Das Mondschaf

Aus DCMA
Wechseln zu: Navigation, Suche
       

 

Das Mondschaf steht auf weiter Flur.
Es harrt und harrt der großen Schur.
    Das Mondschaf.

Das Mondschaf rupft sich einen Halm

5

und geht dann heim auf seine Alm.
    Das Mondschaf.

Das Mondschaf spricht zu sich im Traum:
"Ich bin des Weltalls dunkler Raum."
    Das Mondschaf.

10

Das Mondschaf liegt am Morgen tot.
Sein Leib ist weiß, die Sonn' ist rot.
    Das Mondschaf.



Anmerkungen

Über die Dichtung "Das Mondschaf" allein könnte man ein
dickes Buch, ja was sage ich, mehr als ein dickes Buch schreiben.
Da wären in einem Abschnitt die Beziehungen jeder einzelnen
Zeile zur Kantischen Philosophie im besonderen nebst der darin

5

enthaltenen Kritik derselben aufzuzeigen, da Sie unter dem
"Mondschaf" doch ganz offenbar (wie ja auch die Widmung verrät)
das "Ding an sich" verstanden wissen wollen, da wäre in einem
andern die naturwissenschaftliche Seite der Sache zu behandeln,
ob man das "Mondschaf" mit dem Mondkalb in eine

10

Reihe zu stellen habe oder ob hier ein ganz neuer Tier- oder vielleicht
sogar Menschentypus vorliegt, da wäre nachzuforschen, inwieweit
zum Beispiel das "Mondschaf" den Freiherrn Friedrich
von Hardenberg bezeichnen [könnte] und was dann alles daraus,
für Ihre eigene Entwickelung, für unser Urteil über diese Entwickelung,

15

für die Wirkung dieser Entwickelung, soweit sie vorauszusehen,
und endlich für den Wert der eventuellen Wirkung dieser
Entwickelung folgen dürfte, des weiteren, ob und wieviel das
Opus von der Idylle des Malers Müller "Die Schaf-Schur" beeinflußt
oder doch angeregt sein möchte, wohin ferner der

20

Gleichklang des Wortes Schur mit dem französischen jour (de la
gloire) zu führen vermag - ein "Ritt" ins Politische - und ob es
Ihnen endlich gelungen sein sollte, mit der lateinischen Übersetzung
des "Mondschafes" die Kirchenliederpoesie des Mittelalters
zu treffen und zu charakterisieren, wobei ich mir einen kleinen

25

Abstecher in mein Spezialgebiet, die Macaroniker, kaum
versagen würde, vom poesiekritischen und schönliterarischen
Standpunkt ganz zu schweigen.

Mondschaf = Mundschaf = etwa: Sancta Simplicitas.
steht - hier so viel wie 'träumt'.
auf weiter Flur - bedeutet das unabsehbare Gefilde des
Menschlichen.

5

harrt und harrt. Man beachte den unwillkürlichen Gleichklang
mit hart (durus), wodurch die Unabwendbarkeit des Wartens
phonisch illustriert erscheint.
der großen Schur - Schur = Jour: Dies irae, dies illa.
rupft sich einen Halm - Der Mensch bescheidet sich in Resignation.

10

Vgl. das klassische Wort von dem Jüngling, der mit tausend
Masten in See sticht usw. Man könnte auch sagen: "Entsagen
sollst du, sollst entsagen!"
und geht dann heim auf seine Alm - Es 'geht'. Es läuft
nicht, noch springt es. Darin liegt, wie in dem weichen innigen

15

'heim' - ein Wort, das nur der Deutsche hat - eine wehmütige
Ergebenheit ohne Groll. Alm weist darauf hin, daß die Heimat
des Verzichtenden wohl und immerhin doch in einer mäßigen
Höhe zu denken ist.
Das Mondschaf spricht. Es 'spricht'. Zu singen hat es doch

20

wohl die rechte Frische nicht mehr. 'Spricht' ist feierlich, dumpf;
aber noch immer stark und bewußt.
zu sich - Nicht zu andern. Es ist einsamen Geistes und verrät
dies auch im Traum.
im Traum - Der Traum ist dem Mondschaf dasjenige Element,

25

was dem Fisch die Flut.
Ich bin des Weltalls dunkler Raum - Das Mondschaf vergißt
in seiner Schwermut ganz die Sterne. Sein Denken verschwägert
sich schon langsam der andämmernden Todesnacht.
liegt - Es ist bereits umgesunken, vielleicht zwischen 2 und

30

5 Uhr morgens.
Sein Leib ist weiß - Es ist unschuldig geblieben wie Schnee.
Fromm und mild hat es sein Geschick getragen und geendet.
die Sonn' ist rot - Was kümmert den Sonnenball das Mondschaf?
Er behält seine roten Backen. Seine freche brutale Gesundheit

35

triumphiert in gleichgültiger Grausamkeit über das
weiße Weh der geknickten Menschenseele. Vgl. auch Goethe:
Seele des Menschen usw.

 

 

Humoristische Lyrik | Galgenlieder
Titelblatt | Widmung | Versuch einer Einleitung | Laß die Moleküle rasen | Bundeslied der Galgenbrüder | Galgenbruders Lied an Sophie, die Henkersmaid | Nein! | Das Gebet | Das große Lalulā | Der Zwölf-Elf | Das Mondschaf | Lunovis | Der Rabe Ralf | Fisches Nachtgesang | Galgenbruders Frühlingslied | Das Hemmed | Das Problem
II: Die Trichter | Der Tanz | Das Knie | Der Seufzer | Bim, Bam, Bum | Das ästhetische Wiesel | Der Schaukelstuhl auf der verlassenen Terasse | Die Beichte des Wurms | Das Weiblein mit der Kunkel | Die Mitternachtsmaus | Himmel und Erde | Mondendinge
III: Der Gingganz und Verwandtes: Der Gingganz | Der Lattenzaun | Die beiden Flaschen | Das Lied vom blonden Korken | Der Würfel | Kronprätendenten | Die Weste
IV: Philantropisch | Der Mond | Die Westküsten | Unter Zeiten | Unter Schwarzkünstlern | Palmström | Der Traum der Magd
V: Das Nasobēm | Anto-logie | Die Hystrix | Die Probe | Im Jahre 19000 | Der Gaul | Der heroische Pudel | Das Huhn | Möwenlied | Igel und Agel | Der Werwolf | Die Fingur | Km 21 | Geiß und Schleiche | Der Purzelbaum | Die zwei Wurzeln
Aus vorherigen Ausgaben ausgeschiedene Gedichte: Schlachtgesang | Wer denn? | Der Nachtschelm und das Siebenschwein oder Eine glückliche Ehe | Der Walfafisch oder Das Überwasser | Der Igel | Die beiden Esel | Das Fest des Wüstlings | Die Schildkrökröte | Der Steinochs | Das Wasser | Die Lampe | Klabautermann | Die Luft | Der Hecht | Tapetenblume
Vorreden aus vorherigen Ausgaben: Vorrede zur dritten beziehungsweise ersten Auflage | Vorrede zur ersten und dritten beziehungsweise vierten Auflage


 

 

Humoristische Lyrik | Vorreden und Anmerkungen
Vorreden: Galgenberg-Katechismus oder Das mystische Gesetzbuch der Begriffe | Drei Vorreden | Galgenberg | Die Geschichte | Galgenberg (Fragment einer Vorrede) | Aus einer Vorrede | Wo Geist und Torheit recht sich gattet | Entwurf einer Einleitung | Wir leben nicht mehr in der Zeit des Verfalls | Versuch einer Einleitung | Fragmente | Eine Kritikervorlage als Vorwort | Fragment I | Zur dritten bzw. ersten Auflage | Fragment II | Vorwort zur IV. Auflage des Gingganz | Zur ersten und dritten bzw. vierten Auflage | "Ein Brief als Einleitung"
Anmerkungen: Sehr geschätzter Herr Morgenstern! | Nachrede, Vorbemerkung zu den Anmerkungen | Ein Zwischenwort als Nachwort zur Vorbemerkung | Bundeslied | Galgenbruders Lied an Sophie, die Henkersmaid | Das Gebet | Das große Lalulā | Der Zwölf-Elf | Das Mondschaf | Der Rabe Ralf | Fisches Nachtgesang | Das Hemmed | Das Problem | Das Knie | Der Seufzer | Bim, Bam, Bum | Der Schaukelstuhl auf der verlassenen Terasse | Die Mitternachtsmaus | Himmel und Erde | Mondendinge | Der Gingganz | Der Lattenzaun | Die beiden Flaschen | Das Lied vom blonden Korken | Der Würfel | Die Weste | Der Mond | Die Westküsten | Unter Zeiten | Unter Schwarzkünstlern | Die Hystrix | Möwenlied | Die Fingur | Der Walfafisch oder Das Überwasser | Die Luft | Die Zirbelkiefer


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 3, S. 63 und 300ff.
Vertont von
Joseph Diermaier | Gerhard Dorda | Carl Theodor Hütterott | Augustinus Franz Kropfreiter | Franz Tischhauser | Ernest Vietor
Ungarische Übersetzung
A holdkos


Dichterische Ergänzungen von Gerd Waloszek.

Gesungene Version von Will Elfes
The media player is loading...