Die Zirbelkiefer

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Die Zirbelkiefer sieht sich an
auf ihre Zirbeldrüse hin;
sie las in einem Buche jüngst,
die Seele säße dort darin.

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Sie säße dort wie ein Insekt
voll wundersamer Lieblichkeit,
von Gottes Allmacht ausgeheckt
und außerordentlich gescheit.

Die Zirbelkiefer sieht sich an

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auf ihre Zirbeldrüse hin;
sie weiß nicht, wo sie sitzen tut,
allein ihr wird ganz fromm zu Sinn.



Anmerkung

"Nach Descartes, der dem mystischen Dualimus des Plato die
weiteste Geltung verschaffte, sollte das eigentliche Wohnzimmer
im Gehirn (- der Klaviersalon -) die Zirbeldrüse (Epiphysis oder
Glandula pinealis) sein, ein dorsaler Teil des Zwischenhirns (der

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zweiten embryonalen Hirnblase). Diese berühmte Zirbeldrüse ist
von der vergleichenden Anatomie neuerdings als das Rudiment
eines unpaaren (bei einigen Reptilien noch heute tätigen) Sehorgans,
des Pinealauges, erkannt worden". (Ernst Haeckel, Die
Lebenswunder).

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Für Ernst Haeckel ist: das wahre "Seelenorgan" - das Phronema
Vielleicht würde es auch für die Zirbelkiefer das Phronema
gewesen sein, wenn sie statt des Cartesius die "Lebenswunder"
gelesen hätte. Aber diese Bäume sind eben verdammt
konservativ. Und dann - es kommt ihnen wenig drauf an,

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nach welcher Theorie sie sich selbst als Kunstwerke bewundern
dürfen. Nur dem Menschen ist solches nicht gleichgültig: Er
würde jeden verachten, dem heute noch nach Descartes "fromm
zu Sinn" werden wollte. Er braucht durchaus seinen Bölsche.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 3, S. 183f. und 312
Vertont von
Karl-Josef Müller | Alfred Uhl
Illustriert von
Klaus Ensikat | Fritz Huhnen