Ein Symbolist in Berlin

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42. Ein Symbolist in Berlin

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Bei Gurlitt haben sich Anfang Februar interessante Münchener,
Brüsseler und Kopenhagener ein buntes Stelldichein gegeben,
dessen eigentümlichster Teilnehmer der Däne J. F. Willumsen
ist. "Aussicht über einen Hügel" und "Aussicht über einen See
auf Berge" sind unzweifelhaft von merkwürdiger Wirkung. Das

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Bild aber mit den Steinarbeitern ist bei aller Symbolik von so
grauenerregender Nüchternheit, daß man dem nächsten der
Kerle die Haue entreißen und es in Stücke schlagen möchte, gesetzt,
man hat sich vorher nicht schwach an der Erklärung gelacht,
welche also lautet: "Männer brechen Steine von einem

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Berge, der von einer blühenden Vegetation bedeckt ist; sie müssen
hart arbeiten, um ihr Brot zu verdienen, im Gegensatz zu den
auf den Bergen frei lebenden Tieren, die ihre Nahrung leicht finden.
In der Gemse mit den Flügeln und Schwimmfüßen sind die
laufenden, fliegenden und schwimmenden Tiere in einem Wesen

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vereinigt.
Das Bild enthält also den Gegensatz zwischen der stolzen lebensfrohen
Freiheit und der erzwungenen drückenden Arbeit.

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Für die Steinbrecher ist derselbe Typus gewählt, um zu zeigen,
daß ihr Leben einer einzigen Maschine gleicht.
Die Gemse ist auf eine vergoldete Metallplatte ziseliert, um so
stärker und schärfer den Gegensatz zu der gemalten Holzplatte
hervorzuheben."
Gewiß! es ist keine Kunst, etwas vielleicht Ernstgemeintes lächerlich
zu machen, aber es ist noch viel weniger eine solche, ernstgemeinte
Lächerlichkeiten zu fabrizieren. Wo ist ein einigermaßen
witziger Kopf, der sich nicht anheischig macht, in einer Woche
ein Dutzend solcher "Kompositionen" zu entwerfen? Symbolik
ist eine sehr schöne Sache: aber sie muß künstlerisch überwunden
werden. Der Gedanke muß wie ein Keim in die Muttererde
der Phantasie fallen: was da emporwächst, organisch, körperlich,
natürlich, das ist ein Kunstwerk. Wozu die drei Tierreiche in ein
Wesen zusammenkonstruieren? Diese Idee, in Böcklins Hirn gefallen,
hätte vielleicht einen Kentauren oder einen Faun gezeitigt,
der aus irgendeinem Versteck in seliger Sorglosigkeit und Da-
seinslust auf die schweißtriefenden Arbeiter hinablugt. Und doch
könnte Willumsen anregend wirken: auf einen Maler, der ein
rechter Satiriker wäre. Was hätte überhaupt ein bizarrer, heiterer
Phantast heute alles zu malen!

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 117f.


Wikipedia:Jens Ferdinand Willumsen