Der Bergstrom

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   S. 17
2. Der Bergstrom
    Ein Märchen.

Auf einem Felsen mitten im Bergstrom saß ich und ließ meine
Füße hinabbaumeln, daß sie fast die Oberfläche der hüpfenden,

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kreiselnden Wasser berührten. Hier und da flog mir ein neugieriges
Wellchen auf die Schuhspitze, ließ sich von dem Sonnenstrahl
küssen und entfloh dann - wie ein schüchternes Mädchen - wieder
in die Tiefe.
Was aber das Schönste war, davon sah und hörte sonst niemand

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etwas - und das war die Unterhaltung, die die Fluten des Bergstroms
mit meinen Schuhsohlen pflogen.
"Wer seid ihr?" fragten die Schuhsohlen; denn sie waren weitgereist
und eifrig bestrebt, sich zu bilden.
"Tränen!" rief eine kleine Welle, überschlug sich - und fort war

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sie.
Die Schuhsohlen stießen sich gegenseitig mit den Ellbogen vor
Verwunderung - eine solche Antwort hatten sie sich nicht träumen
lassen.
"Wer hat euch denn aber geweint?" fragte die linke.

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"Menschen!" rief eine kleine Welle, überschlug sich und verschwand. -

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"Das ist sehr merkwürdig" meinte die rechte Schuhsohle "da
müssen wir noch mehr erfahren."
Weil sie aber von den flüchtigen Wellchen allzuknappe Antworten

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erhielten, zupften sie den alten runzeligen Felsblock, der, neben
ihnen behaglich am Bücken liegend, sich von den Fluten
umspülen ließ, an seinem Moosbart und baten ihn um nähern
Aufschluss. Der drehte sich ein wenig auf die Seite und sah sich
die beiden Schwestern mißtrauisch an; denn er kannte diese Sorte

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von Lebewesen, die ihm schon oft den Schlummer gestört und
den Bart zertrampelt hatten. Da er aber von Natur gutmütig war
und an den jungen frischen Gesichtern, die noch nicht viel auf
dem Gewissen haben konnten, Gefallen fand, ließ er sich bewegen,
sie aufzuklären.
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"Ich bin älter als alle Menschen" sagte er und strich seinen Moosbart.

Die Schuhsohlen blickten ungläubig drein, denn sie hatten keine
Ahnung von Naturgeschichte.

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"Als es noch keine Menschen gab, war auf der Erde noch wenig
Wasser vorhanden. Wo jetzt das Meer und die Seen und die Ströme
fließen, waren blühende Täler; und wenn man auch vielfach
feuchte Strecken fand, so war dies doch nichts im Vergleich zu den
heutigen Verhältnissen. Als aber die Menschen kamen, kamen

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mit ihnen die Sorgen - und die Tränen.
Als kleine Kinder weinten sie schon und als sie groß wurden und
viele hundert Jahre alt, hatten sie wenig Grund es zu verlernen.
Und der Wind, der um ihre nassen Wangen strich, nahm die
Tränen mit fort und entführte sie in sein luftiges Reich, um mit

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ihnen zu spielen und fröhlich zu sein; denn er war bisher gar
einsam gewesen. Ihnen aber wurde das Herz schwer, da sie sehr an
der Erde und den Menschen hingen, und als einmal der Wind,
von der Sonnenglut ermattet, eingeschlafen war, taten sie sich
zusammen und flohen blitzschnell auf ihre liebe Erde herab. Als

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der Wind erwachte wurde er sehr böse und schwor, er wolle die
Ungehorsamen schon wieder zurückbringen, aber was er auch
versuchte, sie an sich zu fesseln, sie entflohen immer wieder aus
unbezähmbarem Heimweh.
Die Menschen nun nannten diesen Vorgang den 'Regen', ohne

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freilich zu ahnen, daß es die Rückkehr ihrer eigenen Tränen war.
Und im Lauf der Jahrtausende, wo der Menschenkinder immer
mehr und mehr wurden, füllte der Regen große Becken und lange
Rinnsale, und die Menschen sagten 'dies ist das Meer' und
'dies sind Ströme', und Gelehrte und Forscher gaben ihnen allerlei

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Namen und schrieben tiefsinnige Bücher darüber; den wahren
Zusammenhang aber hat noch keiner ergründet und wird wohl
auch keiner ergründen.
Denn wir Felsen sind älter als alle Menschen« sagte er "und wissen
allein die Wahrheit."

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Die beiden Schuhsohlen, die ganz starr geworden waren vor so
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viel Gelehrsamkeit, machten einen tiefen Knicks, daß sie bis ins
Wasser hineintauchten vor lauter Dankbarkeit und Ehrfurcht.
Sie wüßten freilich nichts dergleichen zu erzählen, sie seien noch
zu jung und ohne viel Erfahrung.

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"Höchstens - " meinte schüchtern die eine und wollte offenbar
irgend eine Liebesgeschichte zum besten geben, aber sie kam
nicht weiter; denn ich spürte, wie meine Fußspitzen feucht geworden
waren, und sprang auf, den Heimweg anzutreten.
Chr. Morgenstern

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Sept. 92

 

 

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Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 4, S. 17ff.