Die Porträtkunst

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40. Die Porträtkunst

ist im Januar ziemlich reich in Berlin vertreten gewesen. Die interessantesten
Erscheinungen sind wohl der in London lebende
G. Sauter und der Bildhauer H. Hahn aus den "24", der zum ersten
Male vor das Berliner Publikum tritt. G. Sauter wirft seine

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Gestalten und Köpfe etwas flach, aber mit ungemein feiner Charakteristik
auf die Leinwand. "Die Freunde" ist ein lebensvolles,
in sich geschlossenes Bild, das man nicht vergessen wird. Es ist
eine so intime Kunst, die sich so gar nicht an den Zuschauer zu
wenden scheint. Man hat das Gefühl: die beiden werden weiter

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über ihre häuslichen Sorgen oder dergl. reden, das Kind wird sein
Bilderbuch weiter ansehen, auch wenn man schon lange fort ist.
Und dann werden die Männer vielleicht aufstehen, der eine wird
sich verabschieden, der andere seinem Kindchen übers Haar
streichen... Auch in der schlanken, weißen Mädchengestalt, so

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ganz in ihrem Geigenspiel versunken, liegt jenes Imponderabile,
Stimmung genannt, in hohem Maße. Neben den geistvollen Reliefs
und Büsten H. Hahns zeigen sich Joseph Block und Reinhold
Lepsius in zahlreichen Bildnissen. Beide erwecken in dem Betrachter
nicht die Empfindung, daß er eigentlich überflüssig sei,

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sondern vielmehr, daß viel an ihn gedacht und mit ihm gerechnet
werde. Rudolf Rittner z. B. scheint mit seinem halben Lächeln
jedem sagen zu wollen: Ich bin doch eigentlich ganz gut getroffen.

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G. Sauter würde ihn vielleicht gemalt haben, wie er uns den Rücken
kehrend, eine Ibsenrolle studiert. Und damit wäre er diesem
tiefen Künstler gerechter geworden. R. Lepsius ist bei gleicher
Tüchtigkeit noch konventioneller. Im Architektenhause überragte

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die temperamentvolle Olga von Boznanska die meisten ihrer
polnischen Kollegen. Endlich standen noch bei Amsler und
Ruthardt Porträts aus der guten alten Zeit Daniel Chodowieckis
zur Schau, und wenn noch das wundervolle Affenbild von Gabriel
Max in der Wilhelmstraße erwähnt werden darf, so scheinen die

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Hauptporträteure der letzten Ausstellungen alle vor uns Revue
passiert zu haben.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 115f.


Wikipedia:Olga von Boznańska