Dort liegt die Welt. Wohlan! So miß sie klar. (o. T.)

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Dort liegt die Welt. Wohlan! So miß sie klar.
Sie schmerzt dich oft unendlich noch - nicht wahr?
Das tut sie. So und so. Du taugst noch nicht.
Eh' sich die Welt nicht wie die Welle bricht

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an deiner Brust als wie an Stein, hast du
nicht vor der Welt, nicht vor dir selber Ruh.
Gleichgültig wie der Marmor mußt du stehn,
an dem die Fluten auf- und niedergehn,
aus blasser Kühle spiegelnd ihren Schwall,

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dein Herz in eine Urne aus Kristall
dahinter wahrend, jenem Aug' allein,
der Stein und Glas durchdringt, nicht Glas und Stein.

Doch willst du ganz gesichert sein, zerbrich
den Stein wie den Kristall. Ergieße dich!

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Sei, was dir wehtut, werde, der dich schlägt,
sei das, was ihn wie dich im Schoße trägt.
Doch spür's! Und wenn nun dies nicht gar das Ärgste ist -
wenn du in Stein und Glas dir selbst in Sünde bist?
Was hilft dir wider dich? Hör zu: Dies, daß du weißt:

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Kein Wunsch hilft dir von dir, daß du ein andrer seist.
Du bist, der du sein mußt, so sehr du anders meinst.
Es ist auch nichts als Muß, wenn du dies Muß verneinst.
Auch wenn ums Muß du weißt, ist dies ein Müssen nur;
auch dies "Hör zu!" gehört ins Wachstum der Natur.

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Wie könnt' ich denken so, wenn vor mir nicht gedacht,
wenn vor mir nicht der Mensch, der Ball, die Welt.
Das ist der Sinn von "Liebe deinen Feind",
dass du und er sind innerlichst vereint.
Er tut dir nichts, was du nicht selbst dir tust,

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da er in dir ruht, wie in ihm du ruhst.

 

 

Lyrik | Gedichte aus dem Nachlass Teil 6
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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 657f.