Die Dekorationen von Ghismonda

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31.Die Dekorationen von Ghismonda

Zur Weihnachtszeit werden wir alle Kinder und wie einst gehen
wir ins Theater, nicht um seelisch aufzuleben, sondern um zu
schauen, prächtige Märchenspiele, wundersame Verwandlungen,

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feenhafte Dekorationen. Haben wir es doch in dieser Technik
so unendlich viel weiter gebracht, seit wir nicht mehr Kinder
sind. Haben wir es doch fertig gebracht, nicht bloß Kulissen, sondern
auch Seelen dekorativ zu behandeln, nicht bloß märchenhafte
Verwandlungen in der Szenerie, sondern auch in der Psychologie

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vor sich gehen zu lassen. Wohin wir blicken: Dekoration,
Dekoration. Gewiß, diese Ruinen am Fuße der Akropolis, dieser
leibhaftige Kreuzgang im Daphnikloster, diese leibhaftigen drei
Schiffe in der byzantinischen Kirche, dieser Aphroditetempel in
der Mondscheinnacht und dieser farbige, verwirrende Glanz der

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mittelalterlichen Kostüme und goldglitzernden Gemächer sind
so sinnbetörend, daß wir ganz vergessen, daß es niemals diesen
Tempel am Fuße der Burg gegeben hat, daß man niemals im Galopp
auf das hochliegende Daphnikloster hinaufrasen konnte,
daß nie eine Ghismonda ihren Palast im altgriechischen Stile zu

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erbauen die Gelehrsamkeit hatte. Aber was vergessen wir nicht
vor der blendenden Macht der Dekoration! Sardou steht hinter
dem Stück und Sardous dekorativem Namen wird die Kirchenszene,
wo man die Besucher wegen der im Vordergrunde abgewickelten
Schürzung des Knotens bittet sich einen Augenblick

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umzudrehn, vergeben, wie sie im Neuen Theater unter einem
neuen Namen ausgelacht worden wäre. Ein Weib steht im Mittelpunkt
und dem dekorativen Geschmack ihrer Kostüme vergibt
man in unbezwingbarer Galanterie die wenig ergiebige Skala ihrer
Empfindungen. Eine romantische Handlung zieht sich durch

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das Stück, aber sie wird zerquetscht durch die hundertfältigen
dekorativen Rücksichten auf Rollendankbarkeit. Was ein Weib
einem Publikum bieten kann, der Reihe nach führt sie es durch:
Idylle, Kinderliebe, Freiertrotz, Versprechungen, Todesangst,
Wortbruch, Liebe, Frömmigkeit, Tollheit, Demut, Herrschertum,
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Lüge und Überwindung. Die Tugenden und Laster sind ihre
Dekorationen, zwischen denen sie spielt, ihre Masken, hinter denen
sie ihr Nichts verbirgt. Die Wünsche und die Moden von Paris
sind die Masken, hinter denen die Handlung selbst ihre Leerheit

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versteckt: die Liebe zum Mittelalter, die Sehnsucht zu beten,
die Verehrung des Weibes und der Zynismus hinter den Klostermauern.
Die Dekoration für Berlin war Paris, für Paris die Sarah
Bernhardt, deren Virtuosität das Stück gewidmet ist. Wirklich ein
echtes Dekorationsstück, das stets sich selbst vor seiner Wirkung

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vergessen läßt.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 106f.


Bei dem Stück handelt es sich um das im Berliner Lessing-Theater aufgeführte Stück von Victorien Sardou Gismonda (deutsche Fassung Ghismonda).

Die Hauptfigur bei den Pariser Aufführungen wurde durch Sarah Bernhardt dargestellt.