Ein Interview bei einem *

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...

3. Ein Interview bei einem *
    von Christian Morgenstern (Breslau).

Draußen geht ein Gewitter nieder; draußen vor der Laube nämlich,
in der ich, mit verschränkten Armen auf den weißen Gartentisch

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gestützt, sitze und das Ende des Wetters abwarte.
Plötzlich sehe ich auf der Tischplatte einen schwarzen Punkt,
und zwar bald als toten, bald als springenden Punkt, ich blicke
scharf hin und entdecke: es ist ein -
Bevor ich ein Wort weiter schreibe, erlaube ich mir, dem gütigen

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Leser folgende Mitteilung zu machen, aus der er entnehmen
kann, wie ängstlich ich bemüht bin, auch die geringste Unvorsichtigkeit
zu vermeiden, welche seine Ruhe und meinen Ruf
gefährden könnte.
Als mir nämlich der Gedanke aufgetaucht war, einen * zu interviewen,

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kamen mir Bedenken, es möchte vielleicht der oder jener
daran Anstoß nehmen.
Ich lud daher eines Tages die drei gewissenhaftesten meiner
Freunde ein, um ihr Urteil zu hören.
"Was meint ihr dazu", begann ich, "wenn ich nächstens ein Interview

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mit einem * veröffentliche?"
Ein überraschtes Lächeln überflog die drei ehrlichen Gesichter
und schürzte ihre Stirnfalten wie einen Vorhang, den man unten
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etwas aufhebt. Aber bald fiel der Vorhang wieder glatt herab, und
ich war so klug wie zuvor.
"Nun, was sagt ihr dazu?" wiederholte ich.
Der eine schlug sich nachdenklich mit der Rechten aufs Knie, der

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zweite räusperte sich lächelnd und schien sogleich antworten zu
wollen, der dritte zuckte mit den Achseln, tat den Mund auf und
sprach:
"Warum solltest du deine Absicht nicht ausführen? Ein * ist ein
ganz anständiges Vieh, jedenfalls im Vergleich zu Schwaben, Russen,

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Ohrwürmern und Wanzen ein Edelmann, ein grimmiger,
aber immerhin ehrenwerter Feind."
"Außerdem", fiel ihm der zweite ins Wort, "ist der * längst in die
Literatur eingeführt. Der große Humorist Fischart hat beispielsweise
sogar ein Epos über ihn geschrieben und kein Geringerer als

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Goethe hat ihn in einer köstlichen Ballade verherrlicht."
"Ja, mein Freund", rief der dritte aus, heftig mit den Händen
gestikulierend, "ich bitte dich sogar darum, über den * zu schreiben.
Denn du wirst dich doch nicht von der unehrlichen Prüderie
verwirren lassen, welche den momentanen Besitz eines * als einen

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Makel betrachtet, der durchaus nur die Folge von Unsauberkeit
sein kann? Wer dies behauptet, ist entweder ein Spießbürger, der
nie über sein Bett hinausgekommen ist, oder ein Heuchler, der ein
trauriges, aber unabänderliches Übel nicht eingestehen will. Ich
wette, es gibt keinen, der eine Reise tat, der von besagten ** nicht

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etwas erzählen kann. Allerdings kenne ich auch Menschen, die
infolge der Herbheit ihres Blutes keine Liebhaber unter den **
finden, aber das sind Ausnahmen. Ex exceptio firmat regulam."
"Meine Freunde", rief ich hocherfreut aus, "ihr habt mir nur
bestätigt, was mein eigener Sinn mir längst gesagt hat. Ich trinke

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auf euer Wohl."
Damit schloß der für den Leser wichtige Teil jenes Abends.
Ich erlaube mir nun fortzufahren:
- Floh.
"Dälolös", redet er mich mit seiner winzigen Stimme an, "das

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blibob minut bal in bledem at. Ibo himavat binom tu levemik."
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"Wie?" rufe ich erstaunt aus, "du sprichst die Schleyersche Weltsprache?"

"Si, si", erwidert er, "volapükob."
"Ich gestatte dir, eine Minute in dieser Laube zu bleiben. Denn

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der Regen ist wirklich zu stark. Aber dann - hinaus!"
"Etävob -"
"Halt!" sage ich, - "das Volapük ist eine schöne Erfindung -"
"Si, si!" jubelt er und macht einen Luftsprung.
" - Aber nicht für Flöhe."

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Er macht einen Satz rückwärts.
"Denn mit euresgleichen muß man deutsch reden."
Ich sehe, wie er die Achseln zuckt.
"So will ich mit dir auch deutsch reden!" ruft er plötzlich, springt
mir auf die Hand, zieht blitzschnell sein Messer und sticht es mir

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tief ins Fleisch, da wo es am wehesten tut.
Aber ehe er noch das Messer wieder herausziehen kann, habe ich
ihm schon den Mittelfinger der anderen Hand aufs Haupt gelegt
und walke ihn hin und her: "wu...zeln" nennt dies mein lieber
Onkel Anton; und wenn er dieses Wort "wuzeln" ausspricht, so

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verklärt ein Lächeln innerster Befriedigung seine Züge, und seine
Augen leuchten in jenem süßen Triumphgefühl, das uns erfüllt,
wenn der Feind, der uns das Leben vergällt hat, endlich in unserer
Gewalt ist.
Nach einer Weile merke ich, daß er ohnmächtig geworden ist,

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und entferne vorsichtig den Finger. Ermattet, schier leblos, stürzt
er ab, auf die Tischplatte.
"Wirst du mich töten?" stöhnt er leise. "Es heißt doch: du sollst
nicht töten."
"Du bist so witzig als tollkühn", entgegne ich, "drum werde

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ich dir unter der Bedingung das Leben schenken, daß du mir
auf alles, was ich dich frage, Red' und Antwort stehst. Ich wünsche
Aufschluß von dir über eure staatlichen, religiösen, sittlichen
Anschauungen und Einrichtungen, sowie über eure Lebensgewohnheiten
und die Art, wie ihr euren Unterhalt erwerbt."
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"Gern!" sagt er, und etwas wie müder Stolz zuckt dabei um seine
Lippen.
"Wir sind die Zigeuner unter den Tieren", beginnt er, "obdachlos
schweifen wir umher; überall ausgewiesen, verfolgt, gehaßt, kampieren

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wir heute zwischen den Zehen eines deutschen Mopses,
morgen reisen wir als blinde Passagiere auf dem Rücken eines
polnischen Juden nach Rußland, übermorgen im Handschuh einer
französischen Gräfin per Schnellzug nach Paris: Der Mops
beißt, der Pole reibt, die Dame streut; jeder flucht uns, lamentiert

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über unser Dasein - ach, es ist kein flohwürdiges Dasein, und es
gehört oft die ganze Elastizität unserer Natur dazu, um nicht zusammenzuklappen.

Freilich hat dieses Leben auch wieder seine wilde Schönheit, einen
Reiz, den nur ein Löwen- oder Elephantenjäger uns nachempfinden

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kann, dem es unter tausend Mühen und Fährnissen
immer wieder gelingt, über seine weit stärkeren Gegner zu triumphieren."

"Ja", werfe ich dazwischen, "ihr könnt einen Menschen zu Tode
quälen."

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"Es ist ursprünglich nie unsere Absicht, euch zu peinigen", erwidert
er mit seinem unschuldigsten Gesicht; "wir wollen bloß anständig
leben und uns ordentlich nähren. Staub aber allein tut's
freilich nicht, man will vielmehr als ehrlicher Floh auch täglich
sein Unzchen Blut haben. Wird einem aber jeder Schluck mißgönnt

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und gestört, so wird man natürlich flohteufelswild und
kneibt nun erst recht."
"So sollte man euch wohl ruhig gewähren lassen?"
"Das wäre das Beste."
"Du hast nicht so ganz Unrecht. Ich weiß, daß, wenn man sich

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überwindet, euch nicht zu stören, selten ein weiterer Stich erfolgt.
Aber ich habe es nie ohne Augenrollen und Zähneklappern vermocht.
Geht ihr übrigens bei euren Raubzügen nach einem bestimmten
System zu Werke?"
"Wie es kommt. Am amüsantesten ist es, wenn man von der Zehe

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auf- oder vom Scheitel absteigen kann. Hierbei kann man nach
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dem sogenannten 'Spiralsystem' oder auch nach dem sogenannten
'Longitudinalsystem' den Weg zurücklegen. Das erste ist selbstverständlich
gefährlicher, aber auch weit lohnender als das zweite. Ein
drittes Verfahren nennen wir das 'Siegfried- oder Lindenblatteystem',

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welches besonders bei unseren Frauen, Kindern und Greisen
beliebt ist, da es bei der geringsten Anstrengung die größte
Sicherheit bietet. Man steigt vom Halse aus den Rückenwirbel
einige Sprossen hinab bis etwa an jene Stelle zwischen den Schulterblättern,
wo der Sage nach Siegfried verwundbar war. Dort sitzt

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man geborgen; denn die menschlichen Hände erreichen fast nie
oder nur in ohnmächtigen Verdrehungen diesen Punkt.
Das 'Diagonalsystem' endlich, welches erfordert, daß man von
dem linken Ohrläppchen bis zur kleinen Zehe des rechten Fußes,
und zurück, sodann nach Umgehung des Hinterkopfes, vom rechten

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Ohrläppchen bis zur kleinen Zehe des linken Fußes, und zurück,
den Weg zurücklege, ist so schwierig, daß es nur unseren
größten Meistern hie und da gelingt."
"Das ist ja eine ganze Wissenschaft, mein Kleiner."
"Und ob!"

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"Dabei fällt mir ein, dich zu fragen, wann und wie lange ihr
eigentlich schlaft."
"Ebenfalls ganz nach Umständen. Doch glücklich der, welcher
das 'Mutual- oder Wechselverfahren' anwenden kann. Er schläft
nachts mit seinem Opfer zusammen, nimmt von Zeit zu Zeit im

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Halbschlaf einen Schluck zu sich, verbirgt sich gegen Morgen in
den Kleidern des Betreffenden und ist somit in der Lage, sofort,
nachdem dieser aufgestanden, sein Frühstück einzunehmen,
während er nachts wieder der Genosse seiner Träume ist."
"Sage, wie kommt es, daß man euch selbst mit Insektenpulver oft

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machtlos bekämpft?"
"Es existiert da eine alte Gewohnheit unter uns. Schon die kleinen
Flohkinder werden von ihren Müttern, so oft Gelegenheit ist,
zum Schnupfen von Insektenpulver gezwungen, so daß sie schon
früh giftfest werden. Das Kapitel, wie sich körperlich und geistig

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ein Floh abhärtet, ist überhaupt ein großes."
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"Auch geistig?"
"Gewiß. Ebensowenig, wie er Müdigkeit, Schwäche, Krankheit
kennen darf, darf er Furcht, Unentschlossenheit, Skrupelhaftigkeit,
darf er Mitleid oder Reue kennen. Viel zur Erreichung dieses

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Standpunktes trägt die völlige Selbständigkeit und Unabhängigkeit
bei, in welcher wir, von Jugend auf vom Zwange irgend
welcher Gesetze frei, dahinleben."
"Ihr habt also keinen Staat?"
"Nein, wir sind Anarchisten. Chacun pour soi. Wir sind, als die

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Zigeuner, die wir sind, internationale Weltbürger. Wo sollten
auch unsere Staaten sein? Ja, wollte man uns Stöcke bauen, wie
den Bienen! Das wäre eine Lust! Denn jenes Phlegma, sich herdenweise
anzusiedeln, wie es die Wanzen, die du gewiß auch
kennst -" (ich nickte traurig) "besitzen, jene hausbackenen, philisterhaften

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Geschöpfe, fehlt uns. Und ohne eine Portion Phlegma
kann man weder Familienglück genießen, noch ein devoter Untertan
sein. Also, es lebe das ungebundene Flohleben mit seinem
ubi bene ibi patria!"
"Daher auch deine Liebe für das Volapük."

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"Gewiß. Jeder Floh spricht neben der Sprache des Landes, in dem
er geboren, noch diese sinnreiche Kunstsprache. Eine große Zeitersparnis.
Time is blood."
"Du mahnst mich zur rechten Zeit daran, mit meinen Fragen
mich zu beeilen. Nur noch eines. Sprich, wie hältst du's mit der

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Religion? Du bist wohl krasser Materialist?"
"Du beleidigst mich geradezu. Wenn du das den Wanzen sagtest,
da hätte es Sinn. Das sind pure Fleischanbeter. Aber sehen wir
Flöhe aus, als ob wir an der Materie klebten? Wir sind zwar nicht
eurer Meinung, daß die Erde ein Jammertal sei, obschon sie für

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uns manchmal eines ist, aber wir sind ebenso fest wie ihr davon
überzeugt, daß hinter dem, was wir mit unseren Flohaugen sehen
und mit unseren Flohhänden fassen können, mehr steckt, als unsere
Flohweisheit sich träumt. Diese tiefere Weltanschauung beruht
nicht zum mindesten darauf, daß wir meist unseren geistigen

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Horizont schon früh zu erweitern Gelegenheit haben. Ich
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selbst habe bereits den ganzen europäischen Kontinent bereist:
dabei sammelt man zahllose Erfahrungen und lernt die Dinge
unter ganz anderen Gesichtspunkten betrachten.
Oh, ich könnte Bücher schreiben, philosophische, belletristische,

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humoristische voll Geist und Pikanterie! Die Menschheit hat kein
Geheimnis vor mir: sie steht in ihrer ganzen Nacktheit und Wehrlosigkeit
vor mir - ich brauchte nur meine Memoiren zu schreiben,
und ganz Europa würde so rot wie ein Sioux-Indianer. Ich
könnte hunderte entlarven, deren Geheimnisse, Wünsche, Pläne

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ich in verschwiegenen Nächten gehört, ich könnte Ehen trennen
und Liebende zusammenführen, Minister stürzen und Bettler berühmt
machen, ich könnte sogar Kriege entfachen, indem ich die
geheimen Gedanken der Kabinette der Öffentlichkeit verriete -
aber ich tue es nicht. Es genügt mir das Bewußtsein, es zu können."

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"Du edler Floh!"
"Ja, du nennst mich mit Recht edel; denn vornehmes Blut fließt
in meinen Adern.
Meine Mutter gab mir das Leben in der Kniekehle eines berühmten

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Mimen, als er gerade den Ferdinand in 'Kabale und Liebe'
spielte. Es war gegen das Ende der letzten Szene des ersten Aktes:
Der Präsident : ... Halt! Holiah! Was bläst so auf einmal das
Feuer in deinen Wangen aus?
Ferdinand (schneeblaß und zitternd): Wie? Was? Es ist gewiß

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nichts, mein Vater.
Leider starb meine Mutter, wie mir später erzählt wurde, noch am
selben Abend, und zwar durch Ertrinken, am Schluß der sechsten
Szene des fünften Aktes. Sie geriet dem Schauspieler durch einen
unglücklichen Zufall zwischen Daumen und Zeigefinger und

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wurde von ihm in ein Glas Wasser geworfen -: Leuchte deinem
Vater, Luise! rief Ferdinand, und, währenddem, daß sie Millern
mit dem Lichte begleitete, trat er zum Tisch und warf Gift (d.h.
meine Mutter) in ein Glas Limonade: Ja sie soll dran! Sie soll! rief
er mit fürchterlicher Stimme, die Augen groß in einen Winkel

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geworfen. Die oberen Mächte nicken mir ihr schreckliches Ja
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herunter, die Rache des Himmels unterschreibt, ihr guter Engel
läßt sie fahren. Damit war meiner Mutter Los besiegelt.«
"Das ist traurig!" sage ich. Mir ist, als ob der Floh leise schluchzte.
"Du bist betrübt", breche ich nach einer Pause das Schweigen.

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"Ich will nicht weiter in dich dringen. Leb wohl! Ich weiß, ich
brauche nicht erst zu sagen: Auf Wiedersehen! Du kommst doch
wieder einmal des Wegs. Aber nur dann, wenn du mir versprichst,
jedesmal einen Teil deiner Memoiren mir mitzuteilen, füge ich
hinzu: 'So oft du kommst, du sollst willkommen sein'. Denn weißt

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du, trotz aller Bewunderung für dich und deine Konflöhe -: Floh
bleibt doch Floh trotz alledem!"
"Ja!" sagte er, "und bist du auch ein guter Mensch -: Mensch
bleibt doch Mensch trotz alledem!"
Und ehe ich noch aus meiner völligen Arglosigkeit erwache, sitzt

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er wieder auf meiner Hand, tut einen mörderischen Dolchstoß in
sie, springt wieder zurück und in zwei Sätzen zur Laube hinaus.
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Der gütige Leser gestattet, daß ich gleichfalls die Laube verlasse.

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
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