Ein Philosoph

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11. Ein Philosoph
     Von Christian Morgenstern.

Der alte Droschkengaul Franz, Mitinhaber der Droschke zweiter
Klasse 4007, blies noch einmal in den leeren Futtertrog, daß ihm
die Spreu um die Nüstern stob, drehte dann den Kopf nach seinem

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weißbärtigen Gefährten um und bedeutete ihm mit den
Augen, daß er mit seiner Mahlzeit zu Ende sei. Der Weißbart
schlug sogleich seine dunkelblaue Pelerine zurück, daß sie ihm in
malerischen Dreiecken über den Rücken fiel, trat mit schweren
Schritten zu Franz, band ihm den Trog ab und klopfte ihm auf die

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Schulter. Hierauf reinigte er das Gefäß am nahen Brunnen, steckte
es unter den Kutschbock und legte sich selber quer in die
Droschke.
Der Gaul schlug behaglich ein Bein über das andere und versank
in Nachdenken.

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Stoff genug hatte er dazu, denn seit einer Woche war die neue
elektrische Bahnstrecke, die an seinem Standplatz vorübergelegt
worden war, in Betrieb gesetzt, und ein Wagenzug um den anderen
stampfte dröhnend vorüber.
Der Droschkengaul Franz hatte während seiner langen Dienstzeit

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schon manches Wunderliche gesehen, aber einen fahrenden Pferdebahnwagen
ohne Pferd noch nicht. War er doch selbst einmal
bei der Pferdebahn gewesen und wußte aus eigener Erfahrung,
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wie schwer ein Pferdebahnwagen zu ziehen sei, und daß er sich
ohne Pferd kein Haar breit von der Stelle bewegen könne.
Sieben Tage lang hatte sich Franz den Kopf zergrübelt, denn die
Meinung der andern Gäule, die Pferde jener Schienenwagen liefen

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wohl im Innern derselben - der Droschkengaul Lola war nämlich
beim Karussell gewesen und erzählte, dort zöge man auch ohne
gesehen zu werden - diese Meinung vermochte er nicht zu teilen,
da er sehr wohl sah, daß die räumlichen Verhältnisse des Wagens
nirgends die Annahme eines heimlichen Pferdes gestatteten.

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Da er nun so nachdachte und nachdachte, stieg ihm plötzlich ein
Gedanke auf.
Halt! sagte er sich. So ist es! -:
Diese Wagen sind allerdings mit Pferden bespannt - wie könnten
sie sonst fahren! Aber nicht mit leibhaftigen Pferden, sondern mit

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unseren Eltern und Voreltern, die sich in ihren Grüften gelangweilt
haben und wiedergekommen sind, um als Geister den Menschen
weiter zu dienen! Und der alte Gaul stellte den linken Fuß
vor und pustete vor Vergnügen, weil er endlich die Wahrheit
gefunden hatte.

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Dröhnend fuhr soeben eine Wagenreihe vorüber. Franz nickte ihr
zu: Denn er sah seinen Großvater und seine Großmutter, die beide
im Kriege gefallen waren, vor dem Wagen einhersprengen. Mit
fliegenden Hufen jagte das Geistergespann dahin und riß die rasselnde
Kette der Wagen hinter sich her.

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Franz wandte sich nach dem Weißbart um, aber der schlief. Er
hätte ihn außerdem diesmal doch nicht verstanden, obwohl er ein
guter Mensch war. Er war jedoch kein Philosoph wie Franz. So
verschwieg Franz denn seine Erkenntnisse, indem er auch die
andern Gäule als seines Vertrauens unwürdig erachtete.

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Seit jenem Nachmittag aber hatte er keine liebere Beschäftigung,
als sich sein Leben nach dem Tode auszumalen, und wenn ihn
einmal die Gicht recht bitterlich plagte, kniff er nur die Augen
zusammen und dachte: Um so eher werde ich diesen gebrechlichen
Leib verlieren und als seliger Geist vor jenen stolzen Kolossen

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die Stadt durchstürmen!

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 4, S. 47f.