Französische Journalisten-Weisheit

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23. Französische Journalisten-Weisheit
     Teodor de Wyzewa. Chezles Allemands. L'Artet les
     Mœurs.

Das Buch erweckte zweierlei Empfindungen in mir. Zunächst

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Erbitterung gegen den mokanten Schriftsteller, der mit ein paar
blendenden Verallgemeinerungen die Charakteristik einer
Volksseele abtun zu können glaubt, und dann einen tiefen
Schmerz darüber, dass auch der oberflächlichste Franzose noch
einen Schein von Recht hat, wenn er aus einer fertigen Kultur

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heraus auf ein Volk verwundert blickt, das im Ausdruck seiner
Eigentümlichkeit einen einheitlichen Stil noch nicht gefunden
hat.
Wir Deutsche wissen sehr gut, woran es uns noch fehlt - im Gegensatze
zu Herrn de Wyzewa, welcher nicht weiß, woran es ihm

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fehlt. Sagen wir: es fehlte ihm an Bescheidenheit. Wollte er seine
Beobachtungen seinen Landsleuten mitteilen, so hätte er die
Form der "Plauderei", des anspruchslosen Feuilletons wählen
müssen. Ein Buch "Über Deutschland, seine Kunst und seine Sitten",
noch dazu in so kategorischen Urteilen geschrieben, müßte

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ein ganz anderes Wissen und Sich-Versenken zur Voraussetzung
haben. Statt dessen finden wir eine Dürftigkeit und Seichtigkeit,
die einfach hochkomisch wirkt. So wenn er Bach, Beethoven und
Wagner die einzigen außerordentlichen Deutschen seit Dürer
nennt, wenn er über deutsche Kunst neueren Datums sprechend

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in Oberländer den einzigen originellen Künstler erblickt, wenn er
unsere Philosophen nur als fleißige Weiterdenker fremder Gedanken
gelten läßt, als ob in der Philosophie nicht die Hauptsache
eben auf dem Zu-Ende-Denken beruhte. Weit interessanter
noch wird das Buch, als de Wyzewa auf "la vie et les mœurs dans

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l'Allemagne d'à présent" zu sprechen kommt, und unseren
Nachbarn, denen nach dem wohlwollend belehrenden Ton dieser
Schrift zu schätzen, Deutschland gänzlich unbekannt sein müßte,
vom "deutschen Michel", vom "Gemüt" und ähnlichen schönen
Dingen erzählt. Verblüffend ist die Behauptung: du mépris profond,

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continu, invariable de l'homme (Allemand) pour la femme.
Ja diese Verachtung ist nicht von gestern: les contes populaires de
moyen âge expriment à tout instant le mépris de la femme. Au XVI.
siècle de mème qu'aujourd'hui la naissance d'une fille était regardée

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par les parents comme un malheur. Mich wundert, daß der
Verfasser nicht bis auf die Zeiten Veledas zurückgegangen ist. Er
hätte gewiß selbst dort "Belege" für seine "psychologischen"
Analysen gefunden. Er hat gesehen, dass auf öffentlichen Spielplätzen
die kleinen Mädchen und Jungen immer (!) in getrennten

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Gruppen spielen. Er weiß, daß "jamais les plus intimes amis (étudiants)
ne s' entretiennent de leurs maîtresses."
Vor dem Theater sieht der Unglückliche, wie die Ehemänner von
ihren Gattinnen sich trennen und wie dann in der brasserie les
hommes s'installent à une table, les femmes à une autre. Kein

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Wunder ruft er, der Pariser (!) aus, daß nirgends so viel Ehen
geschieden werden wie in Berlin, daß es in Berlin ein Familienleben
überhaupt nicht gibt, daß die Entsittlichung immer mehr zunimmt.

Überhaupt Berlin! Ce grand marché improvisé où l'on ne demeure

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qu'en passant! cette façon de foire permanente! aujour-
d'hui encore, personne n'aime cette ville, étrangers ni Allemands.
Von Berlin kommt alles Unheil über das gute alte ehrliche
Deutschland. Die Berliner kennen kein Zuhause, sie sind beständig
im Bräu, im Konzert, im Cafe, sie erziehen ihre Kinder nicht,

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ils ont trop d'enfants. Der Mädchen höchstes Ideal ist ein Offizier
oder ein Professor: plusieurs professeurs ont épousé de belles jeunes
filles, qui s'étaient éprises d'eux avant de les avoirvus, sur le
seul bruit de leur renommée. Als Gewährsleute fungieren mit
Vorliebe "le pénétrant genie de Mme. de Staël", J.Rodenbergund und

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O. v. Leixner.
Unter der Hochflut lächerlicher Verallgemeinerungen und Orakelsprüche
findet sich gewiss, wie das auf über 200 Seiten kaum
anders möglich, manches Richtige über unsere kunstlose Küche,
über das Tohuwabohu architektonischer Stile bei unseren Hausbauten,

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über die Unsolidität und schwindelhafte Reklame vieler

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Geschäfte, worüber sich mit dem Verfasser sehr wohl disputieren
ließe, zumal sein Stil einen durchaus gewandten und amüsanten
Gesellschafter verrät; sein Gang zu Beethovens Grab könnte
manches vergessen lassen: aber ein "Buch über deutsche Kunst

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und Sitten" ist nimmermehr aus seiner Feder geflossen, sondern
nur eine Reihe höchst subjektiver, höchst oberflächlicher und
zum Teil geradezu unrichtiger Aufzeichnungen. Es muß dies um
so mehr betont werden, als Theodor de Wyzewa in Paris viel gelesen
wird.

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Chr. Morgenstern

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 78ff.