Der Geist der Berge spricht

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Ich saß in meiner Felsengrotte,
da hört' ich eurer Glocken Klang,
und wie ihr hoch zu eurem Gotte
die Herzen höbet im Gesang.

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Da ließ es mich nicht länger feiern,
und eilend rafft' ich mein Gewand
und fuhr auf raschen Wolkenschleiern
hinab in euer Menschenland.

Und wie ich ob den Bergen schwebte

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und weit das Land gebreitet lag,
war mir's, als ob die Nacht belebte
ein zweiter, wundersamer Tag.
Ein Diadem von Lichtern krönte
der Erde dunkles Angesicht;

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von allen Höhn und Tiefen tönte
der Weihnacht seliges Gedicht.

Wie willst du solche Freude teilen -
so dacht' ich - ohne Gab' und Gruß?
Da rührt' im jähen Abwärtseilen

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ein schlummernd Wipfelmeer mein Fuß.
Und hurtig beugt' ich mich und pflückte
dies immergrüne Tannenreis,
dass euch sein Würzdult hold entrückte
zum Winterwald in Schnee und Eis.

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Dies aber sei mein reichster Segen:
Dies Füllhorn voll der reinsten Luft,
geneigt auf euch zu allen Wegen
samt jener Tanne herbem Duft.
In diesem Zeichen sollt ihr siegen;

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denn mächtig redet die Natur
zu jedem zagen Unterliegen
und weiset neuen Lebens Spur.

So lasset denn an eurem Glücke
den stillen Gast ein Weilchen ruhn,

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bis dass er wieder muss zurücke
zu seinen tiefen Felsentruhn, -
die ihm vielleicht nun minder taugen,
gedenkt er, Traum und Sehnsucht ganz,
in seiner Bergnacht eurer Augen

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und Weihnachtslichter Himmelsglanz.

 

 

Lyrik | Gedichte aus dem Nachlass Teil 4
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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 619f.