Ein fünfzehnter Geburtstag

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Vier Abendstimmungen
am (53.) Geburtstag
Friedrich Nietzsches

I

Urplötzlich -
durch Vorhangspalten -
der Mond...
Drunter,

5

schneehell,
der See...
Dazwischen
schwarzblaue Kluft...
Hinaus,

10

in den Nichtraum-Raum
der Myriaden Welten!
Abgrund!
Ausgrund!
Urungrund!...

15

Nicht fallen, Geist! -:
Hier!-:
Lampe, Bücher, Tintenfaß!...
O Narrheit!
Narrheit!

20

Narrheit!


II

Was wollt ihr doch
hier um mich?
Wisst, wer ihr seid?
Wer ich bin?

5

Was wandelt durch uns?
Welch Spieles Puppen
sind wir?
"Lebe! lebe!"
Ich lebe ja!

10

Auch das ist Leben,
wenn unter dem Fuße
der Feindin Finsternis
der Wurm sich krümmt
und an ihm

15

zu beiden Seiten hinauf
strebt,
züngelt,
seufzet
- - -


III

Wahrt euer Mitleid für euch,
gutherzige Menschlein!
Auch der düstersten Leidenschaft
bitterster Seufzer

5

ist köstlicher noch,
als was ihr uns bieten könntet!
In unserm Schmerz,
Zorn, Hass, Einsamsein -
wieviel glücklicher sind wir

10

als ihr!
Hinweg mit dem Leichnam,
den, trostbeflissen,
eu'r Eifer heranschleppt!
Fort mit der Mumie!

15

Was soll
den lebendigen Göttern
der tote!


IV

Und da ich nun so frei wie nur ein Mensch,
von Schönheit übervoll und hell an Geist,
so weiß ich nicht, was ich nicht zwingen sollte
in meiner Kunst gefügig Alphabet.

5

Frei, frei ! du schönstes Wort der neuen Welt,
Pass aller Unersättlichen und Glück!
Wer ermaß schon deinen Wert?
Höher, heitrer wölbst du des Helden Stirn,
stolzer stößt ihm das Herz,

10

wuchtiger wirken die Lungen ihm,
und seine Schritte
tragen geflügelt ihn über die Erde.
Keines Gottes rächender Blitz
schreckt,

15

wer selber von Flammen ein Schoß.
Lächelnd löst er den Blitz
seiner Hand -:
Mein ist er, war er von je!
Ich gab ihn dir,

20

ihm dich,
dich mir!...
Frei! ruf ich, frei!...
Und sieh, kein Echo wirft den Ruf zurück -
ins Grenzenlose warf ich ihn.

25

Fliege, mein Adler, schieße, mein Stern!
Und erst die Stunde, die mein Auge bricht,
wird dich den Kopf zerschelln und enden sehn -
am Echoschild des Tods.

 

 

Lyrik | Ich und die Welt
Einleitung: Fritz und Liese K.
Jünglings Absage | Caritas, cartatum caritas | O - Raison d'Esclave | Gebt mir ein Ross... | Frühling | Das Königskind | Leise Lieder... | Frohsinn und Jubel... | Was rufst du... | Nun hast auch du... | Winternacht | Ein Wunsch | Als ich einen Lampenschirm mit künstlichen Rosen zum Geschenk erhielt | Entwicklungs-Schmerzen | Schicksals-Spruch | Frage ohne Antwort | Wohin? | Inmitten der großen Stadt | Am Meer | Vaterländische Ode | Der einsame Christus | Der Blick | Der Wissende | Das Auge Gottes
Stimmungen vor Werken Michelangelos: Der Abend | Ein Sklave
Frühlingsregen | Abend am See | So möcht ich sterben... | Schicksale der Liebe | Casta Regina! | Prometheus | Hymnus des Hasses | Wenn du nur wolltest | Der Spieler | Im Eilzug | An Friedrich Nietzsche | Odi profanum... | An Sirmio | Auf der Piazza Benacense | Fliegendes Blatt | Übermut | Bahn frei! | Per Exemplum | ΅Ασβεστος γελως | Botschaft des Kaisers Julian an sein Volk | Auf mich selber | Übern Schreibtisch | Vor alle meine Gedichte | Wir Lyriker | Pöblesse obligée | Einigen Kritikern | Kriegerspruch | Herbst | Ein fünfzehnter Geburtstag | Und so hebe dich denn... | Die Kinder des Glücks | Gefühl | Bei einer Sonate Beethovens | Vor die vier Sätze einer Symphonie | Kinderliebe | "Aber die Dichter lügen zu viel" | Glück | Macht-Rausch | Präludium | Wo bist du... | Gleich einer versunkenen Melodie... | Gesellschaft | Lieder! | Ewige Frühlingsbotschaft | An Mutter Erde
Aus einer Liedergruppe: Feierabend | Volkslied | Geheime Verabredung | Erntelied | Der Abend | Nachtwächterspruch | O Friede!
Erden-Wünsche | Eins und Alles | Ob sie mir je Erfüllung wird | Künstler-Ideal | An meine Seele | Mondstimmung | An die Wolken | Vor Strindbergs "Inferno" | Ne quid nimis | Quos ego! | Natura abundans | Du trüber Tag... | Konzert am Meer | Der freie Geist | Nur wer... | Die Luft ward rein... | Aus Religion | Ja trutze nur... | Morgenstimmung | Weiße Tauben | Allein im Gebirg | Abendpromenade | Görlitzer Brief | An die Moral-Liberalen | An N. | An ** | An denselben | Lebensluft | Stilles Reifen | Mensch Enkel | Abendläuten | Oh zittre mir nicht so... | Lebens-Sprüche | Was mir so viel vom Tage stiehlt... | Wohl kreist verdunkelt oft der Ball... | Singende Flammen | Moor | Nächtliche Bahnfahrt im Winter | Dunkle Gäste | Begegnung | Dunst | Ohne Geige | Venus Aschthoreth | Reine Freude | An die Messias-Süchtigen | Ersehnte Verwandlung | Mitmenschen | Die russische Truhe | Vorfrühling | Thalatta! | Zum II. Satz (Andante con moto) von Beethovens Appassionata | Eine junge Witwe singt vor sich hin | Mir kommt ein altes Bergmannslied zu Sinn | Du dunkler Frühlingsgarten...


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 251ff.