Das Vermächtnis

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...

5. Das Vermächtnis

Es war um die Zeit, da der Affe zum Menschen wurde. Und am
Vorabend seiner Menschwerdung versammelte der Affe noch einmal

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alle Tiere um sich, um von ihnen Abschied zu
nehmen.
"Morgen will ich Mensch werden", sprach er wehmütig zu ihnen,
"und ihr werdet mich alle verlassen und meiden, und ein Kampf
wird entstehen zwischen meinem Samen und eurem Samen."

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"Jawohl, ein Kampf!" brüllte der Löwe.
"Du willst mehr werden als wir!" brummte das Nashorn, "das
wirst Du büßen müssen!"
"Das wirst Du büßen müssen!" wiederholte giftig der Floh.
"Lassen wir das!" sagte mit einem Anflug unbeschreiblicher Müdigkeit

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der Affe, "und feiern wir heute noch ein Fest des Friedens
und der Freude miteinander."
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"So sei es!" riefen die Tiere und drängten sich gutmütig und
wohlwollend um den scheidenden Bruder und fragten ihn, ob sie
ihm nicht noch etwas Liebes tun oder mitgeben könnten.
Da ward dem Affen noch trübseliger zumute, und er setzte sich

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unter eine Palme und fing jämmerlich an zu schluchzen.
Ein tiefes Mitleid ging durch die weichen Tierherzen.
"Wir wollen den Armen trösten!" begann endlich das Schaf und
schritt allen voran auf den Weinenden zu.
Lange sah das Schaf dem Affen in die Augen, und dann sprach es:

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"Trage mein Bild stets in Deinem Herzen, so wird es sein, als ob
ich mit und in Dir weiterlebte!"
Dem Schaf folgte das Kamel, sah dem Affen tief in die Augen
und sagte das gleiche zu ihm.
Und herzu traten der Ochs, der Esel, das Schwein, der Pfau, die

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Gans, der Tiger, der Wolf, die Hyäne und viele andere Tiere, und
jedes sah dem Affen lange an und sprach feierlich zu ihm: "Trage
mein Bild stets in Deiner Seele, so wird es sein, als ob ich mit Dir
weiterlebte."
Die letzten, die herantraten, waren der Löwe, der Adler und die

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Schlange.
Der Affe konnte vor Abgespanntheit kaum mehr aus den Augen
schauen und als die Schlange sich verabschiedet, sank er sofort in
Schlaf. Aber wirre und schreckliche Träume ängstigten ihn, und
gegen Morgengrauen erhob er sich im Halbschlummer von seinem

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Lager und tastete sich zur nahen Quelle. Mit Augen, deren
Schleier klares Bewußtsein noch nicht zu zerreißen vermochte,
blickte er in den Wasserspiegel, der, leicht bewegt, sein Bild wiedergab.

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Wie sah er aus! Da schwamm auf zitternden Wellen das Bild des

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einfältigen Schafes - oder - nein! es war das häßliche Kamel, das
mit arroganten Zügen aus den Wogen ihn anstarrt - -, mit einem
Male schien es der blutrünstige Tiger, als den er sich auf den
Fluten sah, - und kaum, daß er genauer hingespäht, war es ein
Pfau, der ihm sein eitles Rad entgegenschlug.

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Endlich brach ein Sonnenstrahl durch die Bäume, und der Affe
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erwachte aus seinem traumhaften Zustande. Verwundert rieb er
sich die Augen und wollte sogleich den nächsten Baumriesen empor,
als sein Blick von ungefähr in die Quelle fiel.
Da erkannte er, daß er über Nacht Mensch geworden war. Und

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Adam zog aus, bis daß er Eva fand und verbreitete sein Geschlecht
über die ganze Erde.
Das Vermächtnis aber, das die Tiere ihrem scheidenden Kollegen
mitgegeben haben, wirkt heute noch ungeschwächt unter seinen
Nachkommen fort.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 4, S. 30ff.
Interpretiert von
Gert Fröbe