Diem Perdidi

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1. Diem Perdidi
(Aus dem Tagebuch eines Menschen)

Es ist Mitternacht. Fahles Mondlicht fällt in schrägen Streifen
auf den Boden meines Zimmers und schiebt sich langsam nach

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der gegenüberliegenden Wand. Die alte Schwarzwälderuhr hebt
an zwölfmal zu schlagen. Aber schon nach wenigen Rufen stößt
der die Stunde kündende Vogel einen lang gedehnten, in der Mitte
ersterbenden Schrei aus - es herrscht Totenstille.
Das Gewicht, das ich vergessen habe, aufzuziehen, ist schwer auf

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dem Boden aufgestoßen.
Es mag wohl sein, da dieser Vorgang sich in meine Träume verwoben
hat; jedenfalls erwache ich in dem Augenblick, als der mitternächtliche
Ruf der Uhr abbricht, mit der fürchterlichen Empfindung,
als sei ich in einen Abgrund hinabgeschleudert und beim Versuch

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zu schreien von der Wucht des Luftdruckes erstickt worden.
Ich sehe verstört in den halbdunklen Raum, ohne mich selbst im
Wachen von der entsetzlichen Vorstellung ganz losmachen zu
können. Träge schleicht das Mondlicht bis zur Hälfte der Wand
hinauf, die Landschaft des alten Kupferstiches zu wunderlichen

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Gebilden verzerrend.
Wem naht nicht oft in einsamen Nächten die wilde Jagd der Sorgen
und Zweifel, wem knien nicht Reue und Verzweiflung zu Häupten
und beugen sich mit heißem Odem über die fiebernde Stirn?
Dem Glücklichen nicht - dem nicht!.. Aber wer ist glücklich?

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Wer ist glücklich..........
Die Mondstrahlen sind im Begriff den alten Stich zu verlassen
und zittern nur noch auf dem weißen Rand des Gemäldes. Dann
und wann nimmt eine außen vorüberziehende Wolke die blendende
Helle hinweg.

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Warum kann ich das Auge nicht wegwenden von dem schwarzen,
gespenstisch beleuchteten Bilde? Meine aufgeregte Phantasie
schafft tausend wirre Gestalten.
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Tausend - und doch nur Variationen einer einzigen, die immer
deutlicher wiederkehrt, immer plastischer mir entgegenschwillt.
Das sind nicht mehr Wald und Wolken - das ist ein düster
zurückgeworfenes Haupt mit im Sturmwind flatternden Flechten!

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Das ist kein Spiel der Mondstrahlen mehr - das ist ein Arm,
der sich emporreckt über den Rahmen hinaus - bleich, starr,
drohend!
Ich drehe den Kopf nach der andern Seite. Schlafen - vergessen!
Habe ich denn Grund unruhig zu sein? Ich grüble nach, ich

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durchforsche mich, durchforsche mein bisheriges Leben. Was ist
es gewesen? Ein Hintaumeln durch eine Welt, deren inneres Wesen
mir stets fremd geblieben, ein lüsternes Nippen, ein mürrisches
Entsagen, ein gleichgültiges Vegetieren, hier und dort ein
kurzes Aufflammen - dann wieder lange Zeiten, von denen ich

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nur sagen kann: ich habe sie durchlebt. Kein Streben, kein leitender
Grundsatz. Nichts Eigenartiges - flacher Genuß, halbe Zerstreuung
- kein Ernst, keine Lebensauffassung.
Friedlos werfe ich mich wieder auf die andre Seite - das Bild -
das Bild -

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Ich richte mich halb auf - das ist keine Täuschung - liege ich im
Fiebertraum? ... Meine Stirne glüht - aber die Hand ist eiseskalt.
So kalt wie jene körperlose Hand dort oben, die - wie einst jene
Flammenhand dem Belsazar - mit bleichen Buchstaben in die
Finsternis den Text meines Daseins schreibt - diem perdidi - und

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wohin ich blicke: überall, wie eine Grabschrift, wie ein feuriges
Mal, das mir auf Leib und Seele brennen soll - diem perdidi!
Den Tag - den Lebenstag verloren!
Ich schlage die Hände vors Gesicht - - -
Wie lange ich so gelegen, weiß ich nicht; ich entsinne mich nur,

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daß der Mond nach und nach verschwand und das Gemach in
tiefem Dunkel zurückließ, aus dem es erst wieder die blassen
Lichter des neuen Tages erlösten.
Des neuen Tages -

Juni 1892
Christian Morgenstern

 

 

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Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 4, S. 15ff.