Die Schallmühle

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12. Die Schallmühle
     Ein Märchen

Es war einmal ein Mann mit so feinen Gehörsnerven, daß er auf
den Gedanken kam, die Schallwellen der ganzen Welt in allerwärts

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angebrachten Trichtern aufzufangen und mit ihnen eine
eigens dazu gebaute, kunstvolle Mühle zu treiben.
Gedacht, getan.
Nachdem er mit Hilfe eines gewiegten Fachmannes die technische
Seite der Frage erledigt hatte, begann er seine Trichter aufzustellen

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und ging dabei mit einem wahren Feuereifer zu Werke.
Überall, wo Wagen rollten, Parlamente zankten, Massen lärmten,
Glocken geläutet oder Schlachten geschlagen wurden, war er zur
Stelle; aber auch das Geflüster heimlicher Lauben, der Bienen
Summen, der Vögel Singen, der Felder, Wälder und Wogen Rauschen

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verschmähte er nicht, so daß das feine, fast unsichtbare
Räderwerk der Mühle keinen Augenblick stillstand; denn wenn
alles versagte, so redete doch immer noch ein um seinen Thron
bekümmerter Landesvater oder ein böses Eheweib, oder eine
Grille zirpte, oder ein Patriot rief im Traum noch Hurra.

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Er gewann dabei manche hübsche Erfahrung.
Den meisten Spektakel machte die Stadt Paris (denn die Amerikaner
waren wegen der weiten Entfernung ausgeschlossen); am
stillsten war es in Rußland, wo im übrigen jedem Trichter ein
staatlicher Zensor beigestellt sein mußte. In Preußen wurde die

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Aufpflanzung der Trichter zwar im Prinzip nicht beanstandet,
doch von der gleichzeitigen Aufpflanzung einer Reihe von Tafeln
abhängig gemacht, auf welchen die Untertanen angewiesen wurden,
was sie angesichts dieser Trichter zu tun oder zu lassen hätten,
wofern sie nicht mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt geraten

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wollten. Die Stadt Nürnberg erklärte, sie hätte an ihrem eigenen
Trichter genug, während Wiesbaden sich deren drei erbat, wovon
einer ganz allein vor den Dichter Lauff hingestellt wurde.
Das war nun alles ganz schön und gut, - aber nun mußte man
doch auch Korn zum Mahlen haben. Es mußte eine Getreideart
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aufgefunden werden, so fein, daß sie in dieser Schallmühle gemahlen
werden konnte.
Es wurden demnach Leute in Erfahrung gebracht, von denen die
Rede ging, sie könnten das Gras wachsen hören, und dieselbigen

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befragt, ob sie nicht vielleicht auch Getreide wachsen hören
könnten, indem man ihnen das so Gehörte sodann gegen gutes
Entgelt abzukaufen geneigt wäre. Die Herrschaften erklärten
einstimmig, aber mit scheelen Blicken aufeinander, daß, wenn
einer schon Gras höre, er Getreide erst recht hören könne, und

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versprachen, binnen Jahresfrist wiederzukommen und die Säcke
ihrer Weisheit vor der Schallmühle abzuladen; was denn auch
geschah, dem Erfinder und Besitzer derselben aber nur neue Sorge
und Verlegenheit brachte.
Denn nun mußte jemand gefunden werden, der aus dem wunderlichen

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Mehl Brot backen konnte, und der fand sich natürlicherweise
lange nicht.
Endlich kam man einem Prinzeßchen auf die Spur, von dem es
hieß, daß es aus Mondstrahlen seidene Tüchlein spinnen könnte
und die zartesten Finger besäße, die je an eines Menschen Hand

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gesehen worden seien.
Das Prinzeßchen ließ sich denn auch durch vieles Bitten bewegen,
auf geraume Zeit des Schallmüllers Gehilfin zu werden und
fing rüstig an, darauflos zu kneten und zu backen, ein Brot nach
dem andern und einen Kuchen nach dem andern, bis es wohl an

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die hunderttausend und mehr waren und der Meister nicht anders
als zufrieden sein konnte.
Aber nun kam eine neue Not.
Da nämlich viele tausend Brote, aufeinandergelegt, erst die Dicke
von Florpapier erreichten, so mußten nun wieder erst Menschen

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oder Völker gefunden werden, welche zum Essen dieses Brotes
tauglich und willig sein mochten.
Von einem Handelsmann, der just des Weges fuhr, ward man
zufällig daran erinnert, daß die Norweger ein sogenanntes Flachbrot,
die Schweden ein sogenanntes Krachbrot und die Juden das

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bekannte dünne Osterbrot oder Matze äßen, und beschloß, sich
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zunächst an diese drei Volksstämme zu wenden. Man berief daher
einen Schweden, einen Norweger und einen Ebräer und legte
ihnen die Frage vor, ob sie wohl dächten, daß mit dem Schallbrot
nach ihren Ländern ein lohnender Handel getrieben werden könne.

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Der Schwede glaubte die Frage höflich aber bestimmt verneinen
zu müssen, indem er sich im Hinblick auf die anmutige
Zuhörerin der größten Artigkeit befliß; der Norweger brummte,
wenn sie sich einen schlechten Spaß mit ihm erlauben wollten, so
werde sich zeigen, daß er ein Nachkomme Harald Haarfagers sei;

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und der Ebräer, ein alter Fuchs mit einem so langen und roten
Barte, daß er seine Hände in ihn wie in einen Muff stecken konnte,
wehrte ebenfalls, mit beiden Handflächen, die Einfuhr in sein
Land ab; - aber, fuhr er fort, wenn man ihm die Prinzessin als
Braut zugelobte, so wolle er sehen, was sich tun ließe und bis übers

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Jahr ein Absatzgebiet ausfindig machen; wozu er listig mit den
Augen blinkerte: denn er war ein alter Zauberer und seiner Sache
schon sicher.
Als das aber die beiden andern sahen und hörten, entbrannten sie
mit einem Male und riefen, sie würben gleicherweise um die

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Schöne, und der solle sie bekommen, dessen Suchen am ersten
von Erfolg gekrönt sein würde.
Die Prinzessin, die nun doch schon einmal in das Räderwerk der
Schallmühle geraten war, ging auf das inständige Drängen ihres
Herrn, des Schallmüllers, darauf ein; worauf sich alle drei allsogleich

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auf die Wanderschaft machten.
Der Norweger begab sich, wackerer Landesgewohnheit folgend,
unverweilt auf eine Fahrt nach dem Nordpol, dessen noch unentdeckte
Bewohner ihm in seinem Liebeswahn als die geborenen
Förderer und Vertilger des neuen Brotes erschienen; der Schwede

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eilte zu seinem berühmten Landsmanne Hedin, um ihn zu einer
Reise ins Innere Afrikas zu bereden, wo, nach Herodot, der
Stamm der Pygmäen hausen sollte; nur der Jude setzte die Hotels
und Bahnverwaltungen nicht weiter in Nahrung, indem er sich
einfach in einem nahegelegenen Orte ein stilles Dachzimmer

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mietete und dort, bei verhängten Fenstern und unter Aufstellung
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und Verbrennung allermöglichen Geheimmittel und wunderkräftigen
Stoffe seinen Hokuspokus zu üben begann. Sein Plan war
nämlich, die Geister und Gespenster zu beschwören und ihnen
nach dem fabelhaften Brote den Mund wässerig zu machen;

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denn er war sich ihrer großen Neugier und Einfalt wohl bewußt
und dachte daraus, ohne wie die andern sein Leben aufs Spiel zu
setzen, seinen Nutzen zu ziehen.
Nachdem er etwa ein halbes Jahr scheinbar vergeblich gebraut
und gebrodelt hatte und seinen roten Bart von all den Dämpfen

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und Säuren schon hatte fast gelb werden sehen, tauchte plötzlich
eines Nachts ein Geist nach dem andern auf und bat mit beweglichen
Worten und Gebärden, ihn doch nicht länger so zu quälen
und nicht in einem fort, seit nun schon sechs Monden, nach seinesgleichen
zu rufen.

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Der Alte faßte sich sogleich und fing an, von einer seltsamen
Entdeckung - die er noch nicht näher bezeichnete - zu schwatzen,
welche er dem Geisterreich mitzuteilen für seine heilige
Pflicht halte, weil er gewiß sei, daß es ihm dort ewig gedankt
würde.

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Er könne ja freilich, wenn sie ihre Ruhe so über alles liebten, auch
ebensogut schweigen.
Aber nun ließen die schattenhaften Gesellen ihrerseits nicht locker,
so daß er bald mit seinem Schallbrote herausrücken konnte,
wenn er sich auch wohl hütete, den Standort der Mühle zu verraten.

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"Du hast" - sprach einer der Geister zu ihm - "uns mit deiner
Nachricht fürwahr einen außerordentlichen Dienst erwiesen.
Denn wir sind die hungrigsten Mäuler der Welt geworden, seit
man aufgehört hat, unsere Grabstätten mit dem zu versehen, was

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uns auch im Leben das Liebste war, nämlich ein fetter Imbiß und
ein herzhafter Schluck dazu. Ach, was hat man uns in früheren
Zeiten alles mitgegeben, wie wurden unsere Hügel regelmäßig
mit Schinken, Fischen, Kuchen, Metkrügen und dergleichen leckeren
Dingen bestellt, wie überbot man sich in Aufmerksamkeiten,

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indem man uns unsern Regenschirm, unsere Gummischuhe,
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die Leibflasche, ein Spiel Karten, unser Pfeifchen, unser Feuerzeug,
ja sogar unser Pferd oder Schiff mit ins Grab legte!"
"Ihr wollt also" - sprach der Alte - während alles wehmütig
seufzte, "jene geheimnisvolle Mühle kennen lernen. Nun wohl,

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stellt Euch drei Mitternächte nach dieser am nächsten Kreuzweg
im Osten des Fleckens ein, so werde ich Euch meine Bedingungen
machen und Euch, sofern Ihr auf sie eingeht, zu meinem Freunde
dem Schallmüller und seiner schönen Bäckerin, meiner hochadeligen
Braut, geleiten."

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Kaum aber, daß der schwefelbärtige Fuchs dies gesagt hatte, geschah
ein Sausen und Pfauchen und brachte die Schatten in wilde
Verwirrung.
Es war der Nordpolfahrer, welcher soeben im ewigen Eise erfroren
war und nun, als Geist, seinem noch lebenden Rivalen an die

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Kehle fuhr. Er durchkältete im selben Augenblick das ganze Gemach,
so daß seine Gefährten laut klapperten und schnatterten
und selbst den unerschrockenen Ebräer eine Gänsehaut überlief.
"Erfahret denn", - rief der Verewigte - "daß es dieses Mannes
und seiner Bedingungen gar nicht bedarf; denn ich selbst kenne

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das Ziel der Reise und werde Euch ungesäumt dahin führen."
Der Alte gab das Spiel bereits verloren, als abermals ein Brausen
und Pfauchen entstand, diesmal aber, als ob ein Strahl heißen
Dampfes das Gemach durchzischte.
Es war der Afrikareisende, welcher soeben auf einem Festessen

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der Suahelis verspeist worden war und nun seinerseits als seliger
Geist in die Situation eingriff. Er ließ sich zunächst von seinem
Stammverwandten Auskunft erteilen, und wie sie beide miteinander
sprachen, gab der eine von seiner Wärme, der andere von
seiner Kälte ab, so daß sich nach und nach die Temperatur wieder

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ausglich.
Der Schwede war indessen immer noch genug Schwede, um dem
derben Richterspruch des andern eine, wenn auch nicht minder
ernste, so doch weit gefälligere Form zu geben. Er setzte dem
alten Zauberer auseinander, daß es sozusagen eine Anstandspflicht

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für sie sei, ihn auf ihrem Zuge nach der Schallmühle
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mitzunehmen. Es wäre der größte Undank, wenn sie ihn jetzt
allein ließen und die Früchte seiner Mitteilung allein ernteten.
Dabei faßten sie ihn allesamt bei seinem mächtigen Bart und
entführten ihn durch die Lüfte, wo er denn bald sein Irdisches

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verlor und von Grund aus einer der ihrigen wurde.
In der Schallmühle - oder vielmehr der daranstoßenden Bäckerei
- herrschte in dieser selbigen Nacht ein arges Rumoren.
Dazu heulte der Kettenhund, und die Hauskatze kratzte an der
verriegelten Tür, bis die Prinzessin gegen Sonnenaufgang aufstand

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und das arme Tier herausließ. Aber wie erschrak sie, als sie in die
Vorratskammer eintrat und sämtliche Brotbretter, deren Boden zu
bedecken sie jahrelang gebacken hatte, im Strahl der aufgehenden
Sonne glänzend blank und leer und unschuldig daliegen sah, als
hätten sie sich nie unter der Last der Schallbrote vor verhaltenem

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Lachen gebogen. Als sie noch so stand und dabei wie unbewußt die
jungen Sonnenstrahlen durch die Finger laufen ließ, kam auch der
Müller hinzu und übersah mit einem Blicke die Bescherung. Zugleich
aber sah er noch etwas anderes, wofür ihm bisher in seinem
Mehlstaub die Augen noch niemals klar genug geworden waren.

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Wie nämlich das Prinzeßchen in seinem Morgengewande so vor
ihm stand und unversehens ein wunderliebliches Sonnenstrahlentüchlein
zusammennestelte, erschien sie ihm mit einemmal
ein stattliches Jungfräulein geworden und schöner als alle Schallmühlen
der Welt.

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Er trat ganz in die Kammer hinein, und nun erst wurde das Mädchen
seiner gewahr. Blitzschnell hob es das Goldgeweb vor sein
Antlitz, wie ein Tränentüchlein, hinter dem es den großen
Schmerz um die gestohlene Herrlichkeit verbergen wollte.
Der Müller aber sah gar wohl, daß ihre Augen dahinter voll innerlichster

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Schalkheit lachten, und eh sie noch wußte wie, hatte er sie
auch schon mitten durch das Schleierlein auf den roten Mund
geküßt, - worauf denn alsobald Hochzeit gehalten, das Mühlrad
gestoppt und aus jedem Trichter eine Trompete gemacht wurde.
Darauf gingen sie über die Berge, und niemand hat sie je wieder

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gesehen.
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Wenn du aber eines tauigen Abends oder Morgens durch Wald
und Feld streifst und an Gras und Strauch glitzernde Tüchlein
hängen und wehen siehst, so wisse, daß niemand anderes als die
kleine Prinzessin oder eines ihrer Kinder in dieser Gegend weilt,

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und hüte dich wohl, ihre holden Gebilde aus Licht und Luft mit
rauher Hand zu berühren.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
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