Der einsame Turm

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Wer laut von diesem längst verlassnen Turm
der Tannen Ringwald überrufen wollte,
und trüge, was er riefe, stärkster Sturm,
er ahnte, dass es nie ein Ziel errollte.

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So einsam steigt der alte Bau empor;
er fühlte Fürsten einst auf seinen Stufen,
bis, dunkler Taten schauerlich verrufen,
sein stiller Reiz der Menschen Gunst verlor.

Nur dass von Jägern sich zuweilen wer

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vorbei verirrt, von wanderfrohen Seelen,
von Bettelpack, und wer die Kreuz und Quer
den Forst durchschleicht, sich Holz und Wild zu stehlen;
nur dass an seinem Fuß zuweilen sich,
wie heut, Zigeunervolk sein Reisig schichtet

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und mit der Bogen wehmutwildem Strich
sein Weltweh in den fremden Frieden dichtet.

In allen Kronen hängt noch goldner Glanz...
Die Sonne säumt noch, ihren Tag zu enden...
Der Söllerblöcke halb zerfallnen Kranz

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umlodert noch ihr scheidendes Verschwenden...
Und aus dem Purpur schwillt es wie ein Born,
ein Strom von Tönen -: Abends erst Erschauern
erregt des Turms uraltes Äolshorn,
der Sonne nachzujauchzen, nachzutrauern.

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Die Heimatlosen drunten horchen auf --.
Und einer nimmt die Geige von den Knien
und strebt mit manchem jähen Sprung und Lauf
des Winds Gesang phantastisch zu durchziehen...
Und wie so Wind und Seele sich verweben,

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erwachen mehr und mehr der treuen Geigen...
Ein aller Leidenschaften schluchzend Leben
erstürmt des Himmels immer tiefres Schweigen.

Gefangen folgt zuletzt die ganze Schar
der Windposaune wunderlichen Launen...

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Nun rast es tollkühn, unberechenbar...
Nun stockt es wie in fragendem Erstaunen...
Oh Sonne! Sonne! Mutter! Mutter! flehen,
verzweifeln, weinen, drohen all die Stimmen
und dröhn und flehn in immer bangren Wehen,

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je mehr des Tages Brände rings verglimmen.

Doch droben - seht ihr? die Zigeunerin!
Entstahl sie sich dem Kreis der braunen Söhne?
Wo kam sie her, das Weib? Wie kam sie hin?
Wie wächst sie hoch in schattenhafter Schöne!

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Und hört ihr - hört! wie ihre Lippen singen -
ein Lied, das endlich alles überwindet,
in sich die andren Stimmen alle bindet,
damit Natur und Menschheit sie umklingen.

Es ist das tiefe Lied der Einsamkeit,

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das Königslied der großen Ungekrönten,
das Klagelied der würdelosen Zeit,
das Trutzlied aller nur mit sich Versöhnten,
und ist der Weisheit gütiger Gesang,
des Willens jugendewiges "Es werde!",

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der Liebe Durst und Pein und Überschwang,
es ist das Schicksals-Hohelied der Erde.

Der Wald ward still. Kein Hauch im Wipfelschweigen.
Der Sterne Chor bewegt sich klar herauf...
Und schlanke Leiber, edle Häupter zeigen

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sich hoch vom Turme seinem ernsten Lauf...
Die überall Verstoßenen, sie wohnen
in der Unendlichkeit azurnem Zelt -:
Um ihre Stirnen brennen bleiche Kronen,
und ihre Seelen sind der Sinn der Welt.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 166ff.