Der Vater des "Palmström"

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Zeitungsausschnitt

aus einer unbekannten Berliner Tageszeitung von 1939

Zum 25. Todestag Christian Morgensterns - Wie entstanden die Galgenlieder? - Von Tieren, die nicht im Brehm stehen - Bekenntnis zu einem deutschen Dichter

Am 31. März 1914 - vor 25. jahren - starb in Davos Christian Morgenstern, der unvergessene Dichter der "Galgenlieder".

... Und wie wäre es mit ein paar Gedichten von Morgenstern?" - Leute, von denen man weiß, dass sie Morgenstern-Gedichte auswendig können, bekommen, wenn sie im Kreise von Freunden abendlich rasten, diese Frage immer wieder zu hören. Und es sind bestimmt nicht wenige, denen der Dichter ans Herz gewachsen ist, dass sie sich die leichte Mühe nahmen, etliche jener eigenwillig-schönen oder geheimnisvoll-unwirklichen Gedichte so oft vor- oder nachzulesen, bis sie die inzwischen zerlesenen Bände (die Papprücken sind längst abgeplatzt) getrost im Regal stehen lassen können. - Nur die "Kritik des Herzens" von Wilhelm Busch wird von den deutschen Humor-Liebhabern annähernd im gleichen Maße auswendig gekonnt - und allenfalls noch die Turngedichte von Ringelnatz - wie die Morgensternschen Galgenlieder.

Wie sieht Herr Palmström aus?

Eines der bekanntesten Morgensterngedichte ist wohl das von Herrn Palmström, der an einem Teiche steht und eingroßes rotes Taschentuch entfaltet. Auf dem Tuch ist eine Eiche dargestellt, sowie ein Mensch mit einem Buch. - Im weiteren Verlauf des Gedichtes (in den meisten Palmström-Gedichten passiert etwas!) stellt sich dann heraus, dass Palmström, ergriffen von der Schönheit des Taschentuchbildes, es nicht wagt, sich hineinzuschneuzen. "Und kein Fühlender wird ihn verdammen, weil er ungeschneuzt entschreitet"...

Als wir dieses merkwürdige Gedicht wieder einmal (zum wievielten Male wohl?) lächelnd genossen hatten, fragte einer aus dem Kreise: "Sagt mal wie stellt ihr euch eigentlich diesen Palmström vor?" - Nun, das war einmal eine Frage! Die behauptung, Palmström müsse Ähnlichkeit mit einem alten gutmütigen aber doch etwas vertrottelten Professor - wir dachten an einen ganz bestimmten - haben, wurde mit Entrüstung zurückgewiesen. - Ja, wie sieht Palmström aus? Nach langem Hin und Her beauftragten wir dann einen Maler in unserer Runde, bei Gelegenheit ein "lebensechtes", das heißt also unbedingt "ähnliches" Porträt zu malen.

Humor wird ernst genommen:

Und das Resultat? Unser maler hatte sich mit solchem Ernst in seine Aufgabe hineingekniet, dass er nach einiger Zeit mit einer ganzen Mappe voll farbiger Blätter aufwarten konnte. Er hatte den Raben Ralf (dem niemand half) dargestellt, hatte Sophie, das Henkersmädchen porträtiert, hatte sich sogar daran gewagt, jenes merkwürdige Nasobem (ein Fabelwesen, das nach des Dichters eiegener Aussage nicht im Brehm steht) zu malen, wie es, von seinem Kind begleitet, auf seiner Nase eine sich im Unendlichen verlierende Straße entlangschreitet. ... Kurzum: ein Blatt war immer schöner als das andere! Aber - wo blieb unser Palmström-Porträt?

Nun lag noch ein letztes Blatt in der Mappe. Das musste es sein! Aber wie Morgenstern von Palmström sagt, "er gehört zu jenen Käuzen, die oft unvermittelt - nackt Ehrfurcht vor dem Schönen packt", so hatte auch unser Maler im Falle Palmströms die Ehrfurcht vor der Phantasie des Dichters gepackt. Das letzte Platz war - eine Landschaft. Schwermütig-heitere Herbststimmung lag über dem Ganzen. Und dort im Hintergrund ein Teich, in dessen schimmernder Fläche sich die Wolken spiegelten... Am jenseitigen Ufer aber konnte man, wenn man genauer hinschaute, einen Menschen erkennen, einen Menschen, nicht mehr. Nur ein winziges rotes Pünktchen schien anzudeuten, dass dieser Mensch vielleicht ein rotes Taschntuch in der Hand hielt...

Die Frage nach dem Ursprung, nach der ersten Entstehungsursache der Galgenlieder beantwortet ein Briefentwurf Morgensterns, in dem es unter anderm heißt: "Die ersten, noch den neunziger Jahren entstammenden Galgenlieder entstanden für einen lustigen Kreis, der sich auf einem Ausflug nach Werder bei Pots- [hier endet der Text]