worüber übrigens Max Stirner

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einmal einen bemerkenswerten Aufsatz geschrieben, den John
Henry Mackay im Januarheft der "Neuen Deutschen Rundschau"
veröffentlicht hat. Weitere Publikationen von Dokumenten
des ersterwähnten Denkers haben wir von dem eigenartigen
Unternehmen "Pan" zu erwarten, welches unter der speziellen

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Leitung Bierbaums und Meyer-Graefes demnächst mit seiner ersten
Nummer auf den Plan treten wird. Die zugrunde liegende
Idee, ohne kleinliche Rücksichten auf das breite Publikum, Meisterwerke
älterer und neuerer Kunst und Poesie in vollendeter
Wiedergabe zu bringen, ist so schön, dass ihrer Ausführung vielfach

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mit Mißtrauen entgegengesehen wird. Aber warum sollte es

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nicht möglich sein, wenigstens die drei Jahre hindurch, für die
der "Pan" materiell sichergestellt ist. ein so vornehmes Projekt zu
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Eine neue Zeitschrift für Künstler und Poeten zugleich wollten

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offenbar auch die "Amsler und Ruthardtschen Wochenhefte"
werden, von denen die Rede ging, es sollten in ihnen zweiundfünfzig
deutsche Dichter in Bild und Wort der Unsterblichkeit
überliefert werden. Man fragt vergeblich nach dem Zweck solcher
Unternehmungen, die wie Strohfeuer aufschießen, um nach

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kurzer Frist wieder zu verlöschen. Welchem Bedürfnis käme z. B.
ein Blättchen wie "Die Kritik" entgegen? Gibt es etwas Geschmackloseres,
als diese so überaus ärmliche Parodie der "Zukunft"?
Etwas Widerwärtigeres, als die Beweihräucherung des
"wackeren" Professors Ludwig Pietsch, mit dessen Ehrung "großes

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Heil den Journalisten widerfahren"? Ganz zu schweigen von
den Wutausbrüchen gegen Maximilian Harden, in dessen Stil
alle diese ohnmächtigen Geister rettungslos verfallen sind, ohne
von seinem Witz einen Funken zu besitzen; "Mephisto" in der
"Kritik" und "Caliban" in der "Gegenwart" sind nicht weit von

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einander entfernt. Die Vermutung ist erlaubt, denn auch die "Gegenwart"
Theophil Zollings wird langsam Vergangenheit, wenn
sie auch noch nicht ganz aufgehört hat, literarisch zu interessieren.

Ahnliches in dieser Hinsicht bemüht sich die "Nation" zu bringen

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und es ist kein unglücklicher Gedanke, daß sie von Zeit zu
Zeit eine Reihe fesselnder Aufsätze von Autoren wie Paul
Schienther, Otto Gildemeister, Arthur Fitger, Ludwig Bamberger
u.a. zu einer selbständigen Sammlung vereinigt.
Von eigentlich literarischen Blättern hat Berlin meines Wissens

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außer den drei genannten nur noch die "Deutsche Dichtung" von
Karl Emil Franzos (halbmonatlich), die von Bremen übersiedelten
"Neuen literarischen Blätter" von Heinrich Stümcke (monatlich)
und die demnächst erscheinende "Pandora" von einem jungen
Poeten Hanns Lingk. Sie halten sich alle auf einer bewährten.

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freundlichen Mittelstraße, maßvoll mit der Zeit gehend und

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noch ein wenig den Schrecken vor dem "Naturalismus" in den
Gliedern. Das erste Organ wird dabei stets eine reiche Quelle für
den Literarhistoriker bleiben: denn mit erstaunlicher Geschicklichkeit
weiß Franzos interessante Aufzeichnungen und Briefe

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berühmter Toten aufzuspüren, oder die Lebenden zu dankenswerten
Mitteilungen über sich selbst zu veranlassen.
Ich bin sicher, daß mit den angeführten Journalen die Zahl der in
Berlin redigierten, mit Literatur sich beschäftigenden Zeitschriften
keineswegs erschöpft ist. Ich glaube mich zu erinnern einer

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jüngst gegründeten Theaterzeitschrift, deren Haupttendenz, wie
ich läuten hörte, darin bestand, arglosen Schauspielern um den
Bart und den Geldbeutel zu gehen; vor mir liegt ein rotkartoniertes
Heft "Neues Leben!" von einem Dr. Karl Grunsky, mit dem
Wahlspruch: "Nicht Anerkennung, - Besserung will ich!" und

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sein egidysch anmutendes Programm ruft mir die "Ethische Kultur"
des Dr. Georg von Gizycki und das "Mittwochsblatt" M. von
Egidys ins Gedächtnis. Und so mag noch manches Blättchen leben,
von dem man mit einer fatalen Schriftstellerhyperbel sagen
muß, daß es "unter Ausschluß der Öffentlichkeit" erscheint, oder

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daß es "von niemandem gelesen wird, als von seinem Redakteur."

Wenn ich sagen sollte, daß ich von diesem kleinen Streifzug mit
sonderlich erhebenden Gefühlen zurückkäme, müßte ich lügen.
Denn wenn man von dem Niveau der wenigen vornehmen Zeitschriften

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nur ein paar Schritte hinabsteigt, wird der Lärm, mit
dem jeder seine sogenannte Überzeugung auf uns einschreit, so
betäubend, wird man schon allein durch die Masse des Gebotenen
so
sehr dezentriert und abgestumpft, daß man wieder einmal
die "Segnungen der Kultur" zu allen Teufeln wünscht.

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Aber man hat ja glücklicherweise im allgemeinen nicht nötig,
sich in diese Gefahr zu begeben. Man braucht sich, falls man
überhaupt Zeitschriften liest, gewöhnlich nur von einer vorplaudern
zu lassen und je feiner der Geschmack ist, mit dem man den
Umgang sich sucht, desto weniger wird man von jener leisen Vergiftung

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zu leiden haben, die nun einmal in ihrem unermüdlichen

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Geplauder schläft. Denn eine gute Zeitschrift ist wie ein Weib:
Bitter und süß zugleich und dabei - unentbehrlich.

M*.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 121ff.