Der Mann im Schatten

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48. Der Mann im Schatten

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Die Komödie, die auf den Brettern, welche die Welt, und in den
Blättern, welche die öffentliche Meinung bedeuten, jüngst in und
außer dem Deutschen Theater sich abspielte, war zu gleichen
Teilen amüsant. Denn selten wurde wohl so ahnungslos über einen
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Schriftsteller darauf los fabuliert, wie über den trefflichen
Carlot Reuling. Zunächst stand irgendwo angekündigt, das Stück
sei von Reuling und Hartleben. Als dann die Besprechungen er-
schienen, war der Dreiunddreißigjährige fast überall "der jugendliche

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Autor", der sich mit seinem "Erstlingswerk" - mehr
oder minder glücklich - auf den Plan gewagt habe. Und ein Blatt
schwärmte sogar "von dem jungen Schwaben, der noch vor kurzer
Zeit, die bunte Mütze auf dem Lockenkopf, durch Tübingens
krumme Gassen geschweift sei", - was so rührend schön ist, daß

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es eigentlich - nach Schillers und Dahns Ansicht - auch wahr
sein müßte. Die einen wußten überhaupt nichts davon, daß Reuling
schon eine Reihe von Dramen geschrieben hat, die anderen
vindizierten ihm Werke in jeder Kunstform, die sie kannten, also
auch solche in Versen. Unglücklicherweise aber ist ihm ebenso-

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wenig wie dem seligen Jean Paul der Umstand orzuwerfen, daß
er je einen Vers zustande gebracht habe.
Von sogenannten "Kritiken" war die im "Fremdenblatt" die bemerkenswerteste.
Dort produzierte sich jemand in dem Jargon
und den Manieren eines wildgewordenen Müllkutschers, eine

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naturalistische Talentprobe, welche in unserer demokratischen
Zeit unzweifelhaft viele Anerkennung gefunden haben wird.
Vor kurzem hat hier ein junger Privatdozent gegen die heute übliche
Handhabung der Kritik gesprochen. Aber sowenig man jene
Animierkneipen je wird ausrotten können, welche jüngst wieder

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so stark von sich reden machten, sowenig wird man bei unseren
Zeitungsverhältnissen je verhindern können, daß Individuen,
welche weder die Erziehung noch den Geist verraten, vor der Öffentlichkeit
sich sachlich äußern zu können, die Konzession dazu
erhalten, in dem Winkel eines Blattes ihre rote Laterne hinauszuhängen.

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 126f.