Der Spielgeist

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24. Der Spielgeist

Man weiß, wie gern die Geister mit Löffeln, Messern und ähnlichen
klappernden Dingen spielen, sei es, daß sie uns damit in

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unserer Einsamkeit zu erschrecken suchen, sei es, daß sie der
Spielteufel solange reitet, bis sie eine Ungeschicklichkeit begehen
und sich so verraten.
Das Seltsamste aber geschah mir einmal, als ich in meiner stillen
Dachstube beim Nachtmahl saß und ein Geist sich an das steife

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Ölpapier machte, darin meine Butter eingewickelt gewesen war,
und das ich zu einem Knäuel geballt in die Ecke geschleudert
hatte.
Kaum daß ich das erste Brötchen gegessen, traf mich ein leises
Knistern, wie wenn jemand mit feinen Fingern Papier auseinander

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zu falten trachtet. Ich tat, als hörte ich nichts.
Der Geist hatte vielleicht Hunger und wollte sich das bißchen
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Fett, das noch an dem Boden klebte, zu Gemüte führen. Am Ende
war es auch bloße Neugier, die ihn trieb. Inzwischen knisterte und
knitterte es immer weiter. Der Knäuel rollte sogar vernehmlich
um sich selbst; dem Geist schien meine Anwesenheit durchaus

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gleichgültig zu sein.
Ich räusperte mich.
Totenstille.
Ich habe dich wohl bemerkt! sagte ich lächelnd, - habt ihr so
wenig zu tun, daß ihr wie Katzen und Kinder mit allem spielen

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müßt? Aber laß dich nicht stören; nur mach nicht zuviel Lärm!
Der Geist schien sich mit gekreuzten Armen vor mir zu verneigen.

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Dann war mir, als ginge er auf Zehenspitzen zur Tür. Aber die
Lockung mochte zu stark sein. Der geheimnisvolle Papierknäuel

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zwang ihn zur Umkehr.
Bald hörte ich ihn wieder rascheln und erschrocken innehalten,
wenn ich den Kopf hob.
Es mußte ein weiblicher Geist sein, es war gar nicht anders möglich.

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Zuletzt war er eingeschlafen.
Nun sah ich ihn ganz deutlich.
Er saß am Boden wie ein Türke und lehnte mit der rechten Schläfe
an der Wand. Sein Körper war der eines Mädchens und vollkommen
durchsichtig. Lange zarte Flechten hüllten wie Spinnweben

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die schmächtigen Glieder ein.
Ich erhob mich vom Sessel.
Ein Streifen Mondlicht, nichts weiter.
Und in diesem Streifen Mondlicht still und glänzend wie ein
schlummernder Weltkörper voll Kratern, Zacken und Schneeflächen

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das geheimnisvolle Geisterspielzeug, mein Papierknäuel.


 

 

Portal:Episches
Publiziertes 1892-1908

Episches aus dem Nachlass 1885-1914:
I. Erzählungen, Märchen, Betrachtungen: Mineralogia popularis | Und mit ihm spielen Wolken und Winde | Als Tom noch klein war | Eine humoristische Studie | Ein ganz kleines Idyll | Malererbe | Das Rätsel des Lebens | Der Spielgeist | Der einsame Dichter | Der Diktator | Die kranke Möwe. | "So ein kleiner Junge" | Vater und Sohn | Psychologische Skizzen | Meine Zeugenschaft | Das Haus | Das Ende der Welt | Ostermärchen | Der Ziffer Rache | Die überraschte Wahrheit | Der Bart | Der Dieb | Die Torte

II. Reiseprosa, Aufsätze, Skizzen, Notizen | III. Romanpläne, Entwürfe und Fragmente | IV. Erfindungen, Projekte, Annoncen


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 4, S. 99f.