Diakonie

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...

20. Diakonie

Wenn man fünf Kapitel eines Buches mit Dankbarkeit und Vergnügen
gelesen hat und findet im sechsten unerwartet das letzte
Körnchen Unbehagen, das uns uneingestandenermaßen noch
geplagt, gänzlich beseitigt, dann hat man ein gutes Recht dazu, es

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den besten Werken seiner Bücherei einzureihen und Bekannten
und Freunden es eifrig zu preisen.
In diesem Falle vornehmlich dem weiblichen Teil seiner Bekanntschaft;
denn das Buch, von dem ich rede, ist von einer Frau
für Frauen geschrieben.

25

Es gibt einen klaren, wahrheitsgetreuen Einblick in den Organismus
der jungen evangelischen Diakonie und schließt nach einer
vergleichsweisen Betrachtung katholischer Frauenorden mit einem
Bericht über die weltliche Diakonie.*
________
* A. Gemberg[1]. Die evangelische Diakonie. Beitrag zur Lösung der

30

Frauenfrage. D. Schriftst. Genossenschaft. Berlin 1894.

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Der ratlosen Frage so vieler auswegverzweifelnder Mädchen und
Frauen unserer Zeit gibt Adine Gemberg die Antwort: Werdet
Diakonissen! Dieser Beruf ist nicht überfüllt. Tausende und
Abertausende von gebildeten Frauen kann er noch aufnehmen

5

und bis an ihr Lebensende anständig versorgen. Statt daß ihr als
Ärzte den Männern Konkurrenz macht und dadurch wieder indirekt
eure verheirateten und unverheirateten Schwestern schädigt,
werdet Krankenpflegerinnen, statt schlecht bezahlte, abgehetzte
Lehrerinnen werdet Lehrschwestern, statt Pastoren (wie in Amerika

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und Skandinavien) werdet Missions- und Gemeindeschwestern.
Und ist euch die Abhängigkeit von der Kirche lästig, so
wendet euch der weltlichen Diakonie zu, welche euch außerdem
noch die Möglichkeit selbständigen Erwerbes und größere Freiheiten
bietet. Die Emanzipation entreißt dem Manne, was er für

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sich und die Seinen braucht, die Diakonie tritt still und bescheiden
vom Manne hinweg und erreicht doch das Ziel der Frauenversorgung
innerhalb der höheren Gesellschaftsschichten. Einer
Versorgung ohnegleichen: denn während jeder andere Beruf von
der schwankenden Nachfrage abhängig ist, findet die Diakonissin

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stets ihren Wirkungskreis, ist immer erwünscht und überall
angenehm. Ihr Arbeitsfeld ist das ganze Volk, soweit es der
Pflege, der Erziehung, des religiösen Trostes bedarf.
Zunächst der Krankenpflege. Ihr ist, als der ersten der drei
Haupttätigkeiten, das der Einleitung folgende Kapitel gewidmet.

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In ihm tritt Adine Gemberg mit der ruhigen Klarheit einer tiefblickenden
Frau dem medizinischen Frauenstudium entgegen.
Eine Armee, sagt sie, besteht nicht nur aus Offizieren, und ein
Hospital braucht außer Ärzten und Kranken noch Pflegerinnen.
Es liegt aber tief in der weiblichen Natur begründet, sich der Autorität

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des Mannes zu beugen und die Autorität einer Geschlechtsgenossin
mindestens stark zu bezweifeln. Darum ist es
ganz undenkbar, daß weibliche Ärzte und ausgebildete Pflegerinnen
sich je vertragen sollten.
Einem Manne fügen sich diese bedingungslos, auch wenn es ihrer

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Erfahrung widerstreitet, einer Frau im gleichen Falle nicht.

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An der Hand einer fesselnden, aber niemals im Interesse der Sache
beschönigenden Darstellung folgen wir der Tätigkeit der jungen
Schwester durch die Kinderstation, den Frauen-, den Männersaal,
die (fakultative) Irrenpflege und endlich zur Pflege in

5

Privathäusern, bei welcher bemerkenswerter Weise die Nachfrage
das Angebot weit übersteigt.
Ein weiteres Feld medizinischer Tätigkeit besitzt die Diakonie in
den Krankenhäusern des Orients. Ja dort wären allenfalls auch
noch weibliche Ärzte willkommen.

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Nicht minder mannigfaltig ist der erzieherische Beruf der Schwester.
Blöde, Epileptische, Blinde, Verkrüppelte, Taubstumme
einerseits, Waisenkinder, sittlich Verwahrloste, arbeits- und stellenlos
gewordene Mädchen andrerseits, sind die Schüler der
Diakonissen. Vor allem aber arbeiten sie an Haushaltungs- und

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Wirtschaftsschulen, wo die Töchter des Volks zu verständigen
Hausfrauen, zu tüchtigen Dienstmädchen, zu geschickten Kinderpflegerinnen
erzogen werden. Mehr noch als wünschenswert
ist nach der Ansicht der Verfasserin diese Ausbildung der
Frauen der niederen Stände durch die gebildeten Frauen der höheren

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Stände: sie ist notwendig, um drohende soziale Gefahren
abzuwenden.
Ich erinnere daran, daß bei den englischen Frauen diese Ansicht
längst Gemeingut geworden, daß diese seit den Tagen eines
Kingsley und Robertson, von herrlichem Wetteifer helfender

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Liebe ergriffen, ganz anders mit den reichen Vorzügen ihres Geschlechts
gewuchert haben, als dies von unserer Frauenwelt gesagt
werden kann.
Welch ein anderer Ausblick, das Weib voll erbarmender Güte und
versöhnender Anmut unter trost- und hülfsbedürftigen Mitmenschen

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eine erhabene Mission erfüllen, als es in eigensüchtigem
Ringen nach ihrem Grundwesen fremden Stellungen den sozialen
Konflikt verschärfen zu sehen.
Die ganze Emanzipation - in ihrem Extrem - ist eine große
Selbsttäuschung.

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"Erkenne dich selbst!" klingt freilich für Frauenohren noch

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härter und unleidlicher wie für die der Männer. Aber was
könnte aus solcher Selbsterkenntnis, der Erkenntnis sich auf die
vorhandenen Mittel beschränken zu müssen und in diesen
Grenzen Meisterschaft erstreben zu sollen, gewonnen werden!

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Dann wäre es sogar möglich, daß künftige Philosophen Besseres
vom Weibe zu sagen wüßten, als unsere letzten unerbittlichen
Sezierer.
Es sei mir an dieser Stelle gestattet, einem - wahrscheinlich keineswegs
neuen - Gedanken Ausdruck zu geben, der mir bei der

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Lektüre des Gembergschen Werkchens gekommen. Warum sollten
unsere jungen Mädchen nicht ebenso ihr "Jahr" in den Reihen
der weltlichen Diakonie etwa "abdienen", wie die männliche
Jugend im stehenden Heere? Wäre es etwas so Unerträgliches,
dass zwölf Monate lang auch die junge Dame den eigenen Willen

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beugen und in den Dienst einer großen gesellschaftlichen Aufgabe
stellen lernte, statt dass sie in jenem reizvollen Getändel zwischen
häuslicher Kleinarbeit und mehr oder minder unschuldigen
Vergnügungen mit unfehlbarer Sicherheit über alle Tiefen
des Lebens hinwegschwebte, ein Schmetterling, langweilend, sobald

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die Pracht der Flügel verdorben, ohne Kraft zu selbständigem
Urteil, wie zum Verständnis der subtileren Erscheinungen
des Daseins.
Würde das junge Weib nicht unendlich gereifter, wenn sie als
Diakonissin, anstatt der mangelhaften Bücher über das Leben

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das Buch des Lebens selber lesen dürfte, ja noch mehr, wenn ihr
Gelegenheit geboten würde, hier und dort den Text zu ändern,
statt "krank" "gesund", statt "Klage" "Dank", statt "hoffnungslos"
"freudig" in ihm verbessern zu dürfen? Wie sehr würde
solch ein Dienst der Liebe den Dienst der tötenden Waffe beschämen,

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wie hoch würde die Frau in ihrer eigenen, wie in der Männer
Achtung steigen und endlich, wieviel glücklicher und gesünder
würde sie dadurch werden!
Aber ich rede, als ob solch ein Einjährig-Freiwilligen-Dienst
durchaus nur als staatliche Einrichtung gedacht werden könnte.

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Folgende Sätze der vorliegenden Schrift beweisen, dass in kleinstem

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Maßstabe eine solche einjährige Schulung bereits existiert.
"Es gibt eine allerdings nicht große Anzahl von Johanniterinnen,
die etwa ein Jahr lang von Diakonissen ausgebildet wurden.
Diese nehmen alle möglichen Stellungen im Leben ein, sind zum

5

großen Teil verheiratet und stehen nur für Kriegs- oder Seuchen-
Zeiten bedingungsweise zur Verfügung der Diakonie."
Ich kehre noch einmal referierend zu Frau Gembergs Buch zurück.

Es behandelt in einem dritten Abschnitte die schwerste Aufgabe

10

der Diakonie, die Gemeindepflege und die innere Mission, doppelt
schwer, weil sie einen unverrückbaren Glauben erfordert
und am Tiefsten in die Regionen der Not und des Lasters hinabführt.
"Nur die priesterliche Weihe ihres kirchlichen Amtes
schützt die Reinheit der unberührten Jungfrau in einer Umgebung

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von Verkommenheit und Elend, wo jeder andere Schutz ihr
fern ist." Es ist ein Kapitel voll erschütternder Beispiele aus dem
Alltag, das man nicht ohne Bewegung lesen kann.
Dem schon erwähnten äußerst lehrreichen und für den Protestantismus
beschämenden Ausflug ins Gebiet der katholischen

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Ordensfrauen folgt zum Schlusse der Bericht über die "weltliche
Diakonie", deren Hauptstätte bis zur Zeit das von der Kaiserin
Friedrich protektionierte Viktoriahaus in Berlin ist. Es gleicht allen
anderen Diakonissenhäusern, ist jedoch gewissermaßen konfessionslos.
Die Viktoriaschwester kann, wenn sie ihre Lehrzeit

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durch fünfjährigen Dienst vergütet hat, austreten, ohne ihr Patent
- wie dies in gleichem Fall bei der kirchlichen Diakonie stattfindet
- zu verlieren. Bleibt sie, so bietet ihr die Anstalt dieselbe
Versorgung, wie jedes andere Diakonissenhaus. Ihre Tracht -
jene unnötig nüchterne, fast entstellende Tracht - braucht sie nur

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innerhalb der Anstalt zu tragen, hat überhaupt in jeder Hinsicht
größere Freiheiten.
Die letzte Freiheit endlich, selbst Geld mit ihrer Tätigkeit verdienen
zu dürfen, gewährt ein äußerster Ausläufer der weltlichen
Diakonie: das Privatunternehmen der Gräfin Rittberg zu Berlin.

35

Dort werden junge Mädchen vollkommen sachlich wie Diakonissen

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ausgebildet und haben bei der drängenden Nachfrage beste
Aussichten auf nicht geringen Erwerb.
Einem unabweisbaren Bedürfnisse folgend, hat die Verweltlichung
der Hauptzweige der Diakonie begonnen.

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Es ist Brot da und es ist Arbeit da für alle sittlich denkenden,
ernsten Mädchen und Frauen. Es fehlen Hände und Herzen zum
Lehren, zum Krankenpflegen und zu der gesegneten Arbeit an
Gefallenen und Gefangenen...
Besinnen sich die deutschen Frauen erst auf ihr Christentum und

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auf ihre sozialen Pflichten, wenn sie der Welt entsagt haben und
den Schleier oder die Haube tragen? Wäre das nicht ein jammervolles
Zeugnis für die Frauenwelt - für dieselben Frauen, die jetzt
das Recht auf Arbeit fordern?
Ich entnehme, wie manches andere schon vorher, diesen Appell

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dem Buche selbst, und indem mein Auge es noch einmal durchfliegt,
fühle ich, daß die Worte, die ich darüber gesagt, nur dann
ihren Zweck erreicht haben werden, wenn man sie nicht als wohlfeile
Inhaltsangabe, sondern als Wegweiser nach einem Schatz
von guten und klugen Gedanken betrachtet.

20

Man muß es selbst lesen.

Christian Morgenstern

 

 

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Fußnoten

  1. Wikipedia:Adine Gemberg

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 69ff.