Der erste Kuß

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...

13. Der erste Kuss

Wie sollte ich dir nicht eine Denktafel aufstellen wollen, und sei
sie noch so klein, lieblichstes Ereignis meiner frühesten Knabenzeit,

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da ich den ersten und seligsten Kuß meines Lebens auf ein
paar frische Mädchenlippen drückte!
Zwanzig Jahre sind seitdem verflossen; aber je älter ich werde,
desto lebendiger und rührender steigt jene holde Begebenheit vor
mir auf.

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Es war in einem malerischen Dorf der oberbayrischen Hochebene.
Die Sommergäste aus München, die sich in dem Gasthaus zur
Post allabendlich versammelten, bereiteten ein Gartenfest mit
lebenden Bildern vor, auf dessen einem meine kleine Person als
Amor mitwirken sollte.

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Was die etwa dreizehnjährige Tochter des Majors von K. dabei zu
tun hatte, weiß ich nicht mehr; jedenfalls aber hatte sie mir damals
meine kleinen Pfeile selbst ins Herz gedrückt; denn Amor
selbst war der über die Maßen Verliebte.
Ich sehe sie noch vor mir.

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Ihre Augen hatten das feuchte Braun von Waldteichen im Mondschein;
ihr volles Haar, von demselben Ton und Glanz, umwellte
weich, warm und schwer das bleiche Oval eines Madonnengesichts.
Die schlanken Vorfrühlingsformen umfloß ein von den
Schultern bis zu den Schuhen hinabfallendes lilabraunes Wollkleid,

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das unterm Busen ein Gürtel leicht um die Hüfte fing.
Sie war erst vor wenigen Tagen aus dem Kloster, in dem sie erzogen
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ward, in die Ferien gekommen; und eben dieser klösterlich
strenge Hauch über einer warmsinnlich aufquellenden Natur
machte sie doppelt geheimnis- und anziehungsvoll.
War es nun, daß sie sich an Amors Pfeilen selbst ein wenig verwundet

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hatte, oder auch nur eine mehr mütterliche Liebe der
Älteren zu dem Sechs- oder Siebenjährigen im Spiele war; genug,
eine plötzliche Flamme schlug über uns zusammen, als wir uns
bei Gelegenheit einer Probe einen Augenblick zu zweien allein
befanden.

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Oh, die vollkommene Trunkenheit jenes Kusses, der rätselvolle
Rausch jener ersten Annäherung, jenes unklare Glück, in das
noch kein Verstand seine Lichter warf, und über das hinaus noch
nichts nach anderen Genüssen verlangte!
Jene vielleicht feinste Blume der Liebe, die ahnungsvoll aufdämmernde

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Leidenschaft eines Kinderherzens, ich habe sie einen Augenblick
meines Lebens kosten dürfen, um sie nie mehr aus meiner
Erinnerung zu verlieren.
Es war damals das einzige Mal, daß wir uns küßten.
Mochte sie sich schämen? Waren wir nicht mehr allein? Ich weiß

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es nicht mehr.
Bald darauf reiste sie wieder ins Kloster zurück, und ich habe sie
niemals wiedergesehen.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 4, S. 55f.