Entwicklungs-Schmerzen

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Ich werde an mir selbst zugrunde gehn.
Ich, das sind zwei, ein Möchte sein und Bin, -
und jenes wird zum Schlusse dies erwürgen.
Das Möchte sein ist wie ein rasend Ross,

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an dessen Schweif das Bin gefesselt ward,
ist wie ein Rad, darauf das Bin geflochten,
ist wie ein Mönch, der sich den Leib zerdornt,
wie eine Furie, deren Finger sich
in ihres Opfers Haar verstricken, wie

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ein Vampir, der am Herzen sitzt und saugt
und saugt...
Wohl wie ein Gott auch, der emporziehn will,
oder ein Weib, aus dessen Augen es
dem Wanderer entgegenlockt, und das

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der atemlose Narr doch nie erreicht.
So sieht mein Ich von innen aus, von außen
ein Haus wie andre, hell die Fenster manchmal,
doch öfter dunkel. Stoß die Tür auf! schau
die schöne Eh' von Bin und Möchte sein!

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Schaut nur hinein und ruft bedauernd ach!
und weh! und, wenn's euch leichter macht, auch pfui!
Bin ich nicht Dichter? Hab ich nicht das Vorrecht -
oh welch ein Vorrecht! - jedem frechen Auge
die Räume meiner Häuslichkeit zu zeigen?

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Hört doch mein Pathos, das euch jeden Winkel
beschreibt und tut, als hätt es just zum Zweck,
ihn euch als Sehenswürdigkeit zu preisen.
Ist's Eitelkeit, die mich zum Cicerone
der eignen Seele macht? ist's Geiz nach Ehre?

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Mangel an Scham, an Stolz, an Wert, an Tiefe?
Das alles ist's wohl auch, doch ist's noch mehr.
So etwas noch wie Rachsucht, Grausamkeit,
Blutgierde, Hass, Verachtung wider mich selbst,
so etwas, das nicht hat, was es erlechzt,

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ein Durst nach Macht, der, ungestillt, verzehrt,
das War' ich! vor der kalten Sphinx Ich bin.
Ja, darum führ ich euch herum in mir,
weil ich mir selbst damit das Herz zerreiße,
mich selbst erniedre und zum Schwätzer mache;

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es tut so wohl, wenn man den stumpfen Schmerz
laut bluten lässt aus aufgerissnen Wunden.
Und dann: Ihr seht ja nur das Blut und nicht
das Herz, daraus es stammt! Es lacht vielleicht,
wenn ihr des Blutes Färbung düster findet,

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und weint gewiss, indes ihr wähnt, es lacht.
Wohl lud ich oft euch in mein Haus, - allein
die Dielen haben Doppelböden, Spiegel,
dreht man sie um, sind Türen insgeheim,
und im Getäfel schlafen weite Truhen.

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Ihr wisst gar nichts . Und ob ich mich verlöre
in einen Strom von Worten! Werft euch lüstern
in diesen Strom! Da fließt er. Er gehört euch. -
Ich werde an mir selbst zugrunde gehn.

 

 

Lyrik | Ich und die Welt
Einleitung: Fritz und Liese K.
Jünglings Absage | Caritas, cartatum caritas | O - Raison d'Esclave | Gebt mir ein Ross... | Frühling | Das Königskind | Leise Lieder... | Frohsinn und Jubel... | Was rufst du... | Nun hast auch du... | Winternacht | Ein Wunsch | Als ich einen Lampenschirm mit künstlichen Rosen zum Geschenk erhielt | Entwicklungs-Schmerzen | Schicksals-Spruch | Frage ohne Antwort | Wohin? | Inmitten der großen Stadt | Am Meer | Vaterländische Ode | Der einsame Christus | Der Blick | Der Wissende | Das Auge Gottes
Stimmungen vor Werken Michelangelos: Der Abend | Ein Sklave
Frühlingsregen | Abend am See | So möcht ich sterben... | Schicksale der Liebe | Casta Regina! | Prometheus | Hymnus des Hasses | Wenn du nur wolltest | Der Spieler | Im Eilzug | An Friedrich Nietzsche | Odi profanum... | An Sirmio | Auf der Piazza Benacense | Fliegendes Blatt | Übermut | Bahn frei! | Per Exemplum | ΅Ασβεστος γελως | Botschaft des Kaisers Julian an sein Volk | Auf mich selber | Übern Schreibtisch | Vor alle meine Gedichte | Wir Lyriker | Pöblesse obligée | Einigen Kritikern | Kriegerspruch | Herbst | Ein fünfzehnter Geburtstag | Und so hebe dich denn... | Die Kinder des Glücks | Gefühl | Bei einer Sonate Beethovens | Vor die vier Sätze einer Symphonie | Kinderliebe | "Aber die Dichter lügen zu viel" | Glück | Macht-Rausch | Präludium | Wo bist du... | Gleich einer versunkenen Melodie... | Gesellschaft | Lieder! | Ewige Frühlingsbotschaft | An Mutter Erde
Aus einer Liedergruppe: Feierabend | Volkslied | Geheime Verabredung | Erntelied | Der Abend | Nachtwächterspruch | O Friede!
Erden-Wünsche | Eins und Alles | Ob sie mir je Erfüllung wird | Künstler-Ideal | An meine Seele | Mondstimmung | An die Wolken | Vor Strindbergs "Inferno" | Ne quid nimis | Quos ego! | Natura abundans | Du trüber Tag... | Konzert am Meer | Der freie Geist | Nur wer... | Die Luft ward rein... | Aus Religion | Ja trutze nur... | Morgenstimmung | Weiße Tauben | Allein im Gebirg | Abendpromenade | Görlitzer Brief | An die Moral-Liberalen | An N. | An ** | An denselben | Lebensluft | Stilles Reifen | Mensch Enkel | Abendläuten | Oh zittre mir nicht so... | Lebens-Sprüche | Was mir so viel vom Tage stiehlt... | Wohl kreist verdunkelt oft der Ball... | Singende Flammen | Moor | Nächtliche Bahnfahrt im Winter | Dunkle Gäste | Begegnung | Dunst | Ohne Geige | Venus Aschthoreth | Reine Freude | An die Messias-Süchtigen | Ersehnte Verwandlung | Mitmenschen | Die russische Truhe | Vorfrühling | Thalatta! | Zum II. Satz (Andante con moto) von Beethovens Appassionata | Eine junge Witwe singt vor sich hin | Mir kommt ein altes Bergmannslied zu Sinn | Du dunkler Frühlingsgarten...


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 1, S. 218f.