Der Melderbaum

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Was ist das? Seht, der ferne Waldessaum
erglänzt in hellem Feuerschein - der Rauch
in dichten Wolken steigt gerötet auf
und trübt der Sterne Klarheit - rast ein Brand

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verheerend durch des Waldes heil'ge Stille?
Brach aus der Erde Schoß ein Flammenmeer?

Die ihr so fragt, kennt ihr den alten Brauch,
der schon seit hundert Jahren hier besteht,
kennt ihr des Schülerbergfests Feier nicht?

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Kennt nicht des Fackelzuges alte Sitte,
der sich vom Walde aus nach jenem Hügel,
dem Schülerberge, wälzt, wo hoch aufragt
des Forstes schönster Baum, dazu erlesen,
als stolze Riesenfackel aufzulodern,

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als wie ein Opfer für den Gott der Freude.

Und näher, näher durch die dunkle Landschaft
wie eine Feuerschlange rollt sich's auf;
schon hört man Stimmenbrausen, Sangesjubel,
schon jener Marschesweisen stolze Klänge,

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bei denen Deutschland zog von Sieg zu Sieg.
Da - da - die Erde hallt von ihrem Schritt -
da braust heran die erste rasche Schar:
Stillstand! Ein jeder faßt der Fackel Heft,
und weit zurückgebeugt zu kühnem Wurf

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entsendet er das züngelnde Geschoß,
das weithin durch den dunklen Himmel fliegend.
zur Erde wieder kreist im Bogen, oder
noch im Geäst der Fichte haften bleibt,
mit Flammenkuss des Stammes Gipfel grüßend.

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Und immer neue Scharen strömen zu,
und immer neue Brände sausen
empor. - Ein Anblick, eigenartig schön.
Wie eine große Flammengarbe starrt
der Riesenbaum ins dunkle Äthermeer.

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Er ächzt und stöhnt und prasselt, heulend fährt
der Nachtwind um den ungewohnten Gast
und wälzt des Rauches schwere Wolkenmassen
hinaus ins nächtige Gefild. Es stieben
die Funken nieder auf das junge Volk,

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das sich im Kreis zu frohem Staunen schart.
gerötet jedes Antlitz von der Freude
und von der Gluten hellem Widerschein.

Da senken sich die Fahnen - - - feierlich
geheimnisvoll durchschauert's jede Brust - -

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es senken sich die Fahnen, es erbraust
aus tiefstem Herzen in gewaltigem Chor
das hohe Lied der Deutschen. Andachtsvoll
hallt es zum Himmel auf wie ein Gebet.
O unvergesslich schöner Augenblick!

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Ich stand als wie im Traume; um mich her
erklangen unsres Volkes hehre Weisen,
und wie die Herzen suchten sich die Hände.
Ringsum lag Feld und Wald in tiefem Schweigen,
und über alles spannte sich das dunkle,

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das sterndurchwobne, unermeßne Weltall;
da fühlt' ich übermächtig mich ergriffen,
feucht ward mein Auge: O, mein Vaterland,
solang noch solche Herzen treu dir schlagen,
betritt kein Feind die heil'ge Scholle dein!

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Schau uns, wie zu gewaltig großem Schwur
wir uns vereint in dieser ernsten Stunde:
Der Fichtenstamm, der dort gen Himmel leuchtet,
zu dessen Brand ein jeder mitgewirkt,
er ist das stolze Sinnbild jener Gluten,

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die tief in unsern jungen Herzen schlummern.
Sei in Gefahr, mein Land, laß Feinde dröhn,
und unaufhaltsam, sehnsuchtsvoll, allmächtig,
wird jener Herzensbrand zusammen schlagen,
wie dieser Riesenfackel wehnde Glut.

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Ich fuhr empor. - Die Freunde waren fort,
rasch wandte ich den Schritt; doch oftmals noch
sah ich nach jenem Baum zurück, der langsam
verlosch, gepackt von Sturm und Nebelschauern,
bis ganz ihn wieder schwarze Nacht umfloß.

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Und oftmals werd' ich seiner noch gedenken,
wenn mich des Lebens wilder Sturm umrauscht;
dann wie ein Traum aus froher Jugend Zeiten
wird jenes Bild an mir vorübergleiten.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 512ff.