Bruno Piglhein

Aus DCMA
Wechseln zu: Navigation, Suche
       

 

   S. 116

Sa-band6 0116.jpg

...

41. Bruno Piglhein

Jede monumentale Fläche in unseren öffentlichen Gebäuden, jeder
schmucklose oder durch die Schamlosigkeit der Reklame

15

entstellte Theatervorhang weckt die wehmütige Erinnerung an
den edlen Meister, über dessen Lebenswerk uns die k. Nationalgalerie
seit kurzem einen Überblick verschafft hat. "Das Genie
bricht sich immer Bahn!" lautet wohl ein Philister-Gemeinplatz.
Aber wie? wenn es zu seiner ganzen Entfaltung Mittel braucht,

20

die es sich aus eigener Macht nicht verschaffen kann. Es gibt
kaum einen trostloseren Gedanken -: Ein Fünfzig-Millionen-
Reich, das in seinem weiten Bezirk keine Treppenhaus-, keine
Saalwand, keinen Fries, ja nicht einmal einen Fetzen Tuch für
denjenigen seiner Söhne übrig hatte, dessen Hirn von gewaltigen

25

Plänen fieberte und der es genugsam auch stumpfen Augen verriet,
welch reifes Können da mit höchstem Wollen gepaart war.
Und wenn ihm nun wirklich heute übertragen worden wäre, die
kahlen Flächen im Reichstaghause zu beleben, würde er der
Mann für unser "augusteisch" Alter gewesen sein? Würde er

30

nicht am Ende verzichtet haben, sich mit Banausen und Dilettanten
über Kunst auseinanderzusetzen, sich vor Lakaien und Polizisten
durch eine Verteidigung seiner Phantasieflüge zu erniedrigen.

   S. 117

Sa-band6 0117.jpg

Er hätte vielleicht sich begnügt, die beiden Zentauren zu
wiederholen, die über das weite, weite Meer in die schrankenlose
Unendlichkeit sich hineinträumen, weit fort in ahnungsvolle Ein-
samkeiten aus dem Pesthauch einer von Menschen entweihten

5

Welt. Oder aber er hätte den toten Harlekin auf eine der Wände
gebannt, als ein Gleichnis unserer "Kultur", wie sie im verlogenen
Aufputz ihrer inneren Hohlheit früher oder später zusammenbrechen
wird, krampfhaft den nutzlosen Dolch in erstarrter
Faust.

10

Tragisch war der frühe Tod des vielgeliebten Meisters, aber wer
weiß es, ob er ihm nicht Tage zu schauen erspart hat, wo es kein
tragischeres Schauspiel geben dürfte, als in Deutchland als freier
Geist leben zu müssen.

 

 

Kritische Schriften:
Deutscher Geist | Sorauer Wochenblatt | Der Zuschauer | Neue Deutsche Rundschau

Der Kunstwart: Franz von Lenbach · "Schule" · Sascha Schneider · Gabriel Max · Die Dekorationen von Ghismonda · Berliner Kunstsalons · Schau(fenst)erliches · Chez les Allemands · Eine neue permanente Ausstellung · Rosenberg von der "Post" contra Professor Volkelt · Zwei Vollblutimpressionisten · Väter und Söhne · "Der Magus aus dem Norden" · Die Porträtkunst · Bruno Piglhein · Ein Symbolist in Berlin · Zeitbilder · Totes und lebendiges Licht · "Westklub" · Berliner Zeitschriften · Die Freie Literarische Gesellschaft · Der Mann im Schatten · Circenses! · Zum wohltätigen Zweck · Walter Leistikow · Berichtigung · "Die Kunst dem Volke!" · Paris in Berlin · Japan in Berlin · München in Berlin? · Bismarck · Versuchsbühne · Lesser Ury · Arnold Böcklin · Die Franzosen bei Gurlitt · Ecce Poeta · Zwei Lyriker · Auf der großen Berliner Kunstausstellung· Georg Hirschfeld

Vossische Zeitung | Das Magazin für Litteratur | Neue litterarische Blätter | Jugend | Monatsschrift für Neue Litteratur und Kunst | Das Narrenschiff | Die Gesellschaft | Die Welt am Montag | National-Zeitung | Hannoverscher Courier | Das Theater | Kunst und Künstler | Die Schaubühne | Berliner Tageblatt | Jahrbuch "Der Rhythmus" | März | Kritische Schriften aus dem Nachlass


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 116f.


Wikipedia:Bruno Piglhein