Fiesolaner Ritornelle

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Oliven .
Erst wenn der Wind euch beugt und schaudern macht,
enthüllt ihr eure silbernen Tiefen.


Zypressen .
Dir lehrt mit nicht gemeinem Maß
die Dinge messen.


Feigen .
So sinnlich sah ich keinen zweiten Baum
Unfassbares umzweigen.


Käuzchenschreie .
Des Unglücks Bote ruft durch stille Nacht.
Wann kommt an uns die Reihe?


Mondnächte , klare .
In solchen Nächten stiehlt man nichts
denn Liebesware.


Nachtschatten .
Erinnerst du dich, fernes Mädchen, noch,
wie lieb wir uns einst hatten?


Judasbäume .
Dass ich vor euch nicht von verratner Liebe
träume!


Verfrühter Falter .
Du flogst, verwegner Geist, der Zeit voraus;
noch dämmert erst dein Alter.


Glänzende Dächer .
Im Mittagschleier ruht die Arnostadt,
ein edelsteinbesetzter Fächer.


Zwölfuhr -Schuss .
Dem Aug' blitzt Mittag schon, indes das Ohr
sich noch im Vormittag gedulden muss.


Domglocke brummt :
Aus Höhn und Tiefen keine Antwort mehr:
Mein Gott, mein Mensch sind beide längst verstummt.


Ihr sanften Hügelketten !
Umsonst versuch' ich in mein Buch zu schaun;
wer könnte sich vor eurer Anmut retten!


Eidechse .
Solang ich pfeife, hältst du still und horchst, -
doch greif ich zu, entwischst du, kleine Hexe.


Amsel flötet , Biene summt,
Frühling jubelt über allem Leben...
Mund des Glücks, du warst mir lang verstummt.


O Welt !
Wie gern genoss ich als ein Schauspiel dich,
von halber Höh', nur locker dir gesellt.


Von halber Höh ' - ein Adel, der mir passt.
So lebt' ich immer, zwischen Tier und Gott,
halb Mensch, halb Vogel, zweier Reiche Gast.


Glanzgrauer Tag .
Aus deinem Taft soll man die Flagge machen,
darin man mich dereinst begraben mag.


Der Freund schreibt :
Des Herzens unverwandte Einsamkeit,
du fühlst sie auch - und wie sie nichts vertreibt.


Mohn im Winde .
So neigen wir uns glühend geneinander, -
doch nie wird zwei zu eins - als einst im Kinde.


Efeuranke .
So reich verkleidet Trümmer und Zerfall
nur eins noch: der Gedanke.


Die Fünfuhr -Glocke ruft durch bleiche Nacht:
Wer schläft, wach' auf, und wer da wacht, schlaf ein;
so hab' ich jedem, was ihm frommt, gebracht.


Morgenhauch .
Aus Bett und Haustür ziehst du mich hinaus,
wie aus der Esse den verschlafnen Rauch.


Giottos Grabschrift von Polizian.
Zwiefacher Hauch der Vorzeit traf uns voll,
als wir im Dom die stolzen Verse sahn.


In meinem Burckhardt wühlt empört der Sturm:
So war es einst, so soll es wieder sein!
Das gafft nur, schafft nicht mehr um Giottos Turm.


Kaum mehr erhoffte Tage!
Mit dreißig Jahren fand ich eine Stadt,
zu deren Bild ich ja und amen sage.

 

 

Lyrik | Melancholie
Widmung
Zeit und Ewigkeit | Im Tal von Arosa | Nachts im Wald | Abend im Gebirge | Der Giebel | Neuschnee | Erinnerung an Wolfenschiessen | Ebenengewitter | Traumwald | Nebelweben | Du schlankes Reh | Nebel am Wattenmeer
II: Bezauberung | Evas Haar | Ein Rosenzweig | Schauder
III: In der Sistina | Vor den Fresken der Appartamenti Borgia | Bei der Pyramide des Cestius
Papstjubiläum 1903: Historische Momente nennt's die Menge | Doch haben sie noch ganz die Liebe | Welch glänzender Theatercoup | Angelsachsen | Mönche | Man kennt sich | In den Kirchen | Leo XIII.
Fiesolaner Ritornelle
Aus einem Zyklus: Berlin: Berlin | Junge Ehe | Draußen in Friedenau | Die Allee | Bild aus Sehnsucht | Herbstabend | Der Gärtner
Aus zwei geplanten Büchern: Ein Gedicht Walthers von der Vogelweide | Ein Kindergedicht
VI: Vor dem Bilde meiner verstorbenen Mutter | An P. B.-H. | An E. S. | Sie und Er | Reinheit | Die Primeln blühn und grüßen | Wein und Waffe | Goethe | Tolstoi | Für viele
VII: Schlummer | Schweigen | Gebet | Das Licht | Unheimliche Zeitung | Immer wieder | Sprüche | Worte | Wachsende Unsicherheit | Lehre | In so vielem | Γνώθι σεαυτόν | Dankbarkeit und Liebe | O Freunde, liebt mich nicht | Ewiges Einerlei | Verwunderung | Tragikomödie des Phantasten | O ihr | Die Sonne grübelt nicht | Schule | Es martert dich | Die Lösung ist | Nietzsche | Suprema lex | Je nachdem | Vom neuen Reich | Zu Russischem und Weiterem | Allen Knechtschaffenen | Freiheit | Gelehrte | Moderne Ästheten | Ein Münzen-Bild | Einen Einzelnen abschätzen | Hirn als Mechanismus | Wie süß ist alles erstes Kennenlernen | Walther von der Vogelweide | An Dostojewski | Zum täglichen Leben | Schach, das königliche Spiel | In Wald und Welt | Ein ander Mal | Der Specht


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 2, S. 22ff.


Wikipedia:Fiesole

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