Chez les Allemands

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34. Chez les Allemands

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Es tut meist nicht gut, wenn ein Journalist, statt bei der Stange zu
bleiben, seine Aufsätze in Buchform drucken läßt. Was für den
Tag oder für Wochen geschrieben ist, veraltet zu schnell und die
Oberflächlichkeit, deren im einen Falle der rasche Leser nicht
achtet, beleidigt im andern, wo es mit Prätensionen vor uns tritt.

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Theodor de Wyzewa war 1890 in Berlin und belehrt nun seine
Landsleute über "Berlin et ses mœurs nouvelles", nachdem er sie
zuvor, wie ein Schullehrer, der seinen Kindern von den Botokuden
erzählt, über den ursprünglichen deutschen Charakter aufgeklärt hat.

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Seiner Weisheit Schluß ist, daß Berlin Deutschland
vergiftet und demoralisiert. Die Gründe des frommen Verfassers
christlicher Erzählungen sind fast durchweg hochmütige Behauptungen,
willkürliche Verallgemeinerungen, zugeflogener
Klatsch. Er mietet in der Markgrafenstraße und weil die Möbel

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krachen sind unsere Möbel schlecht. Man schlägt auf, was er
unter dem Titel "les theâtres" zu sagen hat und findet nichts als
eine abfällige Kritik des "Freischütz"; man blättert bis "les églises"
und liest als einziges etwas über die Frequenz des alten
Doms; ein paar Seiten später werden "les musees" mit einer anerkennenden

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Phrase abgetan. Solche Seichtigkeit hat sich nicht
als glaubenfordernder Ernst in die Öffentlichkeit zu wagen. Th.
de W., der unbegreiflicherweise in Paris einen gewissen Ruf genießt,
wirft den Deutschen von heute Verfall der Rechtschaffenheit,
der Gründlichkeit, der Sitten vor. Die Deutschen achten jede

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ernste Kritik. Wer sich aber durch Sätze kompromittiert wie: "Depuis
Burgmair, l'Allemagne a produit (si j'omets l'admirable...
Wagner...) deux hommes extraordinaires: Bach et Beethoven.
Mais Bach fut encore... une âme allemande primitive...; mais
Beethoven est un Belge (!), qui vécut à Vienne." Oder: Il n'y a eu

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en Allemagne, depuis Holbein, Durer et Burgmair qu' un seul
artiste bien original, M.Oberlaender...", der macht sich durch
die genannten Vorwürfe unsagbar lächerlich, und es ist nur zu
wünschen, daß dies auch in den maßgebenden Kreisen Frank-
reichs erkannt werden möge.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 108f.


Siehe Auch Französische Journalisten-Weisheit