Drei Vorreden

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Für die Zeitschrift Jugend. 1896


73. Drei Vorreden
     Historische Dokumente, zusammengestellt von
     Christian Morgenstern

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I. Vorrede zur ersten Auflage


Euch, meine lieben deutschen Brüder und Schwestern, sei mein Buch* voll
besten Vertrauens in die Hände gelegt. Ein gut Stück Sonne ist d'rin
eingefangen, und so Ihr nicht allzu hastig, sondern mit kurzen, prüfenden
Schlücklein den Becher ausschmecket,, den ich Euch kredenze, so wird Euch

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mein Wein ein fröhliches Feuer im Blut anfachen und in allen Grüblein und
Fältlein die Schalkgeister aufwecken, die sich da in unsern trüben Läuften
versteckt und verschlafen haben.
Denn glaubt's Euch nur selber! Ihr könnt noch lachen, ob Ihr gleich meint,
's müßt ein jeder heut mitgreinen mit dem Elend des andern, 's wär' ein

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Verbrechen, ein frei frisch Lied singen, während über der Gass' drüben dem
Leben geflucht wird und rings im Land kein End' ist des Jammerns und
Anklagens.
Eure Mit-Tränen machen's nicht besser, sondern schlechter. Daß ihr die
Arm' rührt und bess're gemeine Läufte zuschafft, das tut not. Daß

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Ihr helft und zusprecht, wo Ihr könnt, des muß Euch allstunds Euer Menschenherz
mahnen. Aber mit trüben Gesichtern herumgehn und die
Stimm' dämpfen, und den Frohsinn und Leichtsinn verketzern, das macht

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* Des "Lustigen Buchs" des Lichtwar Gelasius. (Wer Lichtwar Gelasius'
Schriften kennt, wird wissen, daß er, zumal wenn es ihm warm um's Herz wurde,
gern einen altertümelnden Ton anschlug, gleich als hätte sein "kindsfröhlicher"
Humor nach vertraulicheren und naiveren Ausdrucksmitteln gesucht, als sie ihm
unser glattes, förmliches Hochdeutsch zu bieten vermochte.)

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die Welt nur noch düst'rer und führt uns're Weg immer tiefer in's Jam-
mertal, denn aus ihm heraus.
Freud' und Kraft und Gesundheit und ein spöttisch Sichwegschwingen
über den Eintag kann auch anstecken, so gut wie Verzagung und Wehklagen

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und Weltverfluchen. So hab' denn auch ich mich nicht um der gemeinen
Trübsal Willen in Sack und Asche gehen heißen, sondern mein kindsfröhlich
und spottlustig Gemüt frank sein Wesen lassen austoben, daß oft
eine große Narretei herausfährt und kein acht ist aller ehrbaren, großwürdig
ernsten Zipfelmützer und Kuttengänger, noch was sich sonst irgend unter

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Masken und Gewanden hochtuig einherträgt, ja daß oft alles Leben
gleich einem Federball herumgejagt wird, als wär' ein ausgelassen Kind
nimmer herunter in's Gras fallen.
Ach, meine lieben deutschen Brüder und Schwestern, was seid Ihr im
Grund doch für ein ernsthaftig Volk!

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Schau ich Euch nicht auf der Wiese herumsteh'n und auflegen zum Federballflug
mit einem seltsamen Gemisch von Mitlustigkeit und bösem Gewissen,
mit täppisch vergnügtem springen von einem Bein auf's ander
Bein und merkwürdigem Kopfgeschüttel, da's doch "im Grund ein so
unnütz Spiel" sei.

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Oh auf Euch metschwere Doktorer und Hängemäuler! Auf Euer vielnütz
Spiel, das Ihr da in Euern Stadtgemäuern treibt voll Hastens und Hin-
und Her-Jagens und Erraffens und Übervorteilens, voll Heuchelns und
Geldsackanbetens, und das alles ohne Freiheit im Geist, mit dem rechten
Knechtsglauben an die Wichtigkeit und das So-sein-Müssen Eurer so

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genennten Kultur.
Aber ich will Euch nicht bös machen, noch Eurer und meiner zu grausamen
Spott haben. Nur müßet Ihr nicht gleich dem afrikanischen Federvieh den
Kopf zu tief in Eure Großstadt- und Kleinstadt-Sandhaufen gesteckt halten,
sondern ein frei trotzig Antlitz zum Blauhimmel aufrecken und Euch

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kein'n Augenblick lassen die Willkür verkümmern, all und jed Ding in die
Luft zu werfen, dieweil Ihr, solang Ihr den Atem habt, Herrn seid und
Eigentümer jedweden Namens und werts, sodaß Ihr, wenn Ihr des nur
Willens wärt, allstunds möchtet die Welt umkehren und umtaufen können.
Und allsobald könntet Ihr der Rose den Namen Hund zugebieten und

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dem Hunde den Namen Rose. Könntet das Meer Land, das Land Meer,

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den Berg Tal, das Tal Berg, das Brot Essig, den Wein Grütze, das
Licht Eisen, Euch selber aber statt menschen Möpse, Kameltiere, Na-
delöhre, Hagebutten, Hosenlätze, Thurmfahnen, Irrsterne, Milwecken,
Tausendfüße oder was weiß ich benamsen.

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Obzwar sich nun darob Eure Gelahrten an den Zopf fahren und bemeinen
werden, das sei ein unwissenschaftlich Behaupten, indem kein Nam' eines
Dinges gemacht, vielmehr seit Uralt zurechtgeworden sei - so will ich doch,
daß Ihr verschlucket, was ich Euch hier 'cum grano salis' vorsetze, und Euch
auch ein eigen Kapitel dafür zum Beweis verfassen.

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Und nun ist's wohl, daß Ihr schon wieder seid heiter lachend worden,
wofern Euch überhaupt ob meines kleinen Auffahrens ein Wölklein über
die Stirn gehuscht. Wer aber etwa griesgrämig und verzürnt sich weg
gekehrt, dem sei'n auch noch drei Kreuze nachgesegnet, die er samt seinem
eignen Kreuz auf seinen Buckel durch die Welt schleppen mag.

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Die Hölle in alle Kreuzspinnen und Nachtwürmer!
Frau Sonne zum Gruß aber dem freien und frohmutigen Geistesadel deutscher
Nation!
Geschrieben anno MDCCCLXXV sub tecto.     Lichtwar Gelasius


II.
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Vorrede zur zweiten Auflage


Nachdem der bekannte Schriftsteller Lichtwar Gelasius kürzlich
ein so beklagenswerthes Ende genommen - er wurde, wie man
weiß, eines Tages buchstäblich verhungert in seiner Dachkammer
aufgefunden - glauben wir sein Andenken nicht besser ehren

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zu können, als indem wir eine zweite Auflage des "Lustigen
Buches" veranstalten. Möge der unglückliche Dichter nach seinem
Tode in seinem Vaterlande die Anerkennung finden, die ihm
zu seinen Lebzeiten das neidische Schicksal versagte.
1885            Die Verlagsbuchhandlung

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III.
Vorrede zur fünfundzwanzigsten Auflage


Lichtwar Gelasius! Wer kennte ihn nicht, den unsterblichen Poëten,
mit der lachenden Thräne im Wappen, dessen "Lustiges

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Buch" in kürzester Frist Gemeingut des Volkes der Dichter und
Denker geworden ist, - dem von seiner dankbaren Vaterstadt zu
Beginn dieses Jahres ein Standbild gesetzt, und dessen Büste
jüngst in der Walhalla feierlich aufgestellt ward? Wer wird es
demnach nicht freudig begrüßen, daß wir die 25. Auflage seines

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"Lustigen Buches", die infolge einer überaus günstigen Konstellation
gerade im Jahre der 50. Wiederkehr seines Geburtstages zu
erscheinen im Stande ist, mit Porträt und Facsimile des Autors,
sowie Illustrationen berühmter Meister versehen, als Jubelausgabe
in die Welt hinaus schicken?

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So ist denn unser Herzenswunsch:
Möge unser Gelasius im Festgewand neue Freunde gewinnen -
zu den alten Freunden!
1885            Die Verlagsbuchhandlung

 

 

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Der Abdruck der Vorreden im Band Humoristische Lyrik wird als Nr. 2 der Vorreden geführt.

 

 

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Vorreden: Galgenberg-Katechismus oder Das mystische Gesetzbuch der Begriffe | Drei Vorreden | Galgenberg | Die Geschichte | Galgenberg (Fragment einer Vorrede) | Aus einer Vorrede | Wo Geist und Torheit recht sich gattet | Entwurf einer Einleitung | Wir leben nicht mehr in der Zeit des Verfalls | Versuch einer Einleitung | Fragmente | Eine Kritikervorlage als Vorwort | Fragment I | Zur dritten bzw. ersten Auflage | Fragment II | Vorwort zur IV. Auflage des Gingganz | Zur ersten und dritten bzw. vierten Auflage | "Ein Brief als Einleitung"
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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 3, S. 285ff.
Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 196ff.