Bismarck

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...

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57. Bismarck

Der deutsche Reichstag hat in seiner Mehrheit beschlossen, dem
Fürsten Bismarck den Dank für das, was dieser geschaffen, zu
versagen.
In tiefer Selbsterkenntnis. Das Kind gewinnt es nicht über sich,

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dem Erzeuger für das Geschenk des Lebens zu danken. Es fühlt
sich zu bitter als Mißgeburt, es flucht aus dem vernichtenden Bewußtsein
seiner Armseligkeit dem Vater: "Ach, o war ich nie geboren!
weh, daß ich geboren bin!" Hätte jemand eine solche Innerlichkeit
in diesen rauhen Männern vermutet? Und es ist Innerlichkeit:

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denn ein Flachkopf hängt viel zu sehr am Leben, als
daß er, auch wenn er manchmal seine Begrenztheit und Herzensarmut
selber merkt, nicht dennoch jederzeit für sein Leben zu
danken bereit wäre. Ja. wer weiß, ob diese Tiefe nicht noch eine
Tiefe unter sich birgt? Ob die schroffe Absage nicht etwa nur eine

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Maske für ein entsetzliches Bewußtsein ist -: Das Recht längst
verloren zu haben, einem solchen Manne danken zu dürfen...
Zu unrettbar zu ζώα πολιτιχά geworden zu sein, als daß es jetzt,
bei einem letzten Rest von Selbstachtung, noch möglich wäre, mit
einemmale wieder freie Menschen auch nur zu markieren? Ein

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düsteres Schauspiel! Aber wenn dem so ist, so soll man keine
Steine mehr auf die armen ζώα werfen, soll lieber für sie beten,
daß sie in einem künftigen Dasein als Menschen wiedergeboren

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werden mögen. Dann verleihe ihnen gnädig, o Gott, gesunde Organe:
Augen, das Licht der Sonne zu sehen, ja noch mehr, zu
suchen; Ohren, den Sturm und den Donner zu hören; Nasen, die
da riechen, wenn irgendwo an ihrem Leibe Fäulnis ausbrechen

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will; Munde, denen nur reinliche Worte entströmen, und endlich
jenen feinen Tast- und Wägesinn für Imponderabilien, der zumal
den Bedauernswerten zugute kommen wird, die bei der Teilung
der Erde, wie Du weißt, zu spät gekommen sind. Denn ach! diese
ζώα haben natürlich keinen Sinn für sie. Was ist ihnen Kunst?

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Was ist ihnen Persönlichkeit? Sie traben täglich in den großen
Reichsstall und stoßen sich dort mit den Hörnern, die meisten
freilich haben nur noch Stumpfe. Es ist immer wieder derselbe
eintönige Lärm, dieser Lärm um nichts. Sag selbst, wäre nicht
besser, wenn ein neues, menschenähnlicheres Geschlecht dort

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einzöge, anstatt dieser matten Professionsboxer und Wiederkäuer?
Wo soll unser Volk hingeraten, wenn seine Vertreter keinen
einzigen großen Gedanken mehr fassen können, wenn ihnen,
als den Repräsentanten eines zu höchsten Kulturzielen berufenen
Volkes, jedes Missionsgefühl abhanden gekommen ist!

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Laß ihre Lose bald aus der Urne springen! Sela. -
Wir aber, die wir das Große, Übertägliche noch mit klopfendem
Herzen erkennen und ehrfürchtig verehren, die wir vor einem
Menschen wie Bismarck, als vor einem urgewaltigen Kunstwerk
der Natur, in allen Tiefen ergriffen stehen, wollen uns zum Troste

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wiederholen, daß, ob mit Bewußtsein oder nicht, diejenigen unserer
teueren Mitbürger, die es trifft, wirklich - kein Recht dazu
hatten, haben und haben werden, vor einer so riesenhaften Persönlichkeit
anders als trivial sich zu benehmen.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 134f.